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«Geht aus dem Weg»

Alabaster DePlume

«Click»

«Click»

So macht doch die Fledermaus, oder?

Sie finden mit diesem Sound heraus, was sie umgibt, ob sie überhaupt etwas umgibt. Und wenn ein Sound zurückkommt, eine Antwort, beginnt die Kommunikation.

Das ist ähnlich wie in einem Gespräch: Wir wissen nicht, was wir sagen werden, wie sich unsere Gedanken entwickeln, also finden wir es heraus, während wir mit jemandem sprechen.

Ich habe mir nicht im Voraus vorgenommen, mit dir über Fledermäuse zu sprechen. Das ist jetzt nur so passiert, da wir uns hier getroffen haben. Und ich bin dankbar dafür, dass du da bist und dir die Zeit nimmst.

...

Ich erscheine unvollständig zu diesem Gespräch, denn ich bin unvollständig. Ich bin verletzlich, und indem ich das zulasse, kann ich herausfinden, was ich glaube, was ich fühle, was ich spüre.

Das ist auch das, was ich an und mit meinen Konzerten erreichen will. Ich buche je nach Ort, je nach Toursituation immer andere Musiker:innen, damit ich neue Dinge über mich und meine Musik herausfinden kann, wie eine Fledermaus, die ihren Click-Sound macht.

Ich liebe es, mit lokalen Musiker:innen zusammenzuspielen. In den USA hatte ich verschiedene Bands in Chicago und in New York. Zum einen will ich damit erreichen, dass ich mich mit verschiedenen Musiker:innen verbinden und austauschen kann – es entsteht eine andere, tiefere Verbindung zum Ort, zur Community, wenn ich mit Menschen, die in der Stadt des Auftrittsortes leben, auftrete. Zudem benötigen wir so weniger Flüge, was auch ermutigend ist.

Diese Art, Konzerte zu geben, bedeutet auch, dass ich unvorbereiteter und verletzlicher bin. Und die Auftritte erzählen mir mehr darüber, wie meine Musik auch klingen kann.

Da ist ein Kind in mir, das spielen will.

Wir spielen ohne Setlist, aber ich habe einen grossen Papierstapel, auf denen Titel und Gedichte zu lesen sind. Dieser Stapel ist wie eine Menükarte. Ich lege die verschiedenen Seiten vor mir aus, und wenn ich auf der Bühne bin, reagiere ich auf das Publikum, auf die Musiker:innen, schaue, wie die Stimmung ist zwischen uns, und basierend auf dem, wähle ich den nächsten Song aus. Manchmal verwandelt sich dieser Song auch in ein neues Stück Musik, und ich freue mich über dieses neue Stück, das ist dann unser Stück Musik, und ich liebe es. Da ist ein Kind in mir, das spielen will – und erinnert an Kinder, die am Boden sitzen und mit ihren Spielzeugen spielen.

Ich weiss nicht im Voraus, wie das Konzert wird. So, damit es unsere gemeinsame Zeit wird. Das hält mich auf Zack und macht Spass, ich empfehle es sehr.

...

Als Teenager war ich Gitarrist in einer Rockband und ich wollte damals, dass die Texte gut sind. Ich schrie meine Texte in diese lauten, kantigen Songs, doch niemand konnte sie verstehen. So nahmen wir während den Strophen unsere Instrumente zurück, aber meine Texte blieben unverständlich. Also sagte ich mir, «fuck it, schreibe ich halt nur Texte, nur Gedichte.»

Erst später begann ich, Saxofon zu spielen, begleitete andere Musiker:innen, unterstützte sie. Bald einmal machte ich beides gleichzeitig, also das Saxofonspiel und das Schreiben der Texte.

Ich mag es, wie man die Musik mit den Texten kontrastieren kann. Die Musik sagt eine Sache, die Texte können genau das Gegenteil ausdrücken. Das Publikum muss dann selber entscheiden, was das bedeutet und welche Gefühle und Stimmungen drin stecken. Ich geniesse das.

...

Meine Musik ist nun schon seit über zehn Jahren draussen in der Welt. Aber die Menschen der Welt antworten genau jetzt auf diese Musik. Die Anziehung, der Erfolg dieses Projekts ist ein Symptom dafür, wie unsere Gesellschaft zu denken beginnt. Die Menschen kommen auf die Ideen, die in meiner Musik stecken, zu.

