Meine Musik ist sehr stark übers Hören geprägt. Ich suche nach Klängen, die etwas in mir berühren. Das mache ich auch live: Wenn ich auf die Bühne gehe, habe ich selten einen genauen Plan im Sinne von: es muss genau dieser Sound in dieser Reihenfolge sein. Ich habe einfach eine grobe Ahnung davon, wo die Klänge sind, die mich «kitzeln» und emotional berühren. Sehr oft ist das auch eine Zusammenarbeit und ein Zusammenspiel zwischen meinen Emotionen, die ich mit Klang transformieren will, und dem Publikum, das ich miteinbeziehen will.
Ich habe mich stark mit Songwriting auseinandersetzt und lange versucht, Songs in Ableton zu bauen, mit Bridge und Chorus und allem. Ich merkte: Woah, das geht gar nicht, ich komme überhaupt nicht rein und fühle es null. Für die «Lakeside EP» probierte ich es deshalb genau andersherum: Ich näherte mich vom Livespiel an, so, wie auch ich den Zugang zur Musik jeweils finde – doch die EP sollte nicht einfach eine Live-Aufnahme werden, sondern etwas Konzentriertes.
Der grösste Teil des Tapes entstand in einer selbstorganisierten Residenz. Ich war auf der Insel Reichenau auf dem Bodensee. Es gibt ja diese Fotos und Videos, in denen Musiker:innen mit ihren modularen Synthies in der Natur sitzen, und ich dachte mir bei diesen Bildern immer: ja, ja, schon gut… Und dann entdeckte ich auf der Insel beim Wasser wirklich eine Steckdose – ich dachte, ich spinne… Ich hatte ein Verlängerungskabel dabei, konnte deshalb noch näher ans Ufer und ich sass dann wirklich direkt am Wasser. Ich suchte nach Sounds, ging mit dem Flow, das war schon recht «magic».
Ich war damals in einer emotionalen Krise und alles floss in diese Recordings ein. Als ich beim Spielen jeweils gemerkt habe: «Jetzt, das finde ich geil», habe ich die Passage mit dem Zoom direkt aufgenommen. Anschliessend baute ich diese Teile wie rückwärts nach, reproduzierte die Sounds und Patterns, damit ich sie in Ableton neu arrangieren und mischen und layern kann. Ich machte das so lange, wie ich Lust gehabt habe, und so ist eine Bibliothek aus Sounds und Patterns entstanden, die die Basis der EP ist.
Ich wollte auch Vocals und Worte, und der Text von Laura Leupi hat mir sehr viel bedeutet. Und im Bad der Ferienwohnung gab es einen richtig tollen Hall, ich begann dort zu singen und zu jodeln, auch das habe ich aufgenommen. Ich nahm auch Blockflöten-Spuren auf, so kam eines zum anderen.
Nach den eher düsteren Sounds brauchte ich noch etwas, das diese Stimmung auflöst. Diese Auflösung findet sich im letzten Track «Drawing Circles» mit dem Klavier, dieser Track fällt ja aus dem Rahmen. Entstanden ist dieser in den Powerplay Studios während einer Helvetiarockt-Residenz. Ich durfte drei Tage lang das Studio benutzen, alles wurde aufgenommen, und ich improvisierte zum Spass einfach ein wenig am Klavier. Wir nahmen das auf Tonband auf – das war so toll, wie das durch diese riesigen Walt-Disney-Mischpulten aus den 70ern durchging. Später sprach Julia Toggenburger einen Text, den sie anhand einiger Stichworte von mir geschrieben hat, über die Klavierspur. Ich gab dann das Material weiter zu Nora, nach ihrer Arbeit hat alles nochmals geiler getönt. Dieser Schritt war für mich auch sehr wichtig: noch einmal einer Person zuzuhören, die sagt, wo die EP funktioniert – und wo ich noch etwas umstellen muss. Wir spielten eine Art Pingpong, bis die nun veröffentlichte Version fertig war.
Für die Plattentaufe im Kaff in Frauenfeld habe ich elf Künstler:innen eingeladen. Wir bildeten ein Impro-Orchester – ich wusste nicht, ob es funktioniert – mit Tuba, Schlagzeug und Perkussion, Cello, viel Elektronischem und vielen Stimmen. Der Abend war für mich wie Weihnachten und Geburtstag zusammen. Weil das ist das, was mir am meisten bedeutet: Räume und Verbindungen zu schaffen, gemeinsam mit anderen Musiker:innen, Künstler:innen oder Filmemacher:innen.
