Eva: Heute, jetzt, in dieser Gegenwart: Was verflüchtigt sich, was bisher fest war?
Lauren: Das Erste, was mir einfällt, ist die alte Dichotomie zwischen rechter und linker Politik. Die Redefreiheit zum Beispiel, ein ur-linkes Konzept, wurde vor Kurzem zur Obsession der Rechten, obwohl sie das Konzept fundamental falsch verstehen. In England will die Mitte-Links-Regierung (die Labour Partei – obwohl sie alles andere als «Labour» sind) obligatorische E-IDs einführen und hat in diesem Zusammenhang den «Online Safety Act» installiert, der Zugang zu einer grossen Auswahl an Websites blockiert, wenn du nicht deine persönlichen Daten hochlädst, um zu beweisen, dass du über 18 Jahre alt bist. Diese beiden neuen Regeln scheinen explizit rechte und autoritäre Politik zu vertreten und trotzdem hat «Reform», die Partei am äussersten rechten Rand, gesagt, dass sie diese sofort abschaffen, falls sie an die Regierung kommen würden. Meiner Meinung nach spiegelt das einen tieferen Wandel in der Klassenpolitik wider, dem sich niemand wirklich entgegenstellt. Wir haben keine Schichtung mehr in Unter-, Mittel- und Oberschicht, sondern bewegen uns in eine Kluft zwischen den Wenigen, die alles haben, und der Masse, die nichts hat.
Eva: Und was verfestigt sich?
Lauren: Ich glaube es gibt ein neues Gefühl für unser Bedürfnis, ein Verständnis von Gott zu formen. Wir wurden so hypnotisiert vom materiellen Reichtum (oder vom Verfolgen dessen) und der technologischen Entwicklungen, dass wir vergessen haben, dass wir spirituelle Wesen sind. Damit einher geht ein Gefühl von Verbundenheit – und Klassenbewusstsein auch, hoffe ich. Ich glaube, wir fangen alle an zu verstehen, dass das Glücklichsein und Wohlbefinden aller Menschen untrennbar verbunden ist mit dem Glücklichsein und Wohlbefinden aller anderen Menschen. Wir gehen eindeutig durch einen tiefgreifenden Wandel, aber ich bleibe optimistisch.
Eva: Ich freue mich sehr, dass du diesen Aspekt erwähnst. Aber warum sind so viele sogenannte spirituelle Menschen nie involviert in kollektiver Wut oder Aktion? Warum zeigen so wenige Klassenbewusstsein? Sie konzentrieren sich meistens auf self-care oder beziehen sich auf Schicksal, fokussieren auf ihre Kernfamilien. Was mich so frustriert – so sehr!
Lauren: Ich glaube, das ist die zentrale Reibung; Spiritualität oder Glaube sind keine persönliche Wellness-Praxis. Falls sie das wären, dann höchstens die Basis – die Möglichkeit, sich vorzubereiten, damit man in der Lage ist, hinauszugehen und Teil der Veränderung zu sein. Glaube, denke ich, kann dich mutiger machen und besser vorbereitet, aber du solltest das lediglich als Ausgangslage verstehen und in die Aktion gehen. Ich war an verschiedenen Orten im Yoga-Unterricht, wo eine spezifische Vision von «Einheit» letztlich gleichgesetzt wird mit Selbstzufriedenheit. Und ich glaube, das ist genau so schlecht wie Katholik:in zu sein und zu denken, die einzige Verantwortung sei der Kirchenbesuch am Sonntag. Das alles sind Praxen, die Glauben und Spiritualität unterstützen können, aber nicht damit verwechselt werden sollten. Sie können uns stärken, aber es zählt nur das, nur was wir mit dieser Stärke schliesslich bewirken.
Eva: Die Religion von self-care, vielleicht die schlimmste Form von internalisiertem Neo-Liberalismus, die uns heutzutage von innen kontrolliert und regiert. Wenn du morgen aufwachen würdest und eine Fee hätte dir über Nacht einen neuen Job geschenkt, welcher sollte es sein?
Lauren: Ich wollte nie einen Job haben – ich glaube, niemand will das wirklich. Ich habe immer gespürt, dass ich eine Berufung habe, das Schreiben, und ich habe das immer auf die eine oder andere Art gemacht, seit ich an der Universität studiert habe. Wenn ich das nicht tun könnte, wäre ich wahrscheinlich eine Nonne.
Eva: Ha! Ich liebe meine Berufe und Jobs, sie sind mein Fenster zur Welt. Hast du schon mal ans Aufhören gedacht? Falls ja, warum hast du weitergemacht?
