Eva: Guten Moooorgen
Carla: Hörst du mich?
Eva: Ja, jetzt hör ich dich. Guten Morgen. Hörst du mich?
Carla: Ja, ich hör dich auch, super.
Eva: Wenn du morgen aufwachen würdest und eine Zauberfee hätte dir über Nacht einen komplett neuen Job geschenkt, welcher Job sollte es sein? Die dazugehörige Laufbahn wäre auch schon aufgegleist.
Carla: Entwicklungsbankdirektorin von irgendeiner österreichischen oder schweizerischen Entwicklungsbank, die Kredite an irgendwelche Projekte vergeben. Gibt es das in der Schweiz nicht? Also ich kenn das aus Korea oder aus Österreich. Und «Entwicklung» eben im Sinne von Geld-Sprechen an Schwellenstaaten oder Menschen, die es brauchen – Mikrokredite und so Sachen. Ich glaube das würde ich gerne machen.
Eva: Und wenn du eine Metropole wärst, eine grosse Stadt – was wäre das Wahrzeichen dieser Metropole?
Carla: Ein ziemlich dreckiger, breiter Fluss.
Eva: Wieso?
Carla: Ich habe das Gefühl, der ist in mir drin. Meine Wirbelsäule ist so. Alle Sachen fliessen da durch und transformieren sich. Ich muss an Manila denken, da gibt es diese dreckige Bucht, die so toll ist. Mit dem super Sonnenuntergang. Mein Wahrzeichen wäre sicher kein Turm – nicht einer dieser blöden Türme.
Eva: Wenn du jetzt deine Autobiografie veröffentlichen würdest, welchen Titel würde sie tragen?
Carla: Das Zitat aus meiner Mail-Signatur.
Eva: Bei dem Titel müsstest du wahrscheinlich gar kein Buch mehr schreiben.
Carla: Ja, vielleicht.
Eva: Und wenn du jetzt ein Sachbuch schreiben würdest, was wäre der Titel?
Carla: «Energie und Materie»
Eva: Und wenn du morgen eine Clown-Nummer aufführen müsstest: Was würdest du aufführen?
Carla: Mutter Theresa. Ich glaube, mit so verklärten Menschen ist Comedy oder Clownerie am lustigsten. Ich habe mir grade das Kostüm vorgestellt mit diesem weiss-blauen Kragen-Ding. Dieses Armen-Kindern-Helfen, ich glaube, das könnte ganz lustig sein. In Drag. Oder vielleicht besser Merkel? Das wäre aber schon fast zu klassisch.
Eva: Merkel als Stand-up oder Pantomime?
Carla: Stand-up-Comedy.
Eva: Ihre Antwort auf den Handelskrieg, Frau Merkel?
Carla: «Multilateralismus. Multilateralismus.» Und wahrscheinlich sowas wie: «Ich habe heute schon mit beiden telefoniert. Vladimir kenne ich ja ganz gut, noch aus Schulzeiten. Und mit Jinping war ich neulich in Peking, ging auch mal wieder ganz gut.» Ihre Sprache müsste ich allerdings noch üben.
Eva: Hast du auf Instagram zufälligerweise meinen liebsten Aprilscherz mitbekommen? Die Schlagzeile war: «Senat will Fördersummen an Zufriedenheit der Mitarbeitenden koppeln». Der Scherz bezieht sich natürlich auf Kulturinstitutionen. Und dann in Grossbuchstaben die Schlagzeile: «DIE INTENDANZ IST ALARMIERT».
Carla: (kichert lange)
Eva: Der Aprilscherz ist von der Autorin und Regisseurin Simone Dede Ayivi. Ich habe mich kaputtgelacht. Seit ein paar Jahren denke ich: Kulturinstitutionen versuchen sich «fit zu machen für die Zukunft», dabei sind sie noch gar nicht in der Gegenwart angekommen.
Carla: Ida Müller sagt immer so schön: Wenn man ein Opernhaus betritt, ist das Erste, auf das man sich einstellen muss, dass man in der Zeit fünfzig Jahre zurückgeht. Das, glaube ich, ist ganz gut ausgedrückt.
