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«Kaputte Sachen sind immer up to date»

Chris Imler feat. Naomie Klaus

Chris: Ich bin leider, wie sagt man? Notorisch zu spät. Ich bekämpfe das seit Jahren, aber das funktioniert nicht. Ich habe sogar mal ein Stück gemacht: «All I have to say, life needs delay».

Alleine kann man den Timetable zwar ein bisschen stretchen, aber es war ja nicht immer so, dass die Leute auf mich gewartet haben – sondern sie sind dann einfach gegangen. Ich weiss mittlerweile auch, dass das Flugzeug auch einfach mal ohne einen abfliegt. Aber bei der Deutschen Bahn ist es so: Man kann zu spät kommen, man kriegt den Zug trotzdem, weil er noch später ist als man selber. In der Deutschen Bahn habe ich meinen Meister gefunden. Die schlagen mich auf der Position wirklich, ich schwöre es.

Ich kam am Montag hier an, Léa – also Naomie Klaus – kam später, ich habe bloss zwei Züge in Bern versäumt, aber von dort bis hierhin ist es ja ein Katzensprung. Wir wohnen und arbeiten im Hotel Coutellerie, dort war immer etwas los, wir waren nie alleine, aber alle Leute waren sehr nett. Wir schleppten erst einmal all unsere Sachen nach oben, mussten alles zusammenpuzzeln. Denn es war jetzt nicht so, dass da eine PA oder so etwas rumgestanden wäre. Wir mussten etwa erst einen Mikrofon-Ständer zusammenschrauben, der irgendwie funktioniert. Wir machten alles von «the scratch», dafür mussten wir uns erst mal einfinden und uns zusammenraufen.

Wir sind beide ziemlich chaotisch. Ich glaube, wir haben ADHS – das hat ja mittlerweile angeblich jede:r – auf einem Hochleistungsniveau. Also ich sage es mal so: Wir leiden darunter, wir finden es schon auch scheisse. Und wir haben auch Sachen wie pausenloses im Bett wälzen und Restless-Feet-Scheiss. Als meine Grossmutter, kurz bevor sie gestorben ist, im Krankenhaus gelegen ist, hat sich ihr Bein so bewegt. Da dachte ich: «Du Scheisse, da ist es her. Das ist die Linie aus dem Elsass.»

...

Bei Bands ist es ja oftmals so, dass jemand mit einer ziemlich fertigen Idee ankommt und dann heisst es: «Ich spiele dann irgendwas oben drauf.» Bei uns war nichts da, wir haben uns angeguckt nach dem Motto: «Wer zuerst zuckt, hat verloren.» So hatten wir halt einfach irgendwelches Zeug, haben alles noch einmal verworfen und heute Morgen sind wir dann um halb fünf ins Bett. Bis gestern hatten wir zum Song gar keinen Text, hatten auch noch keine Melodie, und hatten nur am Freitag Zeit, das zu proben. Aber: Ich finde es knorke. Duex und die Leute von der Organisation, von der Befreiungsbewegung hier, wie ich sie nenne, hätten glaube ich gerne mehr als nur ein Stück gehabt. Wir wollten aber auch nicht «Agoraphobie» spielen, weil selbst das hätten wir proben müssen, das hat eine ziemlich wilde Struktur. Und dann haben wir gesagt: «So, wir machen ein Stück, das ist ausschliesslich hier entstanden, sozusagen mit Schweizer Muttererde auf Schweizer Muttererde». Und das ist es dann.

...

Wir haben uns zum ersten Mal in Paris getroffen – wir spielten beide am Openair Festival La Station – Gare des Mines, ich weiss nicht, ob du das kennst. Ich spielte auf der einen, Léa auf einer anderen Bühne. Ich habe den Soundcheck bereits gehört und ich dachte mir so: «Hoppla, das ist doch mal interessant.» Wir haben später festgestellt, dass wir uns auch schon mal vorher irgendwo gesehen haben, in Brüssel und so, dort spielte ich auch immer mal wieder. Auf jeden Fall: Wir kennen uns übers Spielen, das ist aber auch schon einige Jahre her. Und wir haben dann festgestellt, dass wir im Geist absolut Verwandte sind. Und übrigens: wir hatten jetzt auch musikalisch nicht einen Dissens, das habe ich normalerweise sonst nie. Also das war dann oftmals so: «Naja, you know what I think? Maybe… this is a bit weak on this position.» Und dann sagt die eine Person so: «Hm, Scheisse, habe ich gerade drüber nachgedacht. Ich wollte es nicht ruinieren, dachte, war so gerade entstanden.»