Lauren: Tatsächlich nicht, nein. Ich habe zwar einige Projekte unterwegs aufgegeben, aber ich habe nie daran gedacht, mit dem Schreiben aufzuhören. Früher habe ich viel mehr für Performances geschrieben, aber ich habe festgestellt, dass das immer weniger einbringt, also habe ich mich neu ausgerichtet. Jetzt arbeite ich regelmässig freiberuflich, aber hauptsächlich an meinen Romanen. Ich mag die Freiheit, die mir das gibt – und wahrscheinlich auch die Struktur.
Eva: Das hört sich super an – solange du dir das finanziell leisten kannst.
Lauren: Für mich ist jedes Jahr anders. Ziemlich oft arbeite ich an etwas, das 2-3 Jahre braucht, bis es fruchtet und die Finanzen sind meistens unberechenbar. Zum Glück bin ich nicht reich aufgewachsen oder mit irgendwelchen Vorstellungen von Reichtum, also musste ich noch nie einen teuren Lebensstil finanzieren. Ich habe wahnsinnig viel Glück, meiner Berufung folgen zu können und davon zu leben, obwohl es sich manchmal anfühlt wie auf Messers Schneide. Ich kann sicher wohnen, ich esse jeden Tag, ich kann reisen. Die grösste Veränderung, denke ich, war es, den Buch-Deal mit Bloomsbury zu erhalten. Damit werde ich als bedeutende Schrifsteller:in wahrgenommen. Das hat mir viele Türen geöffnet und viele meiner Beiträge für Publikationen oder Magazine sind seither deutlich besser bezahlt. Ich versuche natürlich, weiterhin kleine Gemeinschafts- und Medienprojekte zu machen, weil die normalerweise Spass machen. Vor allem die Launch Parties.
Eva: Späte Gratulation zum Bloomsbury-Deal, das wusste ich nicht! Mit der Kunst: Die Welt beschreiben oder die Welt verändern?
Lauren: Ich glaube nicht, dass man diese Unterscheidung machen kann. Wenn wir über etwas sprechen, verändern wir es, auch wenn wir nur die Wahrnehmung davon ändern oder es damit grösserer Aufmerksamkeit zuführen. Ich glaube, das ist vielleicht eine Nuance, die mir in der zeitgenössischen Literatur fehlt. Leute denken heute immer, es sei nötig, explizit zu benennen, was ihre Haltung zu einem Thema ist. Es ist nicht genug, ein Thema vorzustellen und dann zu schauen, wohin die Leser:innen oder Zuschauer:innen von der Spannung getragen werden. Ich begegne sehr oft Literatur, die sowas sagt wie «Er war so hot wie Brad Pitt circa 1996, obwohl ich weiss, dass er ein reicher, weisser Cis-Mann ist, dem Missbrauch an seiner Frau vorgeworfen wird». Ich glaube nicht, dass dies irgendjemandem hilft, der:die von diesen Systemen unterdrückt wird, es lässt nur den:die Autor:in etwas paranoid erscheinen. Leser:innen sind sehr viel schlauer als viele Schriftsteller:innen denken. Ich denke oft an «The Prime of Miss Jean Brodie» – hier ist die Protagonistin des Buches eine Faschismus-Sympathisantin. Wir werden nicht eingeladen, sie als eine Art Gelehrte anzuschauen – die zentrale Tragödie des Buches ist ihre miese Politik. Muriel Spark hat es nicht nötig, uns mitzuteilen, dass sie persönlich gegen die Rhetorik Mussolinis ist, sie vertraut uns. Indem sie Faschismus beschreibt, verändert sie, wie er unsere Vorstellungskraft steuert.
Eva: Das erinnert mich an ein Zitat von Jameela Jamil. Sie sagte vor Kurzem, wie sehr sich die Generation Z über ihre persönliche Meinung identifizieren und wie anstrengend das sei. Und es erinnert mich auch an fast alle Gesprächspartner:innen in dieser Serie hier – alle betrauern den Verlust der Ambiguität im zeitgenössischen Kunstschaffen. Würdest du sagen, Kunst zu machen ist ein politischer Akt, auch wenn man Kunst nicht innerhalb des aktivistischen Normativs macht?
Lauren: Ich glaube nicht, dass das ein Symptom bestimmter Generationen ist. Ich kenne viele 70- oder 80-Jährige, die sich mit ihren politischen Meinungen über-identifizieren. Das ist überhaupt nicht auf die Generation Z beschränkt. Ich glaube, es ist eine Frage des Tempos: Es gibt heute jeden Nachmittag eine neue Kontroverse und wir müssen die richtige Meinung bereit haben, um sie sofort zu tweeten. Natürlich ist das alles Ende Woche schon wieder vergessen, aber wir lernen einander darüber kennen, wie wir auf Neuigkeiten oder bestimmte Skandale reagieren. Weit über Kunst hinaus ist alles politisch. Sogar Existenz ist politisch. Weil alles von der herrschenden Klasse politisiert wird, der nichts anderes einfällt, als Identitätspolitik auszuschlachten.