Eva: Hast du auch das Gefühl, dass wegen dem Clash dieser Zeitlichkeiten aktuell so viel Reibung spürbar ist in den Institutionen? Dass man buchstäblich das Gefühl hat, die Institutionen werden davon zerrieben?
Carla: Ich glaube, es ist am Ende eigentlich nur ein verborgener Klassenkonflikt, der wieder sichtbar wird. Ich habe neulich in Dresden unterrichtet – junge Bühnenbildstudierende, eine relativ international zusammengesetzte Gruppe – und die waren sich total im Klaren darüber, dass beispielsweise im klassischen Musiktheater-Libretto die Sopranistinnen immer sterben müssen, oder dass nur bestimmte Stimmen auf der Bühne vorkommen, oder dass nur bestimmte Normen repräsentiert werden. Und dass das alles ein politisches Programm ist, darüber waren sie sich auch im Klaren. Für die Musiktheater-Regie-Studierenden, die eher einen bürgerlichen Hintergrund hatten und auch Teil der Gruppe waren, waren diese Beobachtungen total fremd. Ich glaube daher, das Problem liegt in ganz einfachen Dingen, zum Beispiel bei den Öffnungszeiten der Theaterhäuser.
Eva: Inwiefern?
Carla: Dass wir im Theater immer abends um 20 Uhr irgendein Stück aus dem Repertoire abspielen – warum wird nicht um 10 Uhr vormittags gespielt, oder warum haben wir nicht tagsüber offen? Die Versuche, die in diese Richtung bereits unternommen werden, funktionieren ziemlich gut, zum Beispiel in Basel mit dem Foyer Public.
Eva: Ich habe den Projektleiter des Foyer Public tatsächlich gestern zufällig getroffen. Er hat da vor 1-2 Jahren angefangen und gesagt, er habe erst jetzt den Dreh raus: Nämlich nicht mehr kuratieren, sondern «einfach nur noch da sein für alles, was sich von alleine auf den Raum zubewegt», weil der Raum eben offen ist. Es macht so für mich so viel Sinn.
Carla: Ja und gleichzeitig wollen alle Künstler:innen und Gruppen auf einmal unbedingt im Foyer Public auftreten.
Eva: Auf dem Dorfplatz nämlich.
Carla: Ja, ich glaube Theater als Dorf ist schon ein ganz guter Begriff.
Eva: Ja, voll geil. Als ich ihm weglief, dachte ich mir, zum Glück sperren sie jetzt die Türen ganz weit auf, ansonsten müssen wir innert kürzester Zeit Umnutzungs-Szenarien für leerstehende öffentliche Infrastrukturen erarbeiten, wie für die Kirchen.
Carla: Wohnungen einbauen.
Eva: Wohnungen einbauen in den Theaterhäusern?
Carla: Ja ich glaube, in ein paar Theatern schon. Also ganz ehrlich gesagt, die Gesellschaft verändert sich ja, dann kann man schon ein bisschen was umwandeln, oder?
Eva: Was ist denn eigentlich dein Pitch für die leerstehenden Bürogebäude in allen grossen Städten?
Carla: Mehrgenerationen-Wohnungen.
Eva: Und für die leerstehenden Opernhäuser? Moment – werden die überhaupt leer stehen? Nicht, oder?
Carla: Ja, das glaube ich eben auch, die werden nie leer stehen. Es geht da ja in erster Linie darum, dass sich das Publikum gegenseitig wahrnehmen kann – nicht um das, was auf der Bühne passiert. Und von daher gesehen werden vielleicht in Zukunft die Opern immer kürzer – und die Pausen immer länger. Und, was ja schon längst passiert: Es wird noch mehr festival-artig.
Eva: Was hast du im Theater über die Wirklichkeit gelernt?