Ich bin ein sehr konzeptueller Mensch. Einerseits suche ich das Improvisierte, das, was im Moment entsteht. Doch da ich auch bildende Künstlerin bin und anders als bei der Musik einen akademischen Hintergrund habe, bin ich es mir gewohnt, Ideen in Sprache umzusetzen und Konzepte zu schreiben.
Bei der Dokumentarfotografie – das, was ich gelernt habe – ist es oft so: Das Thema ist da, ich dokumentiere etwas – ein Ort oder einen Menschen oder irgendwas – und versuche dieses zu übersetzen. Bei der Musik ist es umgekehrt: Ich habe einen emotionalen Zugang und es kommt sehr vieles aus dem Machen. Und doch versuche ich das später, in Sprache zu übersetzen. Als ich die Grundsounds für die «Lakeside EP» gehabt habe, habe ich mir überlegt, was meine Themen sind, um was es mir geht, was ich gerade am verarbeiten bin. Ich versuchte also, meine Musik zu verbalisieren – deshalb die Texte auf der EP.
Ich suche sehr oft nach dem Bogen, nach jenem Moment, wenn es sich für mich ganz anfühlt, wenn ich mitgehen kann und wenn es eine Geschichte erzählt. Diese ist nicht auserzählt, sondern soll poetisch wirken. Meine Wunschvorstellung ist, dass die Sounds oder die Bilder, die ich mache, in anderen Menschen auch eine Resonanz auslösen.
Es geht mir aber nicht darum, dass ich meine Geschichte erzählen will, sondern ich versuche einen Raum zu schaffen, in dem Menschen connecten können, mit eigenen Geschichten, mit eigenen Emotionen oder auch mit eigenen Projektionen. Genau dann wird es für mich interessant, danach suche ich. Das ist sehr schwierig zu beschreiben, es gibt so viele kitschige Worte wie «the spark» oder so…
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Ich habe immer Musik gemacht, auf Laienniveau spielte ich früh Klavier und auch Kirchenorgel, dazu ganz lange Blockflöte. Ich wurde in der katholischen Kirche sozialisiert, und dort ist die Musik immer präsent. Als ich in Berlin Fotografie studierte, fiel das Musikmachen wie weg. Ich arbeitete aber immer in Kultur- und Konzertlokalen, diese Orte prägten mich sehr – Live-Musik war immer sehr wichtig für mich.
Nach dem Studium – ich war immer wieder in der Schweiz für Ausstellungen und andere Aufenthalte – ergab es sich, dass ich im Palace in St. Gallen Abendverantwortungsschichten übernehmen konnte. Ich sah so die ersten Abende des Chuchchepati Orchestra von Patrik Kessler und ich fand es so gut, was sie gemacht haben – bis dahin hatte ich wenig bis gar keine Berührungspunkte mit Free Jazz und neuer experimenteller Musik.
Als noch nicht definitiv war, dass ich in der Schweiz bleiben werde – in Berlin hatte ich immer noch eine Wohnung – zog ich in eine Zwischennutzung zu einem Künstler. Er hatte zuhause sehr viele semimodulare Synthies. Mit diesen begann ich herumzuspielen und es hat mich einfach gepackt und voll reingezogen. Ich wusste: das ist mein Instrument.
Bei modularen Synthesizern ist man zunächst mega lost: Wo beginne ich? Ich schaute also nächtelang Youtube-Tutorials, eignete mir einige Skills an. Es ist eine Kombination zwischen Sich-Reinnerden und einfach ausprobieren.
Ich begann mich mit Menschen im Palace zu connecten, die Stahlberger-Jungs Domi Kesseli und Michi arbeiten ja alle dort, und sie haben mich sehr unterstützt und Sachen ausgeliehen. Wir jammten und spielten gemeinsam, ich verbrachte also sehr viel Zeit mit Jungs, bis ich mich fragte: Wo gibt es denn hier überhaupt Frauen?
So gründete ich einen Raum, den Salon Vert. Basically war dieser Raum einfach mein Atelier mit einem grünen Teppich. Das war wie mein Vorwand, Künstler:innen und Musiker:innen einzuladen, die mich interessiert haben. So fand ich in die Szene rein: Ich lernte von den Artists sehr viel, nahm alles auf, machte eine Radiosendung draus und lud das auf Soundcloud rauf. Ich wurde auch selber eingeladen zum live spielen, es wurde wie ein Selbstläufer. Ich spürte, das liegt mir, einfach reinzugehen und zu schauen, was im Raum entsteht.
