Verschollene Geschichten und Orte aufspüren: das macht das Lankum-Mitglied Ian Lynch in den langen Tracks, die er als One Leg One Eye für das Album «…. and Take the Black Worm with Me» aufgenommen hat. Es sind dronehafte Folksongs, die ihren Ursprung in einem brachliegenden Lagerhaus in Dublin haben, Folk-Tracks, die das lineare Erzählen längst aufgegeben haben – und in monumentalen Noises eine Art Frieden finden. Diese Musik auf dem Feld? Könnte eine grosse Wirkung haben.
Weiter mit Folklore, bzw.: «Slacker Trad» für sehr weirde Walks durch rurale Landschaften. Schafe und Kälber? Gibts nicht nur bei One Leg One Eye, sondern auch in dieser Lofi-Mythologie, die von einem mysteriösen Duo aufgezeichnet wurde. Gemacht genau für mich, mir bekannt? Erst seit dem Zuspielen der Kilbi-Namen (danach erst mal die Suchmaschinen anwerfen).
Und noch einmal: Narrenfreiheit in Folklore (im allerweitesten Sinne), dank Jazz Lambaux aus Frankreich. Alte Bagpipe-Instrumente und schwer verzerrte Stimmen und Emo-America-Core? Alles da, für ye old-new Broken-Chart-Jukeboxhits im Kopf – und nach einer Halloween-Konzertreise durch die Lande: jetzt im Kilbi-Rampenlicht.
Sabina Leone geht ihren hypnotischen Weg weiter – mit der aktuellen EP «Rubbish Rubbish», hin zu einer sehr eigen atmenden Drum-Voice-Trance-Musik. Als Auflockerung? Der Titelsong mit Casio-Entspannung gegen den Rubbish. Wie Sabina zu dieser Musik gefunden hat, damals vor dem Konzert am One of a Million, erzählte sie uns im vergangenen Jahr.
More drums – gleich am Eröffnungstag, dank dem atemraubenden Stück «RLLRLRLLRRLRLRLRLLRLRLR» von Julian, das an der Kilbi von vier Drummer:innen gespielt wird. Wie man so ein Motiv überhaupt memorieren und dann so lange spielen kann? Für mich unvorstellbar. More Julian, der bei diesem Konzert «interactive conductor» ist? Auch am Solo-Freitag und am Samstag im Duo Julius Amber.
Switch over in die lose «Rock City» zu einer der tollen Bands der Zeit: Horsegirl veröffentlichten 2025 das Album «Phonetics On and On», produziert von Cate Le Bon, aufgenommen in Wilcos Headquarter in Chicago. Zu hören: Free Wheelin‘ Gitarrenpop mit offenen Herzen.
Knock knock, aber nicht mit einem Überfall, sondern seltsam heimsuchend, öffnet Remo Helfenstein neue Räume. Es sind anpsychedelisierte Räume, die irgendwo im Space schweben könnten, die Wärme ausstrahlen, ehe sie sich wieder entfernen. Hört ihr diese Stimme(n)? Nun, schon sind sie wieder weg. Und so bewege ich mich durch diese sieben Songs und Tracks mit all den Winkeln und Stimmungen (die leicht kippen könnten, die Gitarren zeigen es an), die umarmen – und sich wieder distanzieren. Ein so softly Wegweiser durch das Chaos der Gegenwarten, auf der Kilbi-Bühne in voller toller «Spite»-Besetzung gespielt aka: Klara Germanier, Manuel Troller, Olivier Vogel und Raphael Loher. Mehr zu «Spite»: in diesem Gespräch.
Noisy und dancy (Anderson Do Paraiso! Sherelle!) und überhaupt blitzend ist an der Kilbi immer wieder – stiller und sowieso reich an allen Zwischentönen und -bereichen aber auch. So gibts auch Raum für Flötensongs, dank dem offenen und tollen Flutorama, das von Elvis Aloys initiiert wurde – und keinen Halt machen wird vor den Toren der Dämmerung.
Los Thuthanaka aka die Geschwister Chuquimamani-Condori und Joshua Chuquimia Crampton ermöglichen nicht nur (meinen) eingeschlafenen eurozentristischen Weissbrotohren eine neue psychedelische Hörerfahrung. Die Mittel? Konkrete und heavy Figuren und Riffs der E-Gitarre von Joshua Chuquimia Crampton, daneben und darüber und darunter verschieben und schichten sich die andischen Beats und alle möglichen Drone- und Doom- und Party- und Glitch-Noises. Los Thuthanaka? Schicken mit dieser Musik, die 2025 auf dem Pitchfork-Album-des-Jahres zu hören war, alle hiesigen Raum-Zeit- und auch Fortschritts-Konzepte ins Nirgendwo, was für eine Wohltat. (Hier auch: der Full-of-Lava-Text.)
Zum Schluss: Raus in eine Lagerhalle an den Rändern Utrechts, dort, wo an einem Novembersamstagnachmittag die Gabber-Crews ihre Tanzschritten zeigten. Danach stellte ein eher älterer weisser Mann seinen schwer DIY-präparierten Walk-Hometrainer auf, trainierte los und gab so den Acid-Trance-Takt vor. Dazu leuchtete seine Maschine punktgenau, es war eine grosse staunende WTF-Freude. Nun transportiert Vinnie seine erfinderische Fitnessmaschine an die Kilbi. Und keine Angst: hier wird kein durchoptimierter Muskeldude erscheinen, sondern einfach einer, der ein bisschen Spass haben und schwitzen will.
Das Programm so far
Do, 3.9.2026: A Good Year, Cortisa Star, Dasein, DJ Marcelle, Erreurjean, fantasy of a broken heart, Horsegirl, Prostitute, Renée van Trier, ronr, Sartorius Drum Ensemble RLLRLRLLRRLRLRLRLLRLRLR, Sherelle, Sisso & Maiko, Vinnieragua’s The Hardcore Trainer
Fr, 4.9.2026: Anderson Do Paraiso, DECIUS, Dino Brandão, Flutorama, Greentea Peng, Héloïse, Jazz Lambaux, Josey Rebelle, Julian Sartorius, Kavari, KMRU & Aho Ssan, Makossiri, mark william lewis, One Leg One Eye, Sword II, The Menstrual Cramps, Ugly
Sa, 5.9.2026: Alex Wilcox, bela, Courtesy, DJ Fett, ear, Etienne Blanchot, EUROPA, Julius Amber, Los Thuthanaka, Manic Pixxies, Microplastics, Milkweed, Nyron Higor, Remo Helfenstein Spite, RHR, Seeorgel, Traidora, Ultra Cute, Vinnieragua’s One Man Acid Band
plus more to come
Die Bad Bonn Kilbi 2025 findet vom 3. bis 5. September statt. Alle Infos finden sich hier.
splatz.space ist Medienpartner:in der Bad Bonn Kilbi 2025 und wird im Vorfeld verschiedene Auftretende mit Gesprächen vorstellen – und natürlich auch vom Feld wie gewohnt berichten.
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