Carla: Dass die Wirklichkeit viel weniger widerständig ist, als ich dachte. Damit meine ich: Ich habe im Theater gelernt, dass die Wirklichkeit sehr viel formbarer ist, als ich ursprünglich dachte. Realität ist ein ziemlich biegsames Konzept. Was ich vorhin vielleicht mit dem Buchtitel «Energie und Materie» beschreiben wollte: Dass sich Materie wirklich sehr gut formen lässt durch die Transformation von Energien. Und dass beides dasselbe ist, immer. Und das ist, glaube ich, ein ureigenes Wissen von Theatermenschen. In diesem Zusammenhang ist Zeit ein sehr kreativer Faktor – und läuft eben nicht tick, tick, tick, tick.
Eva: Zeit ist eben nicht immer linear.
Carla: Exakt. Oder zirkulär zum Beispiel, oder lässt sich dehnen – und darin liegt, glaube ich, auch eine ureigene Kraft von Theater – oder von der Musik sogar noch eher.
Eva: Mir fällt von Han die «Strichzeit» als eine lineare Auffassung von Zeit ein, Zeit als Bewegung von A nach B, verstanden als produktives Tätigsein. Und die «Punktzeit» als jene Zeitqualität, die sich von ihrem Zentrum her ausdehnt. Ist Musik für uns ein Vehikel, uns in die Punktzeit zu begeben?
Carla: Ich weiss nicht mehr, wer das mal gesagt hat, war es Stravinsky? Weisst du, woran es mich erinnert? «Die Musik ist eine Zeitkunst, während die Malerei eine Raumkunst ist. Sie setzt vor allem eine gewisse Ordnung der Zeit voraus, eine Chronomonie, wenn man uns diese Wort-Neubildung gestatten will.» Oder schöner gesagt: In einer der ganz frühen indischen Lehren – Samkhya – entsteht das Universum aus einem Ton: «Sa» – das ist der Grundton, das ist der «Urknall». Und jedes Menschlein hat auch sein eigenes «Sa», wenn es singt. Und dieses «Sa» ist total spezifisch und unterschiedlich. Und das sucht man, wenn man klassischen, indischen Gesang lernt. Man sucht dann während drei bis vier Jahren als erstes dieses eigene «Sa».
Eva: Ist das dann die eigene Frequenz?
Carla: Ja genau, der eigene Grundton, auf den alles andere aufbaut, jede Tonart, jede Modulation, jedes Zusammenspiel. Und, dass der eigene Grundton derselbe ist wie der Grundton des Universums, finde ich eigentlich eine sehr schöne philosophische Aussage. Also dein Grundton ist der Grundton von deinem Universum – und das Universum kann ja nur dein Universum sein.
Eva: Wieso hast du dich eigentlich irgendwann entschieden, wieder Musikerin zu werden?
Carla: Musik war immer, was mich gerettet hat. Also wenn es wirklich dunkel und unklar und traurig war, hat immer die Musik mich gerettet.
Eva: Mich auch.
Carla: Und der zweite Grund, warum ich Musikerin werden wollte: die Gemeinschaft. Das erste Mal in einem Orchester spielen, das fand ich schon noch beeindruckend. Diese Mischung aus Armee und Freiheit. Zum Beispiel bei Schuberts Unvollendeter. Ich spiele ja Kontrabass und der Kontrabass kommt ja fast nie mit Melodie im Orchester vor. Aber im zweiten Satz von Schuberts Unvollendeter, da gibt es so ein Thema, das geht am Ende von den Piccoloflöten durch alle Instrumentengruppen hindurch runter bis zum Kontrabass. Und der Kontrabass macht dann das Ritardando. Das habe ich alleine Stunde um Stunde mit dem Dirigenten geprobt, und als wir es dann aufgeführt haben, das war Magie.
Eva: Irgendeinmal gab es diesen Twist in deiner Biografie. War es vor ungefähr sieben Jahren? Du warst international erfolgreiche und sehr gefragte Dramaturgin, und auf einmal hast du dich entschieden, dich selber auf die Bühne zu stellen, Musik zu machen, Performerin zu sein. Ich kann mich an ein paar Gespräche in dieser Zeit erinnern – du hast damals formuliert, dass du das als logische Konsequenz deiner bisherigen Auseinandersetzung mit der Welt und den Künsten siehst: Dich selber auf der Bühne vulnerabel zu machen.