Eva: Uff, ja. Tatsächlich, tatsächlich. In diesem Kontext: Glaubst du an die Kraft deiner Lobby als Kulturschaffende:r? Oder brauchen wir neue Narrative? Falls ja, an welche denkst du?
Lauren: Ich weiss nicht genau, was du mit «Kulturlobby» meinst. Wenn du Förderinstanzen meinst, dann nein, ganz und gar nicht, ich habe null Vertrauen in sie. Ich habe nennenswerte Förderbeiträge erhalten aus der Kulturförderung, aber normalerweise fühlt es sich an, als würden sie es nur tun, um Steuern zu sparen. Öffentliche Gelder fliessen hier in England hauptsächlich in soziale Arbeit, um Lücken zu füllen, die durch die Austeritätspolitik entstanden sind, also erhält man Kulturförderung, um mit marginalisierten Gruppen zu arbeiten (sehr wichtige Arbeit), aber nicht um das zu tun, worin du eigentlich gut bist oder was du selber erreichen möchtest. Die Kulturlobby als Konzept hat den Aufstieg einer professionellen kreativen Klasse ermöglicht – Menschen, die in der Nähe von Kunstschaffenden stehen und die auf jeden Fall gut bezahlt werden, obwohl nicht immer klar ist, wofür. Ich denke, wenn Künstler:innen und Autor:innen die Situation korrigieren wollen, müssen wir uns als Arbeiter:innen verstehen (oftmals ausgebeutete Arbeiter:innen) – eher, als als spezielle kleine Genies – und uns besser organisieren. Auch gewerkschaftlich aktiv werden. Es gibt natürlich Gewerkschaften oder Verbände wie zum Beispiel die Society of Authors, aber wie bei jeder Institution, die an Macht und Einfluss gewinnt, wurde auch diese Teil des Problems. Und die SoA hatte die erbärmlichste Reaktion auf die Situation in Gaza. Woran ich allerdings glaube, ist die Lobbykraft von Künstler:innen und künstlerischen Kreisen und an die Kraft künstlerischer Kollaborationen, indem wir die Arbeit voneinander unterstützen und so eine effektive Wirkung auf die Kultur haben.
Eva: Ja, ich meinte genau das mit Lobby. Sagen wir, wir möchten uns so verhalten, wie es Naomi Klein in ihrem Buch «Doppelgänger» vorschlägt, um effektiver für demokratische Strukturen zu kämpfen: Dann müssen wir uns viel spezifischer mit den Werkzeugen und den rhetorischen Tricks der Rechten auseinandersetzen, die alles angreifen von öffentlicher Kulturförderung über Bildung bis zur Gesundheitsversorgung. Ich glaube auch, wir müssen viel strategischere Allianzen bilden, zum Teil auch mit Akteur:innen, die nicht exakt unsere Perspektiven teilen. Die Rechten machen das sehr viel effektiver: Sie kennen unsere Taktiken, übernehmen unsere Begriffe und instrumentalisieren sie für ihre eigenen Zwecke, so wie du das am Anfang beschrieben hast. Sie schmieden effektive Allianzen mit anderen Gruppierungen. Da sind sie uns Meilen voraus. Ich glaube, einer der Gründe dafür ist das durchgehende Gefühl von Überlegenheit, die intellektuelle Arroganz der Linken. Und ich glaube, das ist gar nicht so weit weg vom Selbstverständnis des:der Künstler:in als Genie. – Du hast zu Beginn gesagt, dass du optimistisch bleibst. Wie? Und wenn nicht, wo findest du Trost?
Lauren: Nun, ich glaube, es kommt letztlich von einem Pragmatismus. Wenn es mir schlecht geht, kann ich in Hoffnungslosigkeit versinken oder versuchen, dagegen anzukämpfen. In der Ignatianischen Spiritualität gibt es den Satz «Verzweiflung gehört dem Teufel». Das hilft mir sehr. Alle entmächtigenden Dinge wie Selbstmitleid, das Gefühl von Hilflosigkeit, die Spirale des «alles-wird-nur-schlimmer», all das lähmt dich. Es gibt so viele Beispiele aus der Geschichte – von Menschen, die sich geweigert haben, sich zu ergeben und zu sterben, gegen alle Widrigkeiten. Denk an die Leute, die während des Zweiten Weltkrieges ihre jüdischen Nachbar:innen unter Drohung von Todesstrafe versteckt hielten, oder die Bewohner:innen von Eyam, die sich vom Rest des Landes abschotteten, als die Pest sie erreichte. Diese Menschen wehrten sich gegen schier unüberwindbare Umstände, und ich kann mir nicht vorstellen, wie ihnen das ohne Hoffnung gelang. Vielleicht wussten sie, dass sie Besseres nicht mehr erleben würden, aber sie glaubten daran, dass es so kommen würde und dass ihr Handeln dazu beitragen würde.
