Ich war noch nie in Laufenburg AG, diesem Ort, der in einer seltsamen Rhein-Schlaufe im deutsch-schweizerischen Grenzgebiet und damit am Rand liegt. Gleichzeitig aber befindet sich der Ort doch im Zentrum von Europa, da einige Energieautobahnen genau hier zum «Stern von Laufenburg» zusammenfliessen. Laufenburg ist also: Ein Ort der fossilen Energie, der mit dem ÖV trotz der geografischen Luftlinien-Nähe zu den Städten überraschend zeitaufwendig zugänglich ist. Warum also hin, zumal an einem Freitagabend? Nun, es geht auch um fossile Energie, aber nicht um jene, mit der wir diese Bezeichnung in Verbindung bringen.
Derzeit lockt die Ausstellung «Énergies fossiles» ins Rehmann-Museum nach Laufenburg. Es ist eine Gemeinschaftsausstellung eines jungen Kollektivs rund um Pauline Marx (aka Le Diable Dégoûtant), das ihre eigenen Arbeiten mit lokalen Künstlerinnen einer älteren Generation zu einer Ausstellung verbindet, die «verborgene Energie und die Spuren des Lebens in Fossilien und Gesteinen» erforscht, wie es in der Ausstellungsbeschreibung heisst. Was ja auch passt, denn Dinospuren liegen dank dem Sauriermuseum Frick sehr nahe – und die verschiedenen Zeitschichten in den Jura-Gesteinen und den alten Tongruben befinden sich auch next door. Es geht also auch: um das Wiederauffinden und die Neuinterpretation von verborgenen Geschichten, die unter oder neben unseren verschiedenen Lebenswelten am Schlafen sind. Um das Sichtbarmachen dieser Geschichten mit Töpfer- und Druck- und anderen Handwerktechniken, die vom Kunstbetrieb so lange belächelt worden sind. Um das Öffnen eines Fantasieraums, der in diesen Sedimenten auch lauert.
Aber jetzt: Anklopfen zur Abenddämmerungszeit, denn die Ausstellung ist bei meinem Besuch eine Woche vor der Vernissage noch am Entstehen. Pauline Marx und Aëla Maï Cabel und Maëtte Lannuzel sitzen nach einem weiteren Aufbautag und sowieso nach einigen Tagen ohne viel Schlaf an einem Tisch, gemeinsam mit dem Museumskurator Michael Hiltbrunner, der mich vor dem Gespräch durch die Räume führt. Die Objekte, die in verschiedenen gemeinsamen Workshops oder auch erst hier vor Ort entstanden sind, strahlen eine gegenwärtige Archaik aus, mit Tüchern, die Pflanzen wie den Riesen-Schachtelhalm zeigen, mit gehämmerten Stoffen und gewobenen Tüchern (Material: Audiokassetten), mit Vorhängen, auf denen Dino-Schädelmotive aus dem Fricktal gedruckt wurden. Ausgestellt sind auch: geschnitzte Dinosaurierknochen, nachgebaute Dinosauriereier, eine Urschildkröte, eigens geschmiedete Messer, Wasserflöten, gefilzte Teppiche, so, dass sich alles vermischt zwischen Aufgefundenem und Nachgebautem und Erfundenem. Auch da: Schnapskelche für den Rausch und weiteren Imaginationen.
Wie diese Ausstellung entstanden ist? Zurück an den Tisch also.
Am Anfang steht Leoni Leoni, sie vermittelte den Kontakt zwischen Michael und Pauline. Es folgen: ein Besuch in der Bretagne, wo Pauline ausserhalb von Brest ihr Atelier hat, Erzählungen über die besondere Erde im Fricktal, die Pauline an einen Steinbruch für weissen Ton in der Bretagne erinnerten, wo sie gearbeitet hat, Erzählungen auch über den «Stern von Laufenburg», so dass die Künstlerin merkte: «es ist alles da.» Und: «Ich arbeite sehr gerne im Kollektiv. Also habe ich meine Freund:innen für die Ausstellung eingeladen, mit denen ich sehr gerne zusammenarbeite. Es ist das erste Mal, dass wir uns in diesem Kollektiv alle zusammen getroffen haben.»