Carla: Ja, ich glaube, es gab bei mir irgendwann eine riesige Distanz zum eigentlichen Kern der Kunst. Bei mir im Spezifischen und wahrscheinlich aber auch bei vielen Leuten, die Kunst «in der zweiten oder dritten Reihe» machen – sei es als Kurator:innen, kaufmännische Direktor:innen oder eben als Dramaturg:innen. Sich dann wieder dem Eigentlichen auszusetzen, tut was ganz Besonderes mit dem Wissen, das man sich vorher angehäuft hat. Denn eigentlich steht einem ja das Wissen im Weg, steht man sich selbst im Weg.
Eva: Das Wissen steht auch dem musikalischen Impuls im Weg. Und der Fähigkeit, einfach zu tanzen, weil alles «ver-ge-hirnt» ist, oder?
Carla: Klar! Es sind halt zwei unterschiedliche Arten von Erfahrung, die sich auch gegenseitig brauchen. Der Einstieg über den Körper ist eine andere Erfahrung als der Einstieg über die Sprache, würde ich sagen.
Eva: Hast du auch genug von der Sprache?
Carla: Ich wünsche mir im Moment nichts sehnlicher, als ausserhalb der Sprache zu sein.
Eva: Ich auch!
Carla: Mein grösster Wunsch.
Eva: Dass du die Musik wieder in dein Leben zurückgeholt hast: Wie hat das wiederum deine Arbeit im Theater beeinflusst?
Carla: Ich habe wieder mehr Demut – sehr viel mehr Demut. Und: viel, viel, viel langsamer. Ich bin viel langsamer geworden.
Eva: Du warst so schnell zeitweise!
Carla: Ja eben.
Eva: Es konnte mit dir fast niemand mithalten. So schnell denken, kombinieren und handeln – konntest du denn selber noch mithalten mit dir selber?
Carla: Nein. Das war genau das Problem: Ich war irgendwann in Tokio als Leiterin eines Theaterfestivals und ich konnte nicht mehr glauben, dass ich in Tokio bin. Dass die Stadt, auf die ich von meinem Hotelzimmer aus schaue, Tokio ist. Obwohl ich es gewusst habe, habe ich es nicht geglaubt.
Eva: War «die Seele noch nicht angekommen»?
Carla: Ich glaube, es sind jeweils tatsächlich Teilchen im Körper, die dann irgendwann zu langsam sind, die es nicht mehr schaffen, Verbindungen zum Kopf oder in die Hände oder in die Nerven zu machen …
Eva: Und dann warst du fragmentiert durch die unterschiedlichen Tempi im System, die sich nicht mehr verbanden?
Carla: Ja, und vor allem gab es kein Konzept von Wahrheit mehr. Und dann der Jetlag, das ist natürlich ein super interessantes Phänomen, oder?
Eva: Ich glaube, im Moment haben so viele von uns einen Jetlag. Im Sinne von: Wir sind noch gar nicht angekommen in allem, was sich jetzt so schlagartig zeigt und offenbart. Wie hast du dich verlangsamt?
Carla: Konkret: Bandscheibenvorfall. Mein Körper hat gesagt «Stopp, du sollst nicht mehr aufstehen». Meine Beine haben nicht mehr funktioniert. Ich bin aufgewacht und war in der Kafka-Novelle mit dem Insekt, lag auf dem Rücken und konnte mich nicht mehr aufrichten.
Eva: Ich erinnere mich, dass ich damals, wenn ich Freund*innen von dir erzählt habe, immer gesagt habe, ich kenne eine Person, die so viel Zeitgenossenschaft in sich vereint. Auf einer Skala von 1 bis 100, wie viel Jetzt und Gegenwart kann ein Wesen denn eigentlich in sich fassen? Bei dir war meine Antwort immer; weit über 100!
