Rob: Wir arbeiten schon seit 20 Jahren zusammen.
Ariane: Kennen tun wir uns aber seit wir 11 sind.
Rob: Ja. Nach einer gemeinsamen Schulzeit haben wir uns im Englischstudium wieder getroffen.
Ariane: Ich schrieb damals fürs «Megafon», las Texte im Café Kairo. Du hast dann Musik dazu gemacht. So hat das angefangen mit Fitzgerald & Rimini.
Rob: Wir spielten zuerst vor allem live, traten an Spoken-Word-Veranstaltungen auf, machten erste Demos –wie das so läuft. Irgendwann kam Matthias Burki vom Verlag Der gesunden Menschenversand mit dem Angebot auf uns zu, ein Album zu veröffentlichen.
Ariane: Die frühen Texte hatten einen anderen Charakter als heute. Es waren leicht rhythmisierte Prosa-Texte, hörspielartiger. Mittlerweile sind die Texte lyrischer und liedhafter. Oft sind es vielsprachige Gedichte und Balladen.
Rob: Auf dem ersten Album «Aristokratie und Wahnsinn» standen die Texte am Anfang, dazu spielte ich meine Musik. Seit dem zweiten Album «Grand Tour» entstehen die Soundspuren auch vor dem Text. Wie sich unsere Zusammenarbeit und auch unsere Arbeitsweisen weiterentwickelt haben, und wie wir immer neue Möglichkeiten gesucht haben, Text und Musik zu verknüpfen: das ist das Schöne an Fitzgerald & Rimini.
Ariane: Wir begannen, zunehmend mit Konzepten zu arbeiten. Für «Grand Tour» sind wir viel gereist, suchten in europäischen Metropolen und kleinen Käffern nach Tönen und Geschichten. Auch die Sprache hat sich im Laufe der Zeit weiterentwickelt – ich habe zwar schon früher Texte in der Mundart geschrieben und immer wieder Englisch eingebaut, auch weil ich in England gelebt habe, aber der Einbezug verschiedener Sprachen hat sich verstärkt.
Rob: Ich arbeite oft mit Field Recordings, nehme Geräusche auf, die ich als Ausgangspunkt für eine Komposition nehme. Für das neuste Album «Ennetlands» habe ich die meisten Sounds aber nicht selber aufgenommen, sondern stiess online auf Geräusche oder auf Beschreibungen von Geräuschen, die von Orten stammen, wo der Mensch physisch nicht hinkann, die also in gewissem Sinne unerreichbar sind. Ein Beispiel dafür ist der Planet Mars. Der Mensch kann noch nicht hin. Aber die Marssonde Perseverance ist dort. Sie ist mit einem Mikrophon ausgestattet. Dank den Aufnahmen ist zum ersten Mal hörbar, wie es auf dem Mars klingt. Das hat mich extrem fasziniert. Die Kamerabilder gab es ja schon lange, aber die ganze akustische Umwelt, etwa den Marswind, hat man noch nicht gehört. Ich habe nach anderen solchen Beispielen gesucht und fand den Brienzer Bergsturz; das Dorf war zu diesem Moment bereits evakuiert, nur noch die «Blick»-Webcam war da… So besitzt auf «Ennetlands» jedes Stück einen akustischen Zugang zu einem Ort, der unerreichbar ist. Und dank einem Geräusch öffnet sich ein Tor.
Ariane: Ich wollte über dieses Tor zum Geräusch und die Unerreichbarkeit schreiben aber der Präfix «Un-» hat mich nicht inspiriert. So habe ich mich entschieden, über die Sehnsucht zu schreiben: nach Orten oder Zuständen, die man nicht oder nur erschwert erreichen kann – auch imaginäre, utopische Orte. Solche, die «ennet» liegen, drüben, auf der anderen Seite. Die Reisen zu diesen Orten wurden zu Fahrten ins Unbekannte. Ich habe mich mit dem literarischen Motiv der grossen Fahrt beschäftigt: Der Sonnenwagen aus der Antike, die Barke, das Flugobjekt, mit dem du nicht bloss eine Expedition unternimmst, sondern die Schwelle zu einer anderen Sphäre übertrittst. Ein solcher Raum ist auch die Unterwasserwelt der Meerjungfrauen im Stück «Unda Wells».
Rob: Die Töne zu «Unda Wells» kommen von dort, wo der Schall sich nicht durch die Luft, sondern durch das Wasser ausbreitet. Ich habe Unterwassergeräusche aufgenommen, – Glucksen, Perlen, Fliessen. Piano und Bass greifen mit einem Ostinato den ewigen Fluss dieser Geräusche auf. Das Blubbern im Stück wird auf einem Instrument gespielt, das aus gesampelten Luftblasen hergestellt wurde. Der Hall-Effekt aus Unterwasser-Impuls-Responses erzeugt. So entstand die akustische Welt der Meerjungfrauen.