Für die Planung der Ausstellung sind Maëtte und Pauline bereits im vergangenen Sommer nach Laufenburg gekommen. «Und wir haben hier so viele Dinge entdeckt, und aus diesen Sachen ist eine kleine Mythologie, eine Science-Fiction-Geschichte entstanden, die wir unseren Freund:innen erzählt haben. Und so haben wir versucht, die Geschichten dieser Woche weiterzugeben.» Diese Woche hier sei super gewesen, mit den Dinosauriern, die aus der Erde auftauchen, mit den farbigen Erden, den Pflanzen in diesem Steinbruch in Frick, wo auch eine Ziegelei angesiedelt ist. Dort könne man wirklich die geologischen Schichten der Zeit sehen: «Ah, da ist die Trias, da ist der marine Jura, da ist die Industrie der Gegenwart.» Das sei eine total verrückte Zeitreise gewesen, eine, die man wirklich erklimmen könne. Eine Zeitreise, die nun auch die Ausstellung prägt.
Pauline: «Ich mag es, zu suchen, auszuprobieren, Fehler zu machen. In der Bretagne mache ich derzeit viele Spaziergänge in der Natur, um besondere Steine, besonderen Sand oder besondere Erden zu finden. Und dann brenne ich sie und schaue, was dabei herauskommt. Ich arbeite nicht mit industriellen Materialien, nicht mit vorgefertigter Tonerde. Und deshalb habe ich auch viele Versuche mit Glasuren und Pflanzenasche gemacht. Ich habe auch ‚un broyeur’ und ich kann alles in dieses Ding hineingeben, und es wird zu Pulver zermahlen. So haben wir zum Beispiel schon Glasur aus Muscheln hergestellt, aus Austern. Es ist ein bisschen so, als wäre ich in einer Alchemistinnenlehre. Denn es geht um Neugier und den Wunsch zu sehen, was passiert, wenn man diese Dinge brennt, wie sich die Materialien miteinander verbinden, und Dinge zum Vorschein bringen, die erst beim Brennen, durch das Feuer, sichtbar werden.
Aëla: Ich habe Keramik als Teenager gemeinsam mit einer Freundin gelernt. Das Drehen an der Töpfer:innenscheibe lernte ich bei einem Techniker, der sich langweilte, und deshalb hat er mir das beigebracht, weil es niemand sonst lernen wollte. Während Covid habe ich auch begonnen, Pflanzen zu sammeln. Ich habe einen Zwilling, der so etwas wie ein Meister der Kräuterkunde ist, und mein Zwilling hat die Pflanzen verarbeitet, damit wir sie essen konnten. Ich wollte auch mit Pflanzen arbeiten, aber auf eine andere Art, und so kam ich auf Pflanzenfarben für Textilien.
Maëtte: Ich bin fasziniert von Pflanzen. Ich glaube, das hat mich dazu gebracht, zu forschen. Ich habe Kräuterkunde studiert und dadurch die Inhaltsstoffe der Pflanzen kennengelernt, die biochemische Zusammensetzung. Ich lerne auch viel aus Büchern, lese etwa: «Ah, diese Pflanze hat diesen Inhaltsstoff, mit dem man färben kann.» Und dann probiere ich es aus und lerne neue Leute kennen. Das ist es, was zählt. Und es geht auch ums Fehlermachen, um die Recherche. Und ich habe den Eindruck, dass wir Dinge tun, weil sie uns Freude bereiten – ansonsten würden wir es nicht machen.
Aëla: Jede:r von uns will ständig etwas Neues lernen, auch wenn es uns noch nicht so gut gelingt und vieles sehr maladroitement wirkt. Das Ergebnis ist nicht immer entscheidend. Ich würde mir zwar wünschen, dass es super wird, aber manchmal ist es eben nicht so toll, aber so entdecken wir Neues.