Carla: Ich glaube, das hängt mit dem Begriff «Festival» zusammen.
Eva: Du als Festival?
Carla: Ja. Ich habe ja eine ganz bestimmte Form von Festival gelernt – Festival als eine bestimmte Geisteshaltung. Und damit man ein Festival gut programmieren kann, muss man das Festival permanent leben, weil sonst die Wahrnehmung nicht stimmt um das Programm zu machen. Ich habe irgendwann kapiert, dass tolle Festivalmacherinnen (es waren in meinem Fall eigentlich immer Festivalmacherinnen) permanent Festival leben. Und eben nicht nur während der vier Wochen, die sie dann in Wien oder Brüssel mit dem Publikum teilen – sondern permanent. Dann kann mit Festival was passieren, das ganz besonders ist, glaube ich.
Eva: Ist diese Auffassung von Festival denn 2025-tauglich?
Carla: Ich glaube nicht. Ich glaube, dass im Moment nicht zeitgenössische Kunst wichtig ist, sondern Kunst, die sich der Zeit entgegenstellt.
Eva: Hast du vor Kurzem was erlebt, das sich entgegengestellt hat?
Carla: Also in letzter Zeit ist mir wenig begegnet tatsächlich. Oder ich habe wenig geschaut. Vielleicht Comedy auf Instagram.
Eva: Ich denke im Moment oft an Clowns und ihre Rolle in der Gesellschaft. Jan Böhmermann beruft sich ja auch immer mal wieder auf die Figur des Clowns. Die Figur, die alles sagen oder mehr Dinge besprechbar machen kann. Für mich ist die Figur des Clowns zurzeit vielleicht sogar eine Überlebensstrategie.
Carla: Eine meiner wichtigsten Begegnungen war die mit Adachi Masao, dem japanischen Filmemacher, der Ende der 60er in Cannes zum Filmfestival eingeladen war und dann auf dem Rückweg in Beirut hängen geblieben ist, und zwar bei der Roten Armee, für die er internationaler Pressebeauftragter wurde. Er war deswegen einer der meistgesuchten Menschen bei Interpol und ist auch irgendwann erwischt worden. Er lebt jetzt in Japan, aber ohne Pass, damit das Land nicht verlassen kann. Er hat mir bei unserem Treffen gesagt: «If I can give you one advice: I was an artist, then I became a terrorist, and then I became a surrealist. Skip the terrorist.» Ich hatte ja selber auch immer wieder terroristische Tendenzen als junger Mensch. Und ich glaube, Surrealismus kann man im Moment schon ganz fundamental begreifen.
Eva: Oh ja. Mein alter Freund Gregor hat mir übrigens vor Kurzem verraten, dass er manchmal den Spital- oder Altersheimclown übt im Büro und damit seine Mitarbeitenden leicht irritiert. Aber er muss doch seine nächste Laufbahn vorbereiten.
Carla: Gibt es auf das auf Youtube?
Eva: Nein – ich glaube, du musst uns einfach bald wieder besuchen. Auf die nächste Frage darfst du nur mit Ja oder Nein antworten: Kann man jetzt überhaupt noch Kunst machen? Kannst du jetzt überhaupt noch Kunst machen?
Carla: Absolut, ja.
Eva: Wieso?
Carla: Because it’s the only counterpoison we have.
Eva: Kunst ist Liebe?
Carla: Es gibt so einen wunderschönen Spruch von Hannah Arendt in ihrem Buch zur Conditia Humana: Sie sagt, Künstler:innen oder Dichter:innen seien die einzigen, die so tun, als wäre Liebe was Allgemeines und nicht was Subjektives.
Eva: Und was ist die Funktion der Schönheit im Jetzt, 2025?
Carla: Dass sie da auftauchen kann, wo man sie überhaupt nicht vermutet. Ihre Autonomie.
Eva: Macht sie die Menschen autonomer?