Einer meiner ersten Gigs war im Royal in Baden, ich spielte als Support von Hyperculte. Paul, der Teil der Band war, hat mich danach ans Les Digitales in Genf eingeladen, dort konnte ich am gleichen Abend wie Belia Winnewisser und Simon Grab spielen, und die beiden haben mich wiederum nach Zürich für ein Konzert eingeladen… Und so ging das immer weiter.
Ich studierte Dokumentarfotografie in Berlin an der Ostkreuzschule – so etwas wie das deutsche Pendant zu Magnum – die zur Wendezeit entstanden ist. Die Fotograf:innen der Ostkreuzschule sind alle im Dokumentarbereich tätig, sie befassen sich mit humanistischer oder politischer Fotografie und gründeten auch die Schule, die ich absolviert habe. Sie setzen auf analoge Fotografie – jetzt hat sich das ein wenig geändert –, ich hatte also sehr viel mit Material gearbeitet. Das Haptische und Materielle ist auch das, was mich in der Musik interessiert.
Meine Abschlussarbeit beleuchtete die Rüstungsindustrie in Deutschland und der Schweiz, diese konnte ich an verschiedenen Orten ausstellen und sie wurde auch publiziert, etwa in der WoZ. So landete ich in der Kunstnische, obwohl ich aus einem klassischen arbeitenden Haushalt stamme. Ich machte das KV, arbeitete auf der Bank, habe also diesen typischen Schweizer Hintergrund. Kunst zu machen war sehr weit weg – und jetzt mache ich genau das.
Nächstes Jahr zeige ich in zwei Einzelausstellungen meine neue Langzeitarbeit, die in den letzten fünf Jahren entstanden ist. In dieser geht es um ein antikapitalistisches, feministisches Hofkollektiv, das gemeinsam wohnt und lebt, Gemüse anbaut und das Land pflegt. Das Kollektiv versucht Visionen und Utopien umzusetzen – dabei steigen die Kollektivmitglieder:innen nicht aus der Gesellschaft aus, sondern sie machen das Gegenteil. Sie tragen ihre Utopien und Visionen in die Mitte der Gesellschaft rein. Das Kollektiv lebt in einem Dorf ausserhalb von Zürich, ist dort in die Dorfstrukturen eingebettet und bezieht die Leute eng mit ein. Das ist das, was mich interessiert: Wie die Mitglieder:innen den Raum gestalten, wie sie miteinander umgehen, wie sie mit dem Land zusammenarbeiten. Und das habe ich dokumentiert.
Jetzt schreibe ich das Ausstellungskonzept. Es wird verschiedene Teile geben. Da sind die Bilder, das wird mein Blick sein, aber es gibt auch Interviews der Kollektivmitglieder:innen, das ist dann ihr Blick. Zudem traf ich in diesem Umfeld auf weitere Personen, die teilweise einen wissenschaftlichen Hintergrund haben, und selber nun in die Landwirtschaft gehen oder darüber schreiben. Sie denken über Fragen nach wie: Wie können wir dieser Klimakatastrophe, in der wir drin stecken, etwas entgegensetzen? Wie können wir das Land so verändern, dass die Biodiversität grösser und nicht kleiner wird – und gleichzeitig möglichst viele Leute ernährt werden können? Diese Ansätze will ich mit einem Lab auch in die Ausstellung reinbringen. Meine Idee ist, möglichst viele Menschen einzuladen und zusammenzubringen – Wissenschaftler:innen, Menschen aus der Landwirtschaft, Künstler:innen. Es soll um Methoden gehen, wie wir nachhaltig leben können, der «pleasure»-Aspekt soll aber auch vorkommen.
Auch plane ich eine Jungpflanzenaufzucht im Museum, dort sollen Kräuter und verschiedene Gemüse- und Blumensorten angebaut werden. Denn die Ausstellung beginnt im Frühling und dauert bis im Herbst, also einen ganzen Saisonzyklus lang, und wir könnten so Jungpflanzen ziehen. Meine Idee ist, dass das im Kollektiv geschieht. Alle, die möchten, dürfen mithelfen, es gibt einen Giessplan, es wird zusammen pikiert, alle sind willkommen, mitzumachen – sie müssen aber Verantwortung übernehmen. So kommt die Idee vom Hof ins Museum und findet dann wieder nach draussen in Form der Pflanzen, die dann hoffentlich wachsen. Das ist zumindest meine Idee, mal schauen, ob ich sie umsetzen darf.