Pauline: Zu Staunen, und von Dingen überrascht zu sein…
Maëtte: Deshalb auch die vielen Versuche…
Pauline: Oft mache ich Dinge im «ignorant style». Beispielsweise habe ich hier gerade gelernt, wie man Glas herstellen kann – etwas, das ich noch nicht beherrsche und das ich vorher überhaupt nicht konnte. Ich musste mich erst informieren und viele Tests machen, und durch das Machen und Ausprobieren habe ich es entdeckt – und ich habe es total geliebt. Deshalb möchte ich jetzt lernen, Glas zu blasen und so geht es immer weiter. Ich liebe auch, mit Glasuren zu arbeiten. Ich habe jeweils überhaupt keine Ahnung, wie das Objekt am Schluss aussehen wird, wenn ich es in den Ofen schiebe. Und ich liebe den Moment, den Ofen zu öffnen und zu sehen, was entstanden ist. Das ist schon fast magisch. Ich hätte so gerne einen Holzofen, weil da noch mehr Überraschungen passieren können, mehr Zufälliges.
Wir schweifen ab, nach Faux-la-Montagne, der Wohngegend von Aëla im Zentrum Frankreichs. Es sei jener Ort mit der grössten Dichte an Vereinen des Landes, ja, es gebe im Dorf wohl gar mehr Vereine als Einwohner:innen. Und der Lac de Vassivière mit dem Kunstzentrum, das superinteressante Ausstellungen zeige, sei grossartig. Sowieso sei es eine sehr interessante Gegend, mit feministischen Kollektiven, mit Schulen, die sich der Kräuterkunde widmen, mit vielen kleinen Hotels, mit einem Festival, das sich ganz mit dem Tod beschäftigt und mit einem «Bal des monstres» abgeschlossen wird, kurz: ein Ort, der auch die Geschichte eines hier allzu unbekannten Frankreichs erzählt.
Die verschüttete, die vergessene Natur ist prägend für die Zugänge der Kunst, die nun in Laufenburg zu sehen sind. «In einer Stadt könnte ich nicht leben», sagt etwa Pauline. Überhaupt: «Im Moment geht es darum, zu kämpfen und unser Verhältnis zur Natur zu überdenken, zu dem eine neue Welle an Anthropolog:innen angeregt hat: Wie hat sich das Konzept der Natur im Verhältnis zu Kultur überhaupt herausgebildet? Ich denke an Philippe Descola, oder Vinciane Despret, die eher Ethnologin und Philosophin ist. Diese Kämpfe sind so wichtig, und es ist auch sehr wichtig, wieder Erzählungen zu schaffen. Denn wir brauchen dringend Erzählungen, um uns wieder mit der Natur zu verbinden. Ich will nicht sagen, die Natur wieder zu verzaubern, denn ich glaube, sie ist immer noch verzaubert, aber auf jeden Fall geht es darum, unsere Beziehung zum Lebendigen.»
Und wie ist das mit der Musik, die als Le Diable Dégoûtant entsteht?
Pauline: Le Diable Dégoûtant entstand am Ende eines anderen Projekts, das in Asche verglüht ist. Die Band hiess La Fureur de Vouivre, es war ein Duo mit einem Mann, aber es gab dort viele Probleme, und ich wollte mich davon befreien. Und ich habe das Gefühl, dass ich mich tatsächlich befreit habe, von vielen Dingen und auch von diesem Mann. Le Diable Dégoûtant wurde während Covid und dem Lockdown geboren. Geboren passt hier wirklich, denn es entstand wirklich in einer Art Ei. Ich hatte das Glück, während des Lockdowns zu einem Performance-Festival in der Bretagne eingeladen zu werden, und bei dem man eine Woche lang mit anderen Künstler:innen auf einem Bauernhof ist und etwas kreiert. Und am Wochenende findet dann das Festival statt, und das Publikum sieht, was man während der Woche gemacht hat, c’est super!