Carla: Hm – sicher freier. Und sie verweist auf eine Idee von Luxus in der Gesellschaft, die nicht mit Yuppietum, Geiz oder Kapitalismus zu tun hat, sondern mit Überfluss. Schönheit ist nicht notwendig. Und das, glaube ich, ist ihr Trick.
Eva: Dass man sich dem Überfluss zuwenden kann, ohne dass es mit Geld zu tun haben oder transaktional geschehen muss?
Carla: Ja. Zum Beispiel Üben, Instrumente üben.
Eva: Zusammen tanzen.
Carla:… Parties. Oder auf der Strasse plötzlich eine Situation wahrzunehmen, von der man sich denkt: «Unglaublich!». Ich stand mal mit einem Mönch und zwei Künstlern auf einem Berg in Japan. Dann rissen auf einmal die Wolken auf und dahinter erschien der Vollmond. Dann die Frage vom Mönch: «War das jetzt schon Kunst?». Und natürlich war das besser als jede Wagner-Oper. Wobei Wagner ja super Zwischenspiele geschrieben hat.
Eva: Was hast du geantwortet?
Carla: «Nicht zu beantworten.» Und ich glaube, das ist genau der Punkt.
Eva: Was bei mir wiederum die Frage aufwirft, warum wir grade versucht haben, diese Frage zu beantworten.
Carla: Das wollte ich vorher schon sagen: Man sucht sich das ja nicht aus. Den Weg der Kunst sucht man sich nicht aus. Entweder es ist der einzige mögliche Weg um zu überleben, oder er ist es nicht. Ich glaube, das ist eine grundlegende Überzeugung von mir.
Eva: Ich habe vor Kurzem gelernt, dass der Wortstamm des englischen Wortes «weird» im Sächsischen liegt: «Wyrd» bedeutet Schicksal und Bestimmung. Hast du das gewusst?
Carla: Aaaahhhhh – Hexen! Gossip! Witch-bitch.
Eva: Was meinst du damit?
Carla: «Weirdness» als Umschreibung von «Frauenwissen» – so würde ich das lesen – «weirdness» als eine neutrale Qualität von «anders» … und das wird dann in der sprachkulturellen Entwicklung zu «komisch».
Eva: Und warum Bestimmung und Schicksal? Was hat das mit den Hexen zu tun?
Carla: «Bestimmung» und «Schicksal» umschreiben doch auch «anderes» Wissen, nicht-rationales Wissen. Und dann kommt rationales Wissen, vermessendes Wissen, oder die Strichzeit nach Han. Und dann wird dieses Wissen, das es vorher gab, eben als «falsch», «weird», «komisch» oder «blöd» dargestellt. Und jetzt – heute – sind ja die Algorithmen eigentlich schon fast wieder wie das Wetter früher.
Eva: Haha, stimmt! Bist du eigentlich im Theater gelandet, weil man dort Zauberin sein kann?
Carla: Nein. Ich war erst eher an Film und Fernsehen interessiert und an den «neuen Medien», wie die damals hiessen. Und dann ist mir was passiert mit René Pollesch: Ich hatte damals, als die Dating-Plattformen noch eine neue Sache waren, auf meinem Profil einen Text von Pollesch hochgeladen, den ich tags vorher im Theater gehört hatte – also von der Schauspielerin gesprochen, aber einen Text, den er geschrieben hatte. Er schrieb mich dann an auf der Dating-Plattform an und schrieb «Oh, das ist aber ein toller Text.» Und ich so: «Jetzt tu doch nicht so, der ist doch von dir. Ich sehe doch dein Foto.» Und da ist mit mir irgendwas passiert, was ich noch immer nicht verstehe.
Eva: Hat er das nicht mit einem Augenzwinkern geschrieben?
