Die Notizen sind leer, weil die schnellen Worte und Ideen und Übersetzungsansätze fehlten, deshalb erscheint alles unzuverlässig wie ein Traum, der mit der offenen Gruppe Le Recueil des Miracles begonnen hat. Und vielleicht steckt im Namen dieser offenen Gruppe um Louis Schild, die behutsam und eindringlich mit Geige, Flöte, Maultrommeln, E-Bass und Schlagzeug und Harmonium einen superweiten Raum durch die Zeiten und Traditionen öffnet, ja die rettende Klammer für diesen letzten Tageseintrag: die Bad Bonn Kilbi als eine Ansammlung von Wundern. Denn das Festival gibt gerade am Samstag Musiker:innen die Bühnen, die unbeirrt ihre eigenen Wege und Kreise gezogen haben und gegen alle Widerstände immer noch ziehen, und jede:r auf die ganz eigene Art den einfachen Weg scheuen: Da ist Marisa Anderson, jetzt solo, die ganz alte Aufnahmen, beispielsweise aus Syrien, transkribiert und sie Teil eines grossen Songbooks werden wird (ohne Vereinnahmung oder Gleichmacherei). Es ist ein wortloses Songbook des Protests und der Trauer, ein privates Songbook auch, das zu ihr nach Hause nach Oregon zieht und ihren Freund, den Kolibri, grüsst. Da sind an diesem Samstag auch Titanic, die Gruppe von I. la Católica und Mabe Fratti, die zu Beginn des Konzerts ihre Songs voller Abzweigungen und offenen Flächen besonders konsequent und joyful auch sehr laut spielt. Da ist Taimashoe, zwei Jahre nach dem Hauskonzert nun auf der B-Stage, mit neuer Band und immer neuer Musik, die im Schlussteil superfunkend ist. Wie diese beiden Konzerte ganz waren, müssen andere erzählen, weil gleichzeitig Interviewzeit mit Chris Imler und später auch mit Naomi Klaus, die während dieser Woche gemeinsam einen Song from scratch entwickelt haben. Zwei Personen, verschiedene Generationen: getrieben von DIY und strangen Sounds, die weit länger als das herzenbrechende Internet leben werden – und was für ein Set das war (Notiz an mich: Mehr durchs Leben gehen wie die Bühnenbewegung von Naomi Klaus). Und da ist fast zum Schluss des Festivals Merzbow, der seit Jahrzehnten Zuflucht im Noise findet und so das traditionelle Japan-Noise-Kilbi-Kontinuum mit möglich gemacht hat. Full circle? Eigentlich nie hier in Bad Bonn. Eher: alles wieder offen.
Die Bad Bonn Kilbi 2025
Die beiden anderen Tage auf splatz.space finden sich hier und hier.
Das Gespräch mit Chris Imler und Naomi Klaus wird in Treffpunkt-Form nachgereicht.
Sowie vielleicht am Wichtigsten: Im Bad Bonn und auch an so vielen anderen unabhängigen Orten finden immerzu tolle Konzerte statt. Besucht diese Orte, damit sie weitermachen können.
splatz.space ist Medienpartner:in der Bad Bonn Kilbi.
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