Das alles mache nicht ich als Person, sondern es ist etwas, das passiert. Ich lasse es zu, ermögliche es. Die grossartigen Sachen passieren einfach. Ich muss nur dafür sorgen, dass es überhaupt passieren kann. The song wants to be sung, der Song will gesungen werden, lassen wir das zu, geht aus dem Weg.

Wenn man an etwas arbeitet, oder Lust hat, an etwas zu arbeiten, aber man ist sich nicht sicher, ob man das auch wirklich verdient hat: get over yourself, geh aus dem Weg, und lasse zu, dass das Lied gesungen werden kann. Damit es passieren kann.

Die Menschen haben nicht einfach Zugang zu allen Teilen von mir.

Natürlich ist es möglich, dass ich mich überfordere, ich meine eigenen Grenzen nicht genügend schütze und ich mit meinen eigenen Ressourcen unverantwortlich umgehe. Aber alle Verbindungen, die ich zu und mit Menschen eingehe, etwa dann, wenn sie mir sehr persönliche Nachrichten schicken, sind echt – und sie geschehen mit mir als Person.

Ich gebe dabei nicht alles von mir preis. Die Menschen haben nicht einfach Zugang zu allen Teilen von mir; ich habe die Kontrolle darüber, wie viel ich ihnen von mir preisgebe. Manchmal gebe ich sehr viel preis, aber die Wahrheit ist: ich gebe nicht einfach nur, sondern es ist ein Austausch.

Es liegt in meiner Verantwortung, dass dies so weitergehen kann und dass dies nicht toxisch wird und zu jenem Moment führt, an dem ich das Gefühl erhalte, die Menschen nehmen mir etwas weg.

Ich glaube also, dass ich verantwortlich mit mir selber umgehe. Aber das ist etwas, das ich im Kopf behalten muss.

...

Du fragst mich, was eine Community ausmacht, wann eine Community zur Community wird. Wenn ich die Antwort wüsste, würde es keine Rolle spielen, wer Teil dieser Community ist.

Entscheidend ist, wer Teil der Gruppe ist, wer involviert ist. Wenn ich sagen würde, was und wie es zu tun ist und wenn ich wüsste, wie etwas funktioniert, dann würde das die Person nicht miteinbeziehen. Es wäre bloss: «du machst das, und dann das, und genau so machst du es, bish bash bosh.» Und dann wäre es egal, wer du eigentlich bist. Aber natürlich ist das wichtig. Sonst würden wir ja nur über das Objekt und über unsere Vorstellung, wie jemand ist, sprechen.

Zu einem gewissen Grad gehöre ich zu den Communities der Labels International Anthem und Lost Map dazu. Dieser Grad der Zugehörigkeit könnte grösser ausfallen, er könnte aber auch kleiner sein. Wann war ich etwa zuletzt auf der Isle of Eigg? Das ist Jahre her. Wann gehe ich zum nächsten Mal nach Chicago, dort, wo International Anthem beheimatet ist? Keine Ahnung. Wenn ich dort leben würde, wäre ich sicherlich ein grösserer Teil dieser Gruppe. Doch bist du, Benedikt, in dem du die Namen dieser Orte und Labels kennst, nicht auch selber bereits Teil dieser Communities, zumindest zu einem kleinen Teil? Es ist ja nicht so wie bei einer Clique, in der es klar heisst: du bist drin, oder du bist draussen.

Jemand aus dem Total Refreshment Centre sagte auch: «Wir sind keine Community, brauch doch dieses Wort nicht». Community ist schlicht ein grosses Wort. Weil sind diese Labels und das Studio wirklich eine Community, oder ist es ein Business, auch wenn es uns keinesfalls darum geht, möglichst viel Geld zu verdienen?

Wir machen schlicht das, was wir wollen, wir schauen zueinander, passen aufeinander auf. Aber wir leben nicht zusammen, sind auch nicht organisiert oder teilen uns den Lebensunterhalt wie beispielsweise die Bewohner:innen einer Kommune.

...

Als ich aus Manchester nach London gekommen bin, suchte ich mit Kollegen nach einem Studio. Ich fand das Total Refreshment Centre und es war der erste Ort, an dem ich als Person wahrgenommen wurde. Sie offerierten mir eine Tasse Tee und ich spürte, dass hier eine gute Energie vorhanden ist.