Carla: Natürlich! Aber zu dem Zeitpunkt waren wir noch nicht so – wie sagt man – belesen, was das Internet angeht, oder? Also ich habe nicht gecheckt, dass es ein Witz ist. Und er hat auch nicht nur den Witz gemeint. Wir haben dann nächtelang, nächte-lang, nä-chte-lang, nächtelang gechattet und das wurden dann die Texte für seine Stücke. Bis hin zu ganz persönlichen Themen, bei denen ich sagte «nie jemandem erzählen!» – und die landeten dann auf der Bühne. Einmal sass mein damaliger Partner neben mir, als einer dieser Texte gesprochen wurde und hat sich dann total mit seiner Hand in meinen Oberschenkel gekrallt. Weil ich nicht wusste, was ich tun soll, hab ich mir eine Zigarette angezündet, im Theater.
Eva: Oh mein Gott. War René Pollesch eigentlich auch viel zu schnell für diese Welt?
Carla: Ja, mit Sicherheit. Geschwindigkeit war für diese ganze Generation ein ganz zentrales Mittel um zu versuchen, der kapitalistischen Logik zu entkommen, glaube ich.
Eva: Und dann ist man dermassen schnell, dass man sie wieder reproduziert, die kapitalistische Logik.
Carla: Ja, das ist genau so passiert. Ich glaube, die haben dann mit der Kunst, die ja in diesem Sinne immer avantgardistisch ist, die Vorgaben geliefert für die japanischen, koreanischen, chinesischen Formen von Kapitalismus.
Eva: Möchtest du mir noch eine Frage stellen?
Carla: Also ich möchte auch gerne das Monument oder das Wahrzeichen deiner Hauptstadt wissen.
Eva: Ich kann mir vorstellen, dass es ein grosses Herz ist, und zwar kein symbolhaftes, sondern eine Nachbildung des Organs, pumpend. Vielleicht als Brunnen? Vielleicht aber auch als Sofa, auf das man sich legen kann.
Carla: Klingt sehr nach 70er Jahren.
Eva: Wenn ich wählen könnte, hätte ich tatsächlich am liebsten in den 70er Jahren gelebt.
Carla: Ich musste sofort an Hon von Niki de Saint Phalle denken. Und dann ihre Brunnen und so, und die grossen Entwürfe. Aber ich glaube die Mischung aus organisch und Sofa ist 70er Jahre. Und warum bist du vom Singen in, sagen wir mal, das Kulturmanagement gewechselt?
Eva: Das ist eine der grössten Fragen meines Lebens. Ich weiss gar nicht, ob ich die Antwort kenne. Ich wollte mich künstlerisch weiterentwickeln, und das war damals in dieser Bandkonstellation nicht möglich. In der Zwischenzeit hatte ich ein Praktikum in einem Kulturbetrieb und dann ging es sehr schnell und dieser Mechanismus hat übernommen: «I am the facilitator, ich bin die Bauarbeiterin, diejenige, die Dinge baut, Projekte anderer umsetzt und ermöglicht, aber nicht die, die sich erlauben darf, sich der Erotik des künstlerischen Arbeitens hinzugeben.» Und! Der männliche Blick auf meine Kunstfigur und meinen Körper wurde mir unerträglich. Und: Dadurch, dass ich als Produzentin so super schnell in den professionellen Kulturbetrieb reingerutscht bin, ist mir – wie hast du das vorher beschrieben – das Denken im Weg gestanden. Ich hatte das Gefühl, ich könnte nie mehr unvoreingenommen Musik machen, und ich habe diesen Zugang zu meiner Kreativität komplett verloren. All diese Dinge haben mir die Stimme verschlagen.
Carla: Du hattest nicht lange genug Zeit, dein «Sa» zu suchen, dachte ich grade. Ich habe an dir immer unglaublich bewundert, dass du als Jazzsängerin managst.
Eva: Jazz?! Doch nicht Jazz! Punksängerin vielleicht?
Carla: Zeitgenössische Sängerin meinetwegen.
Eva: Und wieso hast du das bewundert?
Carla: Also wenn ich manage, dann mache ich das kleinteilig, in Exceltabellen und Notationsprogrammen, dann fühle ich mich wohl. Du hattest immer eine unglaublich grosse Freiheit und einen Flow, wenn ich dich beobachtet habe. Also «Punk» ist sehr passend dafür.