Ariane: Mermaids und Undinen sind literarisch populär und waren es immer schon: Shakespeare hat über sie geschrieben, Eliot, Dickinson, Walt Disney natürlich! In Weeki Wachee, einem kleinen Ort in Florida, gibt es einen Wasserpark mit einem Unterwassertheater aus den Fünfzigerjahren. Viele Frauen aus diesem Ort haben als Meerjungfrauen im Theater gearbeitet. Einige von ihnen behaupten sogar, echte Mermaids zu sein. Dazu gibt es einen schönen Dokumentarfilm. Die Frauen sind wassersüchtig, auch die älteren, die ein Leben lang als Meerjungfrauen gearbeitet haben. Einige von ihnen treten immer noch in der «Mermaids of Yesteryear»-Show auf. Das klingt wie eine Utopie aber den Ort und die Frauen aus unserem Stück «Unda Wells» gibt es tatsächlich.
Rob: So finden Musik und Texte auf «Ennetlands» zusammen. Orte, die unerreichbar sind, entwickeln ja eine Sehnsucht. Die Faszination für Mermaids ist ein gutes Beispiel: wir möchten so gerne unter Wasser leben können, aber es geht einfach nicht. Letztendlich ist es für Menschen ein lebensfeindlicher Raum…
Ariane: …. so, wie der Mars auch.
Rob: Ja, genau. Die Mermaids aus Weeki Wachee tauchen in ihrem Theater nach unten und versuchen zu kaschieren, dass man ohne Luftschlauch nicht atmen kann..
Ariane: … aber es bleibt eine Illusion. Vielleicht gibt es in uns eine Sehnsucht nach dieser anderen Welt, weil sich das Leben zuerst im Wasser entwickelt hat.
Rob: Jedes Stück auf «Ennetlands» stellte uns vor eine bestimmte Aufgabe.
Ariane: Anfangs denkst du immer: «Was mache ich jetzt?»
Rob: «Wie setze ich das um?»
Ariane: Oder du sagst mir: «Ich habe diese Marsgeräusche in einer Komposition verwendet.» Und ich muss dann einen Text dazu schreiben.
Rob: Ich las in einer Fachzeitschrift über dieses Muschelhorn aus der Jungsteinzeit, das restauriert wurde. Dank diesem Instrument kann man hören, wie die Menschen damals vielleicht Musik gemacht haben, wie sie kommuniziert haben – oder für was auch immer sie das Muschelhorn gebraucht haben. Das gibt einen anderen Zugang zu Zeit. Und man kann die Fantasie walten lassen, den Raum öffnen, und sich fragen, was hätte sein können? Diese Frage stellst du im Stück «Die Bronzehand von Prêles». Dort geht es um ein dreieinhalbtausend Jahre altes Fundstück aus der Bronzezeit – einer anderen Zeit als jene, aus der das Muschelhorn stammt –, trotzdem begleitet das Instrument den Text.
Ariane: Oberhalb des Bieler Sees wurde vor einigen Jahren ein Grab aus der Bronzezeit entdeckt. Darin fand man eine Hand aus Bronze, die älteste solche in Europa überhaupt. Sie gehörte vermutlich einer wohlhabenden Person, einem König oder so. Fast am gleichen Ort beginnt Friedrich Dürrenmatts Roman «Der Richter und sein Henker». Diese Koinzidenz führte zum Text «Die Bronzehand von Prêles», eine Art Lyrik-Noir: Eine Polizistin – ähnlich Frances McDormand im Film «Fargo» – fährt in einem alten Mercedes durch den Wald, und auf einmal steht diese Gestalt in einem Wollgewand vor ihr… Der Geist aus dem Grab, der seine entwendete Hand sucht. Die «Bronzehand von Prêles» ist aber auch ein Text über «Heimat»: Wer ist zugehörig, wer nicht? Wer war zuerst da? Zwischen den beiden entwickelt sich ein Statusspiel, sie ist der Sheriff vom Drei-Seen-Land, er war dort einmal König. Sie machen eine Fahrt in die Unterwelt und landen in Twann.
Rob: Eine solche erzählerische Form wie in diesem Stück gab es in unseren Stücken früher öfters.
Ariane: Ja, «Die Bronzehand von Prêles» ist hörspielartig, ein Krimi, eine Geistergeschichte voller Reime. Dazu Geräusche, die durch Zeit und Zonen rieseln. Auf «Ennetlands» ist auch zu hören, wie die Erde sich verändert. Etwa im Stück «Letztes Gletscherlied».
Rob: Dafür verwendete ich Soundquellen eines Forschungsprojekts, das mit Klängen aus einem Gletscher den Zustand des Eises und Gletscherabbrüche monitoren kann.
