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«Ich brauche das Chaos»

Clara Heinrich

Leadora: Als erstes muss ich wissen, wie dein Sauerkraut von unserem Workshop wurde?

Clara: Ich habe gar kein Glas davon mitgenommen. Wie war deines?

Leadora: Ich habe es an der BuchBasel den ganzen Tag rumgeschleppt. Schlussendlich ist es geschimmelt! Ich war so traurig.

Clara: Oh nein! Vielleicht war es auch Kahmhefe?

Leadora: Hm, vielleicht. Ich habe es dann trotzdem noch probiert, unter der Schimmelschicht, und es hat ganz gut geschmeckt. Aber danach habe ich es weggeworfen. Ich hab mich nicht getraut, das Ganze zu essen.

...

Leadora: Du hast 2025 im aki Verlag deinen ersten Roman publiziert – «Pusztagold» – der auch gleich für mehrere Literaturpreise nominiert wurde. Du hast Politikwissenschaften und Sprachkunst studiert, du führst eine Marktgärtnerei im Osten von Österreich. Und du leistest viel Sorgearbeit. Was antwortest du auf die Frage nach deiner Arbeit?

Clara: Das ist eine Frage, die ich mir oft selbst stelle. Ich arbeite als Landwirtin und Gärtnerin, und ich arbeite als Autorin. Trotzdem würde ich nicht sagen, dass ich Landwirtin bin. Vielleicht noch eher Autorin. Jetzt, wo das Buch draussen ist. Bei der Sorgearbeit fällt es mir schwer, sie als meine Arbeit zu bezeichnen, das ist ja kein Beruf. Auch wenn viel davon faktisch Arbeit ist.

Leadora: Ich kenne dieses Unwohlsein von der Pflege meines Vaters. Einerseits ist Sorgearbeit ja nicht einfach Arbeit aus Liebe. Und es ist mir wichtig, das hervorzuheben. Gleichzeitig liebe ich den Menschen, um den ich mich sorge. Ich möchte diese Arbeit auch nicht kapitalisieren. Verstehst du, was ich meine?

Clara: Ja klar. Ein Kriterium für Arbeit könnte vielleicht auch sein: Verspüre ich dabei Lust oder Unlust? Ich glaube, ich bezeichne eher das als Arbeit, was ich als mühsam empfinde: Zum Beispiel Hausarbeit. Da fällt es mir gar nicht schwer, sie als Arbeit zu bezeichnen. Natürlich ist es auch manchmal so, dass ich keine Lust darauf habe, einen Text zu überarbeiten oder es mir schwerfällt. Aber oft erfüllt es mich eben auch.

Leadora: Und bevor du «Pusztagold» geschrieben hast, hast du dich da auch schon als Autorin bezeichnet?

Clara: Nein. Wenn, dann vielleicht eher als Lyrikerin. Ich habe davor eigentlich nur Gedichte geschrieben.

Leadora: Das wusste ich nicht. Aber es überrascht mich auch nicht. Ich merke «Pusztagold» deinen Hang zur Lyrik an. Eine ganz pragmatische Frage: Wann und wo schreibst du?

Clara: Ich schreibe am liebsten morgens im Liegen auf einer Matratze im Wohnzimmer. Die Matratze ist eigentlich für meinen Partner, der schwer an ME/CFS erkrankt ist. Aber morgens, bevor er aufsteht, schreibe ich am liebsten dort. Mein Schreibrhythmus ist auch jahreszeitenabhängig. Im Sommer muss ich morgens im Garten arbeiten, weil es danach zu heiss wird.

Leadora: Ich mache jetzt einen kleinen Schlenker in die Literaturgeschichte. Virginia Woolf hat in ihrem berühmten Essay bereits darauf hingewiesen, dass die Schreibbedingungen auch das Schreiben und die Textform beeinflussen. Kein eigenes Schreibzimmer zu haben oder kein abgeschlossenes, ruhiges, sondern vielleicht eines, das wir mit anderen teilen, mit einer offenen Tür, hat zur Folge, dass wir beim Schreiben unterbrochen werden. Daraus entstehen andere Texte, kürzere vielleicht, fragmentarische. Vielleicht spiegelt das auch die zersplitterte Alltagserfahrung vieler Frauen oder Menschen, die Fürsorge leisten, wider. Es gibt eine sehr schöne Textstelle dazu aus dem Roman «Schäfchen im Trockenen» von Anke Stelling:

«Es tut mir leid, dass hier alles so zerrissen scheint», entschuldigt sich die Protagonistin für ihren aus Bruchstücken, Notizen und Listen zusammengesetzten Bericht. «Ich hätte gern mehr Stringenz, eine erkennbare Einheit, einen Trost für alle, die auf der Suche sind. Doch ich bin, wer ich bin, und ich werde nicht mehr so tun, als hätte ich dieselben Voraussetzungen wie, sagen wir mal, Martin Walser.»