Aber wir sind auch ziemlich perfektionistisch. Das klingt jetzt ein bisschen zu negativ, aber wir schauen auf die Details, was vielleicht auch ein Unterschied zum Mainstream ist, der einfach so durchrauscht. In den Geschichten, die wir machen, da geht es genau um diese Details, die den Unterschied ausmachen. Wir nehmen nicht einfach irgendwelche Preset-Sounds, sondern versuchen diese selber herzustellen, da wir auch kaputte Maschinen lieben – weil die sind immer aktuell. Kaputte Sachen sind immer up to date, verlieren nie an Modernität. Im Grunde genommen sind das immer Prototypen einer neuen Welt. Wir probieren viel herum an der Verzahnung von Rhythmik, oder diskutieren auch so: «Das wird zu süss, da muss aber jetzt schon noch mal … Und was ist eine Verstimmung? Soll diese wirklich so weit gehen? Oder was ist ein shakey Basslauf? Tüt, tüt, tüt, tüt…» Du kannst es auch so machen, dass es richtig raushaut. Das ist manchmal geil, aber wir haben schon auch Bock, dass wir das selber als schlecht gelaunte Konsumenten gut finden können. Also dass man so raushumpelt und einfach sagt: «Das ist okay. Ein bisschen komisch vielleicht…» Das ist das, was mich als Kind auch so fasziniert hat. Mein Cousin, der war viel viel älter als ich, so 15 Jahre, hörte Velvet Underground und ich dachte mir immer: «Wow, was für ein schräger Scheiss!» Ich hatte einen tierischen Respekt vor ihm. Und dann habe ich mehr reingehört und dann bekommt man Respekt für funktionierende kaputte Sachen. Sachen, die man aber noch nutzen kann, die nicht völlig im Arsch sind. Aber die so was haben, wie soll ich sagen? Es gibt ja dieses Zitat, von wem ist das jetzt noch mal? Egal, wo so ein Riss drin ist. «There’s a crack in everything. This is where the light comes in.» Ah, Leonard Cohen. Grossartiger Text auch. Wahnsinniger Typ, also nicht, dass ich alles durchwinken könnte, aber dieses Zitat ist fantastisch. Denn das stimmt halt einfach.

...

Wenn du alt genug bist, sind quasi alle Brücken schon abgebrochen, das ist dann so. Hinter dir ist quasi das Meer angeschwollen. Da gibt es einfach kein Zurück mehr. Ich bin jetzt, glaube ich, bei so einem biblischen Vergleich gelandet. Aber es ist halt so. Es ist auch anstrengend: Manchmal wäre man gerne etablierter. Ich bin viel im Ausland. Dann denken die immer, das ist jetzt die «time of my life» und ich müsste mit denen jetzt unbedingt bis 4 Uhr morgens in diese Salsabar ohne Licht. Wir hatten das in Lissabon. Und am Schluss bin ich statt im Hotel beim Veranstalter auf dem Sofa um halb sechs Uhr eingepennt. Diese Sachen passieren schon sehr oft. Und das ist natürlich schon so, dass man dazwischen schon mal denkt: «Oh Gott, morgen wieder dasselbe Ding.» Und du willst die auch nicht alle enttäuschen. Und das ist auch oft geil.

Weg zu sein, ist eine Geschichte, das Reisen nervt halt ungemein. Doch da ich auf meine Art und Weise so «Special Interest» bin, habe ich immer mit den netten Leuten zu tun, egal wo ich hinfahre.

Ich mogle mich halt irgendwie durch. Und es ist halt irgendwie prekär, aber es geht. Es geht noch, muss ich sagen.

...

Léa kommt zum Gespräch dazu:

Léa: Ich bin ein grosser Fan von Chris und seiner Musik. Wir kennen uns schon seit Jahren, ich glaube seit sechs Jahren oder so?

Chris: Ich habe Benedikt schon erzählt, dass du im La Station auf der anderen Seite gespielt hast und ich auch den Soundcheck gemacht habe. Ich dachte nur: «Oh mein Gott, das ist cool.» Und wir haben uns auch in Belgien getroffen.

