Hinter einem Album wie «B:I:G» steckt immer sehr viel Arbeit, und jetzt einfach zu einem nächsten weiterzuspringen, hätte für mich nicht gepasst – und das geht auch nicht einfach hopti-hopp. So wollte ich zunächst einfach Produzent:innen für ein klassisches Remix-Album anfragen – und es passierte das, was bei mir ständig passiert: Aus einer eher kleinen, völlig machbaren Idee, wie Produzent:innen für Remixes einzuladen, deren Umsetzung nicht sehr aufwendig gewesen wäre und auch nicht viel Budget gebraucht hätte, wurde eine grosse Idee – der Albumtitel «B:I:G» hat ja auch dazu eingeladen, etwas Grosses zu machen. Denn als ich begonnen habe, Leute anzufragen, überlegte ich mir: «Okay, eigentlich hätte ich auf einem solchen Album gerne auch Bands und Rapper:innen und Instrumentalist:innen und wen könnte ich denn da alles einladen…». Und so wurde der Kreis immer grösser und grösser.
Beim Abschliessen des Albums kamen mir natürlich dann noch viele weitere Namen in den Sinn, da könnte man ewig weitermachen. So sind nun Leute auf dem Album zu hören, mit denen ich einfach mega Lust hatte, etwas zu machen, aber «Big Hug» ist nun überhaupt nicht abschliessend.
Für «B:I:G:», auf dem «Big Hug» basiert, fragte ich drei Produzenten an: Mit Márton Dobozi habe ich schon oft zusammengearbeitet. Mit Playmob.il habe ich das Album «4xLove:2» gemacht, er ist schon lange in meiner Band. Und auch Noah Ferrari fragte ich, er ist der Sohn von Domenico Ferrari – mit ihm habe ich früher viel Musik gemacht. Marci ist ungefähr in meinem Alter, Ruedi ist um die 30 und Noah um die 20. Und ich dachte mir: das wird lustig, wenn diese drei das Album gemeinsam produzieren. Die Arbeit unter ihnen ist zum Teil sehr kollaborativ gewesen, manchmal entstanden Tracks auch einzeln und so haben wir das zusammen aufgenommen und geschrieben.
Beim Schreiben war es wie jedes Mal. Denn zu Beginn eines Albums denke ich mir immer so: «Wie habe ich das letzte Mal gemacht? He, wie macht man das überhaupt, ein Album schreiben?» Und irgendwann klappt es dann einfach.
Ich gehe beim Schreiben von der Musik aus. Ganz früher hatte ich manchmal einen Text vor den Beats, aber das ist keine gute Idee. Ein Demo eines Tracks ist also immer schon da, und dann schreibe ich über diese Spuren. Manchmal geht es auch noch hin und her mit den Produzent:innen.
Bei «B:I:G» nahm ich noch den letzten Schwung mit aus dieser längeren Periode mit dem Feministischen Streiktag 2019, der so gross gewesen ist, und dem Lockdown, der auf viele auch sehr politisierend gewirkt hat. Die Texte sind auch deshalb viel weniger poetisch verdichtet als auf früheren Alben. Ich hatte ja früher auch schon eine direkte Art, aber vor allem, wenn es ins politische gezielt hatte, war ich nie so deutlich gewesen wie auf diesem Album.
Es gab bei «Big Hug» verschiedene Ansätze: Bei den Rapper:innen, die nun auf dem Album zu hören sind, ging es nur um den Text; die Musik ist bei diesen Tracks mehr oder weniger gleich geblieben. Die Bands erhielten eine Carte Blanche, sie konnten mit mir oder auch ohne mich etwas machen – was auch immer sie gerade wollten.
Auf «Big Hug» sind nun so viele Menschen drauf, mit so vielen verschiedenen Hintergründen, so, dass alle Tracks wieder eine andere Farbe erhalten haben. Das Spannendste finde ich, dass das Album Musiker:innen im Alter von anfangs 20 bis über 70 vereint. Sie sind auf so vielen Ebenen unterschiedlich: Da sind etwa Radon mit ihrem Doom-Metal – nur schade, haben sie mich nicht eingeladen, aber das ist ihre Freiheit, ich hätte da sehr gerne draufgeschrien. Oder Les Reines Prochaines: das Musikalische ist die eine Seite, aber du hast dann auch noch eine andere Ebene im Text. Im Original schaue ich bereits ein wenig zurück, und dann kommen diese 60- oder 70- jährigen Frauen und schauen selber noch einmal zurück, und das ist eine Ebene, die ich sehr schön finde.