Ariane: Ich habe mir gedacht: Wenn wir den Gletscher hören können, kann er im Text ja auch zu uns sprechen. Die Beziehung zwischen Mensch und Gletscher ist lang und vielfältig. Erst fürchteten wir uns vor den Gletscher. In der Malerei und der Literatur wurden die Alpen im 17. Jahrhundert als Ungeheuer oder bedrohlicher Raum dargestellt. Bei John Milton ist die Hölle eine Eislandschaft. Früher wurden im Wallis katholische Prozessionen durchgeführt in der Hoffnung, der Gletscher möge nicht zu nahe ans Dorf kommen. Heute betet man, er möge nicht verschwinden. Dieses Verhältnis zwischen Gletscher und Mensch, auch das zwischen Gletscher und mir als Künstlerin, hat mich interessiert. Heute wird der Gletscher in der Kunst oft als eine Art krankes Tier beschrieben. In der Romantik, in Zeiten der Grand Tour wurde noch seine Erhabenheit, seine Göttlichkeit gepriesen. Und jetzt: das Sterbende, der Verlust.
Rob: Wir können ihm dabei zusehen und zuhören.
Ariane: Für mich ist «Ennetlands» auch eine Art Planetenplatte…
Rob: …weil man hört, wie der Planet an Orten klingt, wo der Mensch nicht ist oder nicht mehr ist oder gar nie sein wird. Er verschwindet und hat in der langen Zeitdimension eine andere Relevanz.
Ariane: Ja. Und doch ist manchmal noch etwas von ihm da. Spuren, die er hinterlässt, die darauf verweisen, wer wir waren. Eine Anwesenheit in Abwesenheit. Auf vielen Stücken geht es um den Übergang einer Grenze, um das Eintauchen in eine andere Sphäre, ums Verschwinden auch.
Rob: In «Trixies Trick» verschwindet ein Herzog, ein «Duc», der sich eine Zirkusvorstellung anschaut.
Ariane: Die Zauberin Trixie Fizzlebloom zaubert ihn weg und kann ihn nicht zurückbringen. Alles vor Publikum!
Robert: Der Trick hat nicht funktioniert.
Ariane: Oder zu gut.
Robert: Lange wusstest du nicht, wo der Duc hingezaubert wird.
Ariane: Trixie wusste es auch nicht…
Robert: Aber du musstest es wissen!
Ariane: Ja. Da wir eine Vinylausgabe gemacht haben, kam mir die Idee, dass der Duc in die Rille unserer Schallplatte gezaubert wird. Im Refrain unseres Stücks drehen sich die Pferde in der Manege zu einem Chanson im Kreis. Der Duc ist am Ende für immer in diesem Lied und damit unsterblich.
Robert: Du wolltest einfach «Duc» auf «Trick» reimen.
Ariane: Stimmt. Wenn ich einen guten Reim finde, von französisch auf deutsch, dann ist der Tag gerettet.
Rob: Wir sind beide sehr detailversessen, es muss ausgearbeitet sein.
Ariane: Schnellschüsse sind eher selten – wobei: «Sturz» habe ich sehr schnell geschrieben. Ansonsten ist alles schon sehr «gschaffet». Und ich freue mich, wenn ich Wörter finde, die ich zuvor nichtgekannt habe. Als ich mich mit bronzezeitlichen Gräbern beschäftigte, stiess ich auf die «Keulenkopfnadel». Ein Fundstück!
Rob: Ich bin da ähnlich mit den Sounds: Ich lade sie in den Sampler, «zerhäcksle» und zerschnipsle sie, und sie inspirieren mich immer weiter, auch wenn die Sounds am Schluss dann vielleicht gar nicht unbedingt vorkommen. Das gehört auch zum Prozess, selbst wenn das gar nicht unbedingt hörbar ist. Das ist einfach die Entwicklung, wie wir überhaupt auf Ideen kommen. Und es ist auch schön, so zu arbeiten.
Ariane: Nachdem wir Text und Musik in Skizzen zusammengefügt haben, spielen wir die Stück im Studio mit Musiker:innen ein. Für «Ennetlands» haben wir mit Kevin Chesham, Simon Rupp, Maja Nydegger, Franziska Bruecker, Vera Schnider und Samuel Baur zusammengearbeitet. Sie haben die Stücke wunderbar umgesetzt. Mit ihrer Hilfe durchstreift man die «Ennetlands», werden die unerreichbaren Orte nah.
Was wir mögen
Cal Flyn, Bonny Light Horseman, Samantha Harvey, Mitsubishi Space Star, Baby Man, T.S. Eliot, Andrew Bird, Diane Seuss, Marswinde, Arielle, die Meerjungfrau, LOM Geofón, 3x warm, Leoparden, Marion Poschmann, Finale Ligure & Ray Bradbury.
Die LP «Ennetlands» (inkl. CD & Booklet) ist im Verlag Der gesunde Menschenversand erschienen.
Video von Yannick Mosimann
Konzerte: 7.3., Literaare @ Café Bar Mokka, Thun; 29.3., Lettera @ Neubad, Luzern; 26.4., Theater am Gleis, Winterthur
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