Wenn ich nicht spüre, dass jemand genau mit mir reden will, dann soll er oder sie mit einer anderen Person sprechen. Und wenn du mir nur sagst, was ich zu tun habe: dann kannst du auch irgendjemand anderen fragen. Denn ich bin nicht dieser Irgendjemand, sondern ich will als mich selber wahrgenommen werden, da bin ich sehr bestimmt.

Ich mache genau das Gegenteil, und überlege mir, warum ich genau diese bestimmte Person frage, ob sie mit mir Musik machen möchte. Und ich liebe das. Wie wüsste ich sonst, ob ich nicht zur weiteren Dehumanisierung der Gesellschaft beitrage? Ich weiss und erlebe es nur, wenn ich die Personen aktiv willkommen heisse, wenn ich mit den Menschen kommuniziere, sie anerkenne, und auf die Persönlichkeit dieser wunderbaren Seelen antworte. Diese Anerkennung: sie gibt mir Energie und sie stand auch im Zentrum bei den Aufnahmen zu «Gold».

...

Glücklicherweise ist es unmöglich, ein wirklich fertiges, definitives Album aufzunehmen, es ist hoffnungslos. Also versuche ich es gar nicht. Auf Tonband aufzunehmen, so wie wir das bei «Gold» machten, hilft schon viel, da es limitiert ist, man kann später nicht einfach alles flicken. So gibt man es bereits auf, es «richtig» hinzubekommen. Und du lässt es zu, dass die Musik für sich selber spricht. Denn nur etwas kann in der Musik perfekt sein, und das ist die Stille.

Ein Stück Musik oder ein Album ist ja nie abgeschlossen. Die Ideen und die Gefühle und die Vorstellungen von jenen, die die Musik hören, vervollständigen es. Ich mache also nur die Hälfte, du machst den Rest. Es gehört zu gleichen Teilen mir und dir.

Ich sagte zu ihnen: «You just want me to play the saxophone, don’t you?»

Letztes Jahr wurde ich als Artist in Residence ans Le Guess Who?-Festival nach Utrecht eingeladen. Ich wusste nicht, was das genau bedeutet und die Veranstalter auch nicht. So entschloss ich mich, unvollständig anzureisen, damit ich die anderen Leute miteinschliessen kann, sie willkommen heissen kann. Ich sagte den Veranstaltern: «Gebt mir einfach ein bisschen Raum und Papier, und ich nenne es Confusion Desk.» Die Besucher:innen fragten mich, was das sei, ein Confusion Desk, und ich sagte ihnen: «Ich weiss es nicht. Aber wir finden es durch unsere Interaktionen gemeinsam raus.»

Manchmal spielten wir Musik, manchmal sprachen wir miteinander, manchmal bewegten wir uns. Manchmal erzählten wir uns sehr persönliche Geschichten, tauchten tief ab in den Diskussionen. Und am Schluss des Festivals spielten wir das Konzert im grossen Saal, und es war unser Konzert. So war das auch bei den Peach-Sessions im Total Refreshment Centre, wir verbanden uns mit anderen Menschen im Raum, damit es unser Space wird.

Ein Beispiel: Ich war am Confusion Desk mit meinem Saxofon, und ein paar Typen sassen herum, schauten mich an, warteten auf etwas. Ich schaute sie auch an, und ich dachte mir: «Ich muss sie irgendwie beschäftigen, sie dazu bringen, irgendwas zu machen, zu tanzen oder zu singen, sie in diesem gegenwärtigen Moment zu erwischen, kurz: irgendeinen Ausdruck von Leben auszulösen, der sie ermutigt. Was kann ich nur machen?» Und sie schauten mich einfach an, und ich realisierte, dass sie darauf warten, dass ich Saxofon spiele. Also sagte ich zu ihnen: «You just want me to play the saxophone, don’t you?» Und sie antworteten: «yeah». Ich sagte dann: «Okay, ich spiele Saxofon, aber nur so laut, wie ihr singt. Ihr müsst also singen, wenn ich spielen soll.» Ich begann ganz leise zu spielen, diese Männer – es waren nur Männer, die sicherlich noch nie gesungen haben – stimmten mit ein, und ich verbrachte und teilte diese Zeit mit ihnen. Und sie sagten später: «das war fantastisch, machen wir das auch am Konzert.»