Am Ende dieser Woche gab ich mein erstes öffentliches Konzert von Le Diable Dégoûtant. Der Lockdown war zwar aufgehoben, aber es gab in der Bretagne ein Tanzverbot, damit sich Covid nicht verbreitet. Das war total seltsam. Wir mussten uns etwas einfallen lassen. Loto Retina – eine Freundin, die beim Festival auch dabei war und sehr tanzbare Sachen macht – verteilte etwa kleine Zettel, auf dem beispielsweise stand, dass die Leute nur mit dem kleinen Finger tanzen dürfen. Oder wenn sie den Ellbogen-Zettel zogen, durften sie nur nur mit dem Ellbogen tanzen. Eigentlich war es total seltsam. Aber ich beantworte die Frage nicht mehr wirklich – auf jeden Fall hat meine Musik in diesem Umfeld ihren Ursprung.
Jedenfalls hatte ich für mein erstes Konzert ein Loch in der Mülldeponie des Ortes gegraben, dort standen auch jede Menge alte Traktoren, Silos und andere landwirtschaftliche Geräte rum, die in einem Wald zurückgelassen worden waren. An diesem Ort hatte ich ein Loch gegraben und mit all den Steinen, die ich herausgeholt hatte, eine seltsames kleines Bauwerk errichtet, und das hiess dann «Le trou du diable». So habe ich also als Teufel angefangen, in einer Art Loch auf einer Mülldeponie. Und ich sang dort ein Lied mit dem Text: «Holt mich hier raus, bitte, legt mir das Seil um den Fuss, und ich werde euch belohnen.» Am Anfang hatten die Leute Angst. Sie standen alle bloss um das Loch herum. Doch da war auch eine Person, die mir das Seil gab. Und als ich befreit war, ging ich in ein Silo, um der Person, die mich befreit hatte, ein Lied zu singen. Mit der ganzen Akustik des Getreidesilos war das toll. Und all die anderen Leute, die mich nicht befreit hatten, konnten mir trotzdem zuhören, indem sie ihr Ohr an das Silo hielten…
Die Performance war inspiriert von einer traditionellen Legende dieses Ortes, die von einem Mädchen handelte, das in einem Loch steckt und eigentlich die Pest ist. Und ein junger Mann holt die Pest aus dem Loch, und plötzlich sterben alle. Aber eigentlich war das nicht wirklich das, was ich in der Performance sagen wollte, sondern der Anfang. Einfach eine Frau in einem Loch zu sein. Ich dachte mir: «Aber wie kommt man aus dem Loch heraus?» Das alles hat mir gefallen.
Die Musik, die Pauline Marx seither als Le Diable Dégoûtant erfindet, ist etwa auf dem Album «Fleur de chagrin» (Aguirre, 2023) zu hören, eine weirde und intime DIY-Folklore, die durch die Nacht und die Gegenden zieht. Sie scheint einer sehr eigenen Zeit und sehr eigenen Orten zu entstammen – was auch für die Objekte gilt, die in Laufenburg zu sehen sind. «Wir haben einmal zum Spass gesagt, dass wir hier einen analogen Paléo-Deep-Fake machen», sagt Pauline. Eine spekulative Zeit, die sich auch mit antifaschistischen Gravuren, etwa auf einer Lampe, gegen die Post-Wahrheiten der Gegenwartsfaschisten stellt.
Pauline: Es geht auch darum, die Spuren zu verwischen, Objekte aus der Vergangenheit und der Gegenwart miteinander in Verbindung zu bringen, um zu sehen, was in den Vitrinen zwischen den Dinosauriern und den Dingen von Erwin Rehmann passieren wird. Was würde er dazu wohl sagen?
Die Ausstellung ist nun ein Teil unserer Forschungen, die nicht abgeschlossen sind. Eine Ausstellung voller Prototypen. Denn nichts ist eigentlich fertig, alles ist da, alles kann noch weitergehen. Also: Cin cin!
«Énergies Fossiles»
Zur Ausstellung haben folgende Künstler:innen beigetragen:
Die Ausstellung im Rehmann-Museum in Laufenburg ist bis zum 5. Juli 2026 zu sehen.
Konzert Le Diable Dégoûtant & Héloïse im Rahmen der Ausstellung: 8. Mai, ab 18 Uhr
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