Neben Sound und Fotografie mache ich Community. Zum Community-Bereich zähle ich Räume zu organisieren und zu gestalten, zu kreieren und auch aufzuheben. Vom Typ her bin ich eine Person, die gerne einfach mal etwas anreisst – und das dann dann aber auch durchzieht. Der Salon Vert – jener Raum, in den ich ab 2019 Musiker:innen eingeladen habe zum Jammen und für die Radiosendung – ist mittlerweile ein Verein, der Residenzen oder Projekte wie das Glitch Festival organisiert. Und der Salon Vert macht auch Räume auf: es gab eine Tour durch verschiedene Deutschschweizer Städte, ich lud als Host Musiker:innen ein, diese luden ihrerseits wieder weitere Artists ein – so dreht das immer weiter… Räume zu öffnen, ohne eine klare Vorstellung zu haben, was daraus entsteht, finde ich sehr spannend. Ich erwarb über all die Jahre viel Know-How in Fundraising und Konzeptschreiben, so zählt das Finanzielle in Kollektiven oft auch zu meinem Part.
In Kollaborationen interessiert mich das gemeinsame Gestalten. Wenn ich merke, meine Gegenüber sind auch voll präsent, wir sind gemeinsam da, entstehen Momente, die ich suche. Und das gibt auch den anderen involvierten Menschen sehr viel. Diese Collabs entstehen nicht nach Lehrbuch. Wir sagen nicht: Jetzt sind wir eine Band und später präsentieren wir das im Rahmen eines Showings, das so und so aussieht. Sondern wir fragen uns, welche Themen wir behandeln möchten, wie wir die Rollen verteilen und welche Rollen das überhaupt sind. Das kann in so viele verschiedene Richtungen gehen. So entsteht etwas – das wiederum sehr flüchtig ist.
Mein Antrieb, Räume zu gestalten, rührt auch daher, dass Räume, wie ich sie mir wünsche, sehr selten sind. Viele bestehende Spaces in der Kultur sind männerdominiert – das ist kein Vorwurf an die Männer, es ist historisch so gewachsen. Ich selber hatte lange Mühe gehabt, in diese Räume reinzufinden und für mich stimmt es auch nicht, wie dort produziert wird. So versuchte und versuche ich, andere Zugänge zu schaffen.
Mein kollaborativer Ansatz passt nicht für alle Leute, einige steigen jeweils auch wieder aus, weil sie beispielsweise mehr Strukturen oder auch Hierarchien brauchen. Mich interessieren aber Räume, die Hierarchien abbauen oder diese zumindest hinterfragen. Wir überlegen uns auch gemeinsam, welche Rollen, Interessen und Ressourcen wir haben: Wie viel kann ich reingeben? Wann brauche ich eine Pause? Was fühlt sich gut und gesund an? Wie können wir gut zueinander sein? Mental Health ist in der Community-Arbeit ein so wichtiges Thema – in der Kulturbranche hat gefühlt jede Person einmal ein Burnout.
Diese Räume setzen der durchkapitalisierten und wettbewerbsorientieren Kulturbranche etwas entgegen. Und sie funktionieren auch: Wir sind nicht einfach am Chillen, mir gehts ums Produzieren. Ich bin zu wenig Punk, um zu sagen: ich will gar nicht arbeiten. Für mich ist einfach nicht nur der Output, sondern vor allem das «wie» sehr wichtig: Wie produzieren wir zusammen?
Dank einem Recherstipendium des Kanton Thurgau mache ich mich im Herbst dran, einen Oszillator zu löten. Ich kann mich also tiefer mit Elektrotechnik befassen und Künstler:innen besuchen, die auch in diesem Gebiet arbeiten. So möchte ich lernen zu verstehen, wie dieses Instrument funktioniert. Ich will auch auf der Soundebene weiterforschen und mich fragen: Was kann ich da noch alles machen? Das könnte der Ausgangspunkt sein für den nächsten Release, aber das ist noch weit weg. Jetzt kommt erst einmal die Spassphase.
Was ich mag
Claude Bühlers «Lakeside EP» ist erschienen via Bambient Records.
Claude Bühler im www: www.claudebuehler.ch & www.salon-vert.ch
Das Glitch Festival findet am 26. und 27. September in St. Gallen statt
Claude Bühler live: 3.11., Bad Bonn, Düdingen (Support von Model/Actriz)
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