Wir sangen dann auch in der Show, und das ganze Publikum hat mitgesungen, they fucking sang. So funktionierte das Confusion Desk: die Stimmen von Menschen ein- und zusammenzubringen, die meine Arbeit beeinflussen. Wir machen das zusammen. Das ist das, was ich will.

...

Wir haben nur diesen Moment, in dem wir drin stecken. Doch meistens benötigen wir diesen Moment, um an das zu denken, was folgt. Wir machen uns Sorgen, sagen uns: «Oh, das muss ich später noch erledigen, ich sollte mich besser beeilen.» Oder: «Oh, etwas ist letzte Woche passiert und ich weiss nicht, ob mich die Person jetzt noch mag.» Wir halten uns allzu sehr in von uns erfundenen Welten auf, und verbringen unsere Zeit nicht hier. Oder hörst du diesen Sound, der gerade durch die Anlage dröhnte? Hörst du die Stimmen der Leute hier vor der Bar? Siehst du den Vogel und die Bewegungen des Baumes, der sich nie mehr exakt so bewegen wird? Spürst du die Windstille? Die Energie deines Körpers? Atmest du ein oder aus?

Das ist genau dieser Moment – und ich liebe diesen Moment. Das ist die Realität. Was ich später mit diesem Moment mache? Das ist nicht die Realität, haha.

...

Wir tragen Schmerz, Frustration, Bitterkeit und dunkle Seiten in uns, und vielleicht will ich mit meiner Musik auch helfen, damit wir diese Gefühle rauslassen können.

Und sie gehören zusammen: Wenn wir etwas wirklich sehr ernstes machen, und immer sehr ernsthaft sind – schau, schon bringt es dich zum Lachen! – wenn wir Humor nicht durch unsere Haustür einladen, dann wird er einfach eine Mauer durchbrechen, um reinzukommen. Denn wenn etwas nur todernst ist, zu 100 Prozent, dann wirkt das doch nur lächerlich. Anders: Wenn wir in die Wärme ein bisschen Dunkelheit reinbringen können, erscheint uns die Wärme wärmer. Wenn wir in das Helle ein bisschen Traurigkeit mischen, ist die Traurigkeit trauriger.

Es ist eine Frage der Kontraste. Die Dunkelheit ist im Leben da und ich gebe dem in meiner Musik auch Platz. Dann scheint das Licht auch heller, wirkt heller.

Manchmal ist es auch eine Erleichterung, wenn jemand diesen Gefühlen eine Stimme gibt. Wenn ich Leonard Cohen höre – es gibt Leute, die sich beschweren, Leonard Cohens Musik sei bloss elend und deprimierend – aber wenn ich ihn höre, dann gibt er den elenden Seiten, die ich in mir trage, eine Stimme. Und es ist eine Erleichterung, das zu hören, wenn das jemand in die Welt loslässt. Es macht mich leichter.

...

Mit «Gold» wollte ich ein Stück über Mut und Liebe machen und ich merkte, dass ich Liebe und Mut benutzen muss, um diese Musik aufzunehmen.

Da steckt auch jede Menge drin, die ich im Leben gelernt habe. Sachen, die mit dem Saxofon zu tun haben, Sachen, die ich zwischenmenschlicher Kommunikation oder in Liebesbeziehungen gelernt habe, Sachen, die ich einfach gelernt habe, weil ich am Leben bin. Es sind menschliche Dinge, «human stuff».

Ich weiss nicht, wer die Person ist, die das lesen wird, aber: «We can’t sing the song without living life. You are working on the creative piece that you might make one day by living your life. This is the real work. Go deeper. Go towards the fear. Go forward in the courage of your love. Find out what’s there.»

Wie man das macht, ist eine andere Sache.

...

Aber was meinst du, was die Menschen benötigen?

 

Don’t Forget You’re Precious

Sounds funny but I forget sometimes
I remember to drink
I remember to laugh
I remember to check my Instagram
But I forget that I’m precious
Don’t do it
Don’t forget you’re precious

 

www.alabasterdeplume.bandcamp.com

Die nächsten Konzerte in der Schweiz: 16. und 17. Juli, Buskers Festival, Lugano

 

 

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