Siehst du auch einen Zusammenhang zwischen dem fragmentarischen Schreiben und Fürsorgearbeit?

Clara: Ja. Ist meine schnelle Antwort. Aber wenn ich genauer darüber nachdenke, dann hatte ich diese fragmentarische Form schon gefunden, bevor mein Partner erkrankt ist. Vielleicht hat es also auch vielmehr mit meiner Persönlichkeit zu tun. Vielleicht entspricht es auch eher unseren Erfahrungen, heute in der Welt zu sein. Dieses mehrere Tabs nebeneinander offen haben. Wenn wir uns über Themen informieren, lesen wir ja meistens nicht einfach ein ganzes Buch. Es sind mehrere, parallele Suchbewegungen. Manche brechen wir wieder ab.

...

Leadora: Ich möchte mit dir über Autofiktion sprechen. In «Pusztagold» geht es immer wieder um die Frage nach der Wahrheit oder Fiktion des Geschriebenen. Deine Protagonistin wird immer wieder gefragt: «Ist das deine Geschichte? Ist das alles so gewesen? Ist das autobiographisch? Ist das echt?» Und antwortet: «Ich sage: Na ja, es ist schon Literatur. Sage: der Text wurzelt hier in meinem Alltag. Zeige auf den tonhaltigen Boden und sage: Wenn ich daraus eine Schüssel forme und brenne, ist es ja auch immer noch Ton. Nur die Form ist eine andere.» Nerven dich diese Fragen in der Wirklichkeit?

Clara: Mich nerven die Fragen rund um Autofiktion nicht, ich beschäftige mich auch damit. Ich habe neulich in einem Interview mit Chris Kraus den Begriff «Transfiction» gelesen. «Trans» im Sinne von transkribieren von Stimmen. Und dann weitertragen – in literarisierter Form. Und dabei immer auch etwas hinzudichten oder auslassen. Natürlich sind die Figuren in meinem Buch real. Und viele der Eckdaten. Aber die Sätze, die ich ihnen in den Mund lege, sind erfunden. Sie könnten so gesagt worden sein. Aber sie sind literarisiert, weil sie Brücken bilden für die Geschichte, die ich erzählen will. Ausserdem bedeutet literarisch Schreiben ja auch, etwas bedeutsam anzuordnen. Herumzuschieben. Genauso zu arrangieren und nicht anders. Ich hab mich zum Beispiel viel mit dem Anfang auseinandergesetzt. Mich immer wieder gefragt: Wo beginnt meine Geschichte?

Leadora: Mich macht es wütend, dass Autofiktion so unterschiedlich bewertet wird, je nach Autor:in. Bei Knausgard etwa ist sie genial, bei Isabel Lehn banal. Oder «Frauenliteratur», was aufs Gleiche hinausläuft. Ausserdem haftet der Autofiktion an, die weniger anspruchsvolle Form des Schreibens zu sein. Das Erfinden, die Fiktion als die höchste Kunstform. Ich lese in den Feuilletons zurzeit oft von einer gewissen Übersättigung: Alles sei heute autofiktional, alles Nabelschau, alles Ich-Perspektive. Ich denke, das greift zu kurz. Dieses Urteil wird den vielfältigen Texten, die hier in einen Topf geworfen werden, überhaupt nicht gerecht. Wie erlebst du das? Wie hältst du es mit dem Erfinden? Hinzudichten? Erinnern?

Clara: Ich denke es ist eine Frage der Transparenz. Ohne diese zu bewerten. Ich gehe einfach sehr transparent damit um, woher ich meine Ideen habe. Aber alle Texte entstehen ja in einem Kontext. Im Kontext ihrer Autor:innen. Es ist immer eine bestimmte Person, die einen Text schreibt mit bestimmten Erfahrungen. Manchmal wird das eben transparenter gemacht und manchmal weniger. Und ich würde auf keinen Fall wollen, dass es nur einen Weg gäbe.
Es gibt doch auch in der Vergangenheit viele Werke, die wir heute vielleicht als Autofiktion bezeichnen würden. Damals gab es bloss den Begriff noch nicht. Und diese Fokussierung auf die Ich-Perspektive, die du ansprichst: Für mich ist das einfach ein Tool, ein Werkzeug, um auf die Welt zu blicken. Das bedeutet nicht, dass der Blick deswegen Ich-zentriert oder egoistisch sein muss.