Léa: Ja, wir haben uns schliesslich auch in Brüssel getroffen. Also: Wie haben wir zusammengearbeitet? Wir sind so verrückte Leute und nicht wirklich organisiert. Wir hatten gemeinsame Ideen und haben viel gespielt. Wir waren so: «okay, wir sind die Art von Menschen, die wirklich etwas gemeinsam machen wollen und nicht nur etwas mitbringen, das bereits existiert und auf dem der:die andere Person dann spielen kann.» Es war also etwas schwieriger, weil wir bei Null angefangen haben, damit etwas wachsen kann. Eigentlich sollten wir ein paar Tracks mitbringen, und jetzt haben wir nur einen Track, aber wir haben viel daran gearbeitet. Dieser ganze Arbeitsprozess dauert halt lange. Vielleicht findest du eine coole Line, und dann willst du sie neu strukturieren, willst, dass sie gut klingt. Das dauert lange. Wir wissen nicht, wie es wird. We will see.

Wir haben beide unsere ganz eigene Ästhetik. Aber ich denke, es war einfach, weil wir gemeinsam gesucht haben. Es war nicht so: «Oh, aber ich will das oder ich will das.» Es war also super entspannt. Aber es ist nicht easy, weil wir beide ADHS haben, wir sind so verrückte Vögel. Manchmal verloren wir uns, manchmal waren wir hyperkonzentriert und arbeiteten an einem Detail, aber die Zeit lief davon. Und wir sagten uns: «Come on baby, wir haben noch immer keine Struktur.» Das war so lustig: Als Daniel wegen diesem Feature anfragte, antwortete Gilles: «Ich kann nichts garantieren, denn beide sind auf ihre ganz eigene Weise ein bisschen verrückt, und auch Perfektionist:innen, aber in gewisser Weise sind wir ähnlich.»

Das Schlimme ist die Zeit für uns. Unter Termindruck und mit kurzen Deadlines sind wir nicht so frei in unserer Kreativität. In zwei Wochen würden wir vielleicht vier Songs machen. Aber wir haben drei Tage gebraucht für einen Song.

Chris: Wir mussten auch ein Setup finden. Wer macht was? Welche Maschinen haben wir und wie verwenden wir sie? Und wer macht was? All das.

Lea: Wir hatten eine andere Art zu zählen, den Takt und alles, denn Chris ist Drummer und ich arbeite viel mit dem Sequenzer. Also hat es Zeit gebraucht, bis wir uns einig waren, wie wir zählen. Ich spreche auch schlecht Englisch.

Chris: Ich auch.

Benedikt: Ich auch.

Lea: Also waren wir beide so: Was, was meinst du? All diese Details nehmen viel Zeit in Anspruch. Aber ich meine, wir haben eine schöne Zeit verbracht. Und unser Song, denke ich, ist nicht der Hit des Jahres, sondern ein super cooler Anfang.

Chris: Wir setzen uns auch unter Druck, denn wir dachten, wir müssten diesen Wow-Moment hier am Festival schaffen. Doch wir mussten ja auch einen Songtext schreiben. Aber wir haben nun zum Glück einen gefunden, du wirst es sehen.

Kilbi-Person: Darf ich kurz unterbrechen? Im Zelt dort drüben gibts gleich einen Wow-Moment, denn euer Abendessen steht bereit.

Chris: Das ist ein Wow-Wow-Wow-Moment.

Léa: Wir kommen in fünf Minuten.

Benedikt: Léa, du hast gestern auch aufgelegt im Club…

Léa: Ich war zuvor noch nie DJ. Doch als mich Daniel gefragt hat, ob ich auflegen könnte, dachte ich mir: «Oh, ich bin ein schlechter DJ, aber okay, ein paar Songs in der Bar kann ich spielen.» Ich wollte es aber trotzdem cool machen und war dann super gestresst.

Chris: Es war super toll. Du warst zwar unsicher, aber wir hingen an der Bar, weil es im Raum zu voll war, und wir tanzten.

Léa: Ich habe eine Menge Zeit reingesteckt, all die Edits zu machen. Auch wenn ich kein DJ bin, dachte ich mir: «Ich mag diesen Teil des Tracks nicht, also schneide ich diesen Teil raus und mache den anderen in Ableton länger.» Und zu Beginn des Sets funktionierte nichts. All diese Leute kamen rein, ich habe mir nur die Haare gerauft und gedacht: «What the fuck, what the fuck?» Aber irgendwie hat es dann funktioniert. Es ging dann einfach darum, einen Song mit den Menschen zu teilen. Und es wurde auch ein bisschen getanzt. Ich wollte auch etwas sagen, aber ich hatte gar kein Mikrophon…

Chris: Hey, du musst noch deine Earphones, ehm, deine Headphones holen…

Léa: Ah ja, die muss ich noch holen, ich habe auch mein Telefon gestern auf dem Tisch vergessen.

Chris: «Earphones», siehst du? Und verlier das Interview nicht!

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