Eva: Und ich habe gehofft, du würdest Backen als trostspendende Aktivität nennen! Wer sind deine Lehrer:innen? Und wer sitzt in deinem künstlerischen Verwaltungsrat?
Lauren: Ich glaube nicht, dass ich Lehrer:innen habe, aber ich habe einen engen Kreis aus Freund:innen, denen ich vertraue. Auf dem handwerklichen Level versuche ich ab und zu Seminare zu nehmen oder Workshops mit Autor:innen, die ich bewundere. Garth Greenwell war diesbezüglich der Wichtigste, würde ich sagen. Ich hatte Glück, in meinen Zwanzigern eine Mentorin wie Penny Arcade zu haben. Ich habe wirklich viel von ihr gelernt bezüglich Leidenschaft und darüber, Politisches mit Derbem und dunklem Humor zu balancieren. Mein künstlerischer Verwaltungsrat besteht aus meiner Schwester, meinem Mann und meinen zwei engsten Freund:innen.
Eva: Gibt es eine Frage, die du mir stellen möchtest?
Lauren: Wie gehts deiner DJ-Karriere?
Eva: Hahaha! Woher weisst du davon? Endlich erkundigt sich jemand! Ich hatte bisher nur einen einzigen Auftritt. «Ich bleibe bescheiden», würde ich sagen.
Meine letzte Frage an dich wäre gewesen: Weitermachen, ja oder nein? Aber dein gestriger Artikel auf Substack «Radical Negativity: the limits of» beantwortet diese Frage sehr umfassend. Ich habe ihn so gerne gelesen, danke dafür! Besonders dieser eine Abschnitt hier hat mich angesprochen: «Negativität macht süchtig, und ich denke, es ist an der Zeit, dass wir uns eingestehen, dass wir ihr komplett verfallen sind. (…) Wir müssen erkennen, dass unsere emotionale Emo-Politik uns letztendlich entmachtet.» Ich kann den Artikel allen sehr empfehlen. Meine letzte Frage deswegen eine Andere: Wenn du eine Stadt wärst, was hätte sie für ein Denkmal?
Lauren: Ich verstehe die Frage nicht – existiert die Stadt oder fragst du mich, ob ich eher der Eiffelturm oder das Brandenburger Tor bin? Oder stelle ich mir ein neues Monument vor, das gebaut würde und ich würde es gestalten?
Eva: Es wäre eine fiktive Stadt namens Lauren J. Joseph. Was wäre ihr Monument?
Lauren: Es wäre ein Denkmal für Dorothy Day in einem schönen öffentlichen Park.
Ins Deutsche übersetzt von Eva Heller
Lauren J. Joseph
Lauren J. Joseph ist Künstlerin und Autorin und arbeitet auf der Bühne, auf dem Papier und auf der Leinwand. Als Autorin hat sie eine Reihe von Solo-Theaterstücken, einen Band mit Prosa und ein Libretto verfasst und in den letzten zehn Jahren Beiträge für internationale Zeitungen, Zeitschriften und Magazine geschrieben. Laurens Performance-Arbeiten umfassen Theater, Film, Oper und Popmusik. Ihre Performance-Arbeiten wurden in ganz Grossbritannien gezeigt, darunter im Royal Opera House, im Bristol Old Vic, im HOME und im Southbank Centre, sowie international im MoMA (SF), in der Deutschen Oper und im Martin-Gropius-Bau (Berlin), im Fancy Him (Tokio), im La Java (Paris) und im Museu de Arte Contemporânea de Niterói (Rio). Sieben Jahre lang trat sie als ihr eineiiger Zwillingsbruder» Alexander Geist auf und schuf durch diese eigenständige Persönlichkeit ein paralleles Werk. Ihr nächster Roman mit dem Titel «Lean Cat, Savage Cat» erscheint im Februar 2026.
Dies ist das vierte Gespräch der Serie «Weitermachen? Gespräche zu Kulturkämpfen in Europa und der Frage nach dem Kunstschaffen im Jetzt», die von Eva Heller konzipiert wurde. In losem Abstand publiziert sie hier Gespräche mit verschiedenen Persönlichkeiten aus der Kultur.
Zuletzt ist das Gespräch mit Gabriel Vetter erschienen.
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