Eva: Schorsch Kamerun hat mir mal gesagt, es gäbe ganz wenig Leute wie mich im Theaterbetrieb: Ich sei nämlich angstfrei. Und weisst du was? Die Angst hat mir der Theaterbetrieb erst beigebracht. Ich war tatsächlich angstfrei davor. Und jetzt ist es eine grosse Herausforderung, sie wieder loszuwerden.
Carla: Du hast doch neulich erzählt von deinem Ausflug in die Systemtheorie. Ich glaube, es ist der Trick des Theaterbetriebs: Es tut so, als seist du schuld dran und nicht das System. Darauf baut das Theater.
Eva: Das feudalistische Theatersystem – Feudalismus sowieso alles in allem sehr angesagt heutzutage. Hast du ab und zu ein Gefühl von Ohnmacht im Moment?
Carla: Oft. Ganz oft. Also ich habe mittlerweile seit acht Wochen Nachrichten-Sperre. Und das Wirken im Kleinen generiert grade sehr viel mehr Energie, als es durch das Grosse durchzudenken.
Eva: Und ist die Ohnmacht grösser als noch vor einem halben Jahr?
Carla: Das ist immer sehr abhängig davon, womit ich mich gerade beschäftige. Also ich finde lange Sitzen und Kunst machen im Moment sehr schwierig.
Eva: Jetzt die Frage für den Beginn unseres nächsten Gesprächs: Wieso haben wir im Deutschen eigentlich kein positiv benennendes Wort für das, was wir als nicht-binär beschreiben? Wieso haben wir kein Wort? Ich will doch nicht immer ein Anti-Wort brauchen!
Carla: Diese Binarität ist eine urdeutsche Idee …
Eva: Es ist so krass! Deswegen kann ich keinen deutschen Diskurs lesen! Ich kann es nicht!
Carla: … verbunden mit innerer Medizin, den ersten Konzentrationslagern in Namibia, also diesen Frühversuchen, und der Idee von Ingenieurtum. Da entstand etwas, was ich heute Kolonisierung von Emotionen nenne. Und ich glaube, es muss in der deutschen Sprache immer über diese negative Dialektik funktionieren.
Eva: Wir sollten bis zu unserem nächsten Treffen mögliche Wörter sammeln oder wenn nötig entwerfen.
Carla: Und dann drehen wir beim nächsten Gespräch die Rollen um?
Carla-Anemone Philipa Aschenbrenner
Wer ist Carla-Anemone Philipa Aschenbrenner? Sie kommt aus Bayern, richtig? Und war in der ereignisreichen Dekade von 2008 bis 2018 als künstlerische Mitarbeiterin, leitende Dramaturgin und Geschäftsführerin in verschiedenen internationalen Projekten und Institutionen engagiert, mit Frie Leysen zusammen bei Theater der Welt (2010) und den Wiener Festwochen (2014), von 2015 bis 2017 mit Seong Hee Kim am Asian Arts Theatre in Gwangju (Südkorea), mit Stefanie Carp bei der Ruhtriennale 2018. Und: Von 2011 bis 2013 war sie künstlerische Leiterin des Südpols in Luzern, wo wir uns kennengelernt und verpasst haben, weil ich nach drei Jahren als Produzentin im Südpol die Kleinstadt verlassen musste. Weil ich damals dachte, die grösseren Themen lassen sich nur in den grösseren Städten verstehen. Carla hat europäische Medienwissenschaft an der Universität, der Fachhochschule und der Filmhochschule Konrad Wolf Potsdam und Dramaturgie an der Universität Frankfurt studiert. Sie ist 44 Jahre alt, publiziert auch und unterrichtet.
Dies ist das erste Gespräch der Serie «Weitermachen? Gespräche zu Kulturkämpfen in Europa und der Frage nach dem Kunstschaffen im Jetzt», die von Eva Heller konzipiert wurde. In losem Abstand publiziert sie hier Gespräche mit verschiedenen Persönlichkeiten aus der Kultur.
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