Bevor ich Kinder hatte, bin ich tagelang in Cafés gesessen, um Texte für ein Album zu schreiben. Ich lebte wirklich ein Bohemian-Leben, ohne viel Geld, aber es reichte für alles. Und seit ich Kinder habe, ist es halt anders. Jetzt sind sie schon ein bisschen grösser, aber ich habe über die vergangenen Jahre einfach am Abend geschrieben oder wenn sie in den Ferien waren. Für «Big Hug» musste ich ja nicht so viel schreiben, doch ich musste neben meinem eigenen Leben und den Kindern auch alle Musiker:innen organisieren – das ist jetzt nicht gerade meine Lieblingsbeschäftigung – und ich merkte dann: an diese Stelle sollte noch ein 8er hin, also los, mache ich den, zack zack. Das passierte meist irgendwo zwischendrin, wenn es halt einfach passte. Das ist auch das, wofür ich mir bei «Big Hug» auf die Schulter klopfe – du kannst mir das bestätigen oder auch nicht –, aber ich finde, wie ich mich beispielsweise mit dem 8er bei Sun Cousto eingebettet habe oder wie ich auch in vielen anderen Tracks noch so ein Komma hingesetzt habe und mich nicht ausgesperrt habe: auf das bin ich ein wenig stolz.
«Big Hug» ein Alterswerk? Ich werde im Schweizer Rap ja schon seit längerem als Grande Dame gehandelt. Das ist eine mega bequeme und luxuriöse Position, verglichen mit früher. Aber so richtig gespürt habe ich diese Rolle und das Alter erst mit diesem Projekt, mit den ganz jungen Rapper:innen. Aber ich stehe auch in einer ganz langen Linie, da gibts noch ältere als ich.
Ich hatte – glaube ich – einfach ein grosses Glück mit dem Streik 2019 und dem Album, das sich stark auf diese Bewegung bezogen hat und von der ich auch viel genommen habe. So habe ich ein neues, junges und sehr durchmischtes Publikum erreicht. Wenn das nicht passiert wäre? Dann wäre ich wohl einfach weg vom Fenster bei den Jungen – ich bin ja wirklich auch nicht angesagt in dieser Generation.
Vielleicht erhält «Big Hug» nun, für das ich sehr breit zwischen den Generationen und den Musikstilen eingeladen habe, eine andere Aufmerksamkeit als einfach ein weiteres Soloalbum von mir. Man muss schauen, dass man nicht vergessen geht, haha.
Aufgrund der Idee des Albums dachte ich mir für die Konzerte: es wäre eigentlich schön, eine möglichst grosse Band zu haben, am liebsten natürlich ein Orchester. Ich bin aber energietechnisch wie eingeknickt, denn ich wusste nicht, wie ich diese Live-Umsetzung alleine hinkriegen soll. Ich telefonierte mit Martina Berther, sie fand es auch eine schöne Idee, und bot an, bei der Organisation zur Live-Umsetzung den Lead zu übernehmen. Ab diesem Punkt, an dem ich nicht mehr ganz alleine war und nicht alles alleine anreissen musste, konnte ich mir diese «Big Hug Experience»-Shows vorstellen.
Am 20. Februar ist das vorerst letzte Konzert, dann brauche ich erst einmal ein bisschen Pause. Einerseits um mich zu erholen; es ist schon eine rechte Anspannung da, jetzt, vor den Konzerten. Andererseits bin ich schon sehr lange an einer Idee am umechätschä, denn ich möchte schon lange mal einen Musikfilm machen. Videoclips haben wir jetzt schon gemacht, also machen wir ein Rapmusical. Ich war früher ein riesiger Filmmusical-Fan. Ich durfte erst als Zehnjährige TV schauen, wir hatten diesen Sky-Musikvideosender – und TCM, mit all diesen klassischen Hollywood-Musicals von Fred Astaire, die ich ufä und abä geguckt habe. Von dort gings weiter, zu «Purple Rain» von Prince oder «A Chorus Line», einfach alles, was mir gefallen hat. Ich bin also ein riesiger Musicalfan, und ich würde gerne so etwas machen – auf Schweizerdeutsch, mit viel Tanz und Musik. Aber natürlich in gut.
Was ich mag
Big Zis: «Big Hug»
Die «Big Hug Experience» mit vielen Guests unter der musikalischen Leitung von Martina Berther ist erlebbar am 24. Januar im Moods in Zürich, am 30. Januar im Dachstock in Bern, am 5. Februar im Südpol in Luzern und am 20. Februar in der Kuppel in Basel.
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