Leadora: Du hast auch studiert, wie eingangs erwähnt. Ich finde, insbesondere zu Beginn des Buches merkt man dir deine wissenschaftliche Arbeits- und Ausdrucksweise an. Nachher entfernst du dich schreibend davon. Wozu taugt (er-)forschen und theoretisieren und wozu eher nicht?

Clara: Dass der Beginn des Buches sich so deutlich vom Rest unterscheidet, hängt vor allem damit zusammen, dass ich ihn vor «Pusztagold» geschrieben habe. «Pusztagold» beginnt eigentlich erst im Mai, wobei das Kapitel genau genommen «Juni» heisst. Und doch wollte ich den Anfang, den Rahmen, diese Vorarbeit drin haben. Weil sie ist wichtig für das Buch. Mein Politikwissenschaften-Studium hat mich natürlich geprägt: Gehe ich ins Feld? Gebe ich mich zu erkennen oder beobachte ich nur? Wie weit gehe ich dabei? Auch beim literarischen Schreiben habe ich mir diese Fragen gestellt.

Leadora: Zu deiner Arbeitsweise sind mir viele Verben eingefallen, die dazu passen. Ich würde mit dir gerne noch darüber sprechen. Zuerst suchen, sammeln, archivieren: «Pusztagold» ist ein Archiv. Ein Archiv der Obstsorten, der Wintergemüse, ein «Archiv der Bäume im Garten» und auch ein Körperarchiv. Wie sieht dein Archiv oder deine Bibliothek aus?

Clara: Es ist ein Chaos! Ich brauche Chaos. Ich liebe das. Damit ich es dann sortieren kann. Wenn es von vornherein schon geordnet und strukturiert ist, dann habe ich keine Lust darauf. Ich sortiere auch immer wieder neu. Das mach ich genauso auch bei meinem Saatgut. Ich habe auch ganz viele lose Blätter und Notizzettel. Früher war ich viel mehr unterwegs als heute. Da habe ich immer auf Notizzettel oder Rückseiten irgendwelcher Blätter geschrieben. Ich habe alles aufgeschrieben, ich wollte alles sammeln und bewahren. Aber du musst die Dinge ja dann auch zuerst wiederfinden.

Leadora: Nähren, ernähren: Wir haben jetzt schon Ende Januar. Aber: Was hat dich letztes Jahr genährt?

Clara: Das letzte Jahr war sehr voll, aber auch sehr erfüllend. Ich würde sagen die Texte und Filme, in die ich hineingetreten bin. Sie haben mich genährt.

Leadora: Sprechen, fragen, antworten, zitieren: Die Kochbuchautorin Laurie Colwin schreibt «no one who cooks, cooks alone», gilt das auch fürs Schreiben? Die Widmung in «Pusztagold» lautet nicht «für», sondern «mit»: «Mit Amar Halilovic». Inwiefern ist «Pusztagold» kollektiv geschrieben?

Clara: Die Menschen, die drin vorkommen, haben «Pusztagold» mitgeschrieben. Vielleicht nicht im wortwörtlichen Sinn, ausser bei A. Und K. Die beiden haben sich tatsächlich in den Text eingeschrieben. Es gibt zum Beispiel diese Stelle, wo A. seine Blutwerte wie ein Gedicht liest. Diese Stelle hat A. geschrieben. Für mich ist die Frage vielmehr: Ist nicht das Genie im stillen Kämmerchen Fiktion? Das Genie, das alles aus sich selbst schöpft und niemand anderen braucht?

Leadora: Ich habe zum Schluss noch eine Frage in eigener Sache, weil ich mich immer wieder mit Menschen darüber streite. Sie ist auch ein bisschen inspiriert von deinem wunderschönen Buchcover: Sind alle Hagebutten Rosen?

Clara: Hm, da bin ich keine Expertin. Ich würde sagen ja, aber nicht alle Rosen sind Hagebutten.

Clara Heinrich

«Pusztagold» von Clara Heinrich ist im aki-Verlag erschienen.

Clara Heinrich hielt im Januar am aha!-Festival in Luzern den Eröffnungstalk zur Frage «Was weiss die Literatur, was die Wissenschaft nicht weiss?».

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