Fabian: Ich bin Booker geworden, weil ich nicht Nein sagen wollte. Etwas in mir drin hat auch den Wunsch verspürt, dass ich das, was hinter der Bühne passiert, möglichst stark vertreten kann. Das geschah zeitgleich mit dem Veranstalten, und es war eines meiner Interessen, dass Freundschaftspersonen von mir auf Bühnen stehen können.
Martina: Verbindungen zu schaffen von Künstler:innen zum Publikum war und ist mein zentraler Motivator beim Veranstalten. «Brückenbauen» klingt zwar immer so klischeehaft, aber dieses Zusammen und so Emotionen zu ermöglichen, sind mein Hauptantrieb. Beim Veranstalten bilden sich ja Kontakte, vieles ergibt sich auf natürliche Art, und bei mir entstand nach einer Zeitlang der Wunsch, dass ich mich mit meinem Engagement auch für die Künstler:innenseite einsetzen will, also quasi von der Gegenseite her. Beim Booking ist für mich die Motivation ähnlich wie beim Veranstalten: Ich möchte diese Verbindung und damit Auftrittsmöglichkeiten schaffen.
Mir liegt die Arbeitsweise des Bookings. Es ist schon auch ein sehr administrativer Job, man muss strukturiert und zuverlässig arbeiten, du hast ja auch eine Verantwortung und ganz viele Leute, die von dir abhängig sind. Du bist zwar Musikfan und gleichzeitig Bookingperson, aber wenn du das Strukturierte vernachlässigst, machst du deinen Job halt nicht so gut, finde ich. Das bedeutet nicht, dass du – wenn dich eine Person stresst – sofort eine Antwort geben musst; du musst vielmehr eine Vertrauensperson sein. Das finde ich etwas mega Schönes und Wichtiges.
Für mich hat unsere Arbeit allgemein sehr viel mit Menschlichkeit zu tun. Dass man gegenseitig die verschiedenen Rollen berücksichtigt, Verständnis und Empathie hat. Bei den wenigen Artists, mit denen ich noch zusammenarbeite, hat sich das so herauskristallisiert. Da passt es einfach auf dieser Ebene – ob es dann finanziell aufgeht, ist eigentlich egal.
Fabian: Wir versuchen jeweils ein Teamkonstrukt zu bilden. Das habe ich schon auf sehr unterschiedliche Art und Weise erlebt. Manchmal ist man wie ein Teil einer Band. Man hat einfach andere Ressourcen und anstelle der Kreation geht es darum, die organisatorischen und technischen Aspekte zu kontextualisieren. Es geht um Vermittlung. Das Beste ist, wenn eine Dynamik zwischen der künstlerischen Person und uns entsteht, dann können wir miteinander fürs gleiche arbeiten. Und es fällt auch leichter, die Vermittlung anzugehen. Es geht dann um Bedürfnisse abklären, manchmal ist man psychologisch unterwegs – du berätst die Menschen, besprichst die nächsten Schritte –, manchmal ist es einfach administrativ, die Vielfalt in dieser Arbeit ist sehr gross. Das Verhältnis zu den Musiker:innen ist manchmal professioneller, manchmal freundschaftlicher. Wir haben oft auch mit internationalen Agenturen zusammengearbeitet, dort waren die Agent:innen die stellvertretenden Personen der Artists. Und das ist eine Vertrauensbeziehung. Vor allem auf der prekarisierten Ebene: Es sind Indie-Künstler:innen, die meisten können knapp oder gar nicht von der Musik leben. Sie haben andere Jobs, müssen andere Sachen regeln. Und auch wir haben noch andere Jobs, damit wir das überhaupt finanzieren können. Erreichbarkeit ist ein Thema bei dieser Mehrfachbelastung, kurz: Booking hat ganz ganz viele, auch banale Ebenen.
Fabian: Aus meiner Sicht braucht man als Booker:in primär drei Sachen: Einen Computer mit einem E-Mail-Postfach und Internetzugang für irgendwelche Datenablagen und grosse Tabellen, die der Übersicht helfen. Dann brauchst du das Telefon zum Telefonieren, aber auch um alle Chat-Apps zu bedienen. Und dann braucht es Kontakte. Eigentlich sind alle Menschen herzlich eingeladen, auch Booking zu machen.
Wir erhalten sehr viele Anfragen von Bands, die gerne vertreten wären. Mit den meisten aber ist das nicht möglich, weil wir Booking als langfristigen Prozess verstehen. Es beginnt kaum einfach mit: «Hey, wir finden es sehr cool, was ihr macht, und wir denken, wir finden einen Platz bei euch drin.» Natürlich, das kann ein Teil davon sein. Bei uns konnten wir das je länger, je weniger nicht mehr machen, da wir die vorhandenen Ressourcen loyal mit den Künstler:innen, mit denen wir schon lange zusammenarbeiten, nutzen möchten.
Die bekannteste Form geht ja so: Es gibt einen Release, der zu Konzerten führen soll. Und dann werden Konzerte gesucht. Je unbekannter ein Act ist, desto anspruchsvoller ist es natürlich – es bedingt dann mehr Arbeit seitens der Bookingperson; man muss in diesem Fall aktiver auf die Suche gehen.
Wir haben nie versucht, Veranstalter:innen zu überreden, dass sie etwas buchen sollen. Unser Anliegen ist, dass Bands dort stattfinden, wo es Sinn ergibt. Für Band x ist es gut, wenn sie im ISC und im Rocking Chair und im TapTab spielen kann, für Band y passt das Mokka usw. Wir sagten kaum: «Hey, wir haben letztes Mal diesen Ort ausverkauft, und wir würden jetzt gerne auf dem aufbauen.» Natürlich: Es gibt Loyalitäten, etwa Bands, die immer an den gleichen Orten wieder spielen, wenn sie auf Tour sind. Das hat auch sehr stark mit dem Fansein zu tun.
Es gibt die Situation, wo wir direkt angefragt werden von der:m Veranstalter:in. Das ist der easiest case. Das, was Zeit braucht und es zu Beginn auch schwierig macht, reinzukommen, ist das Vertrauensverhältnis, das Netzwerk und die Allianzen mit den Veranstalter:innen. Sobald du dieses Verhältnis hast, fällt es auch einfacher, die Mails rauszujagen – wir sind hier ja in der Schweiz und reden nicht von sehr vielen relevanten Veranstalter:innen, die für unsere Künstler:innen in Frage kommen. So ist es ein relativ organischer Prozess. Du weisst auch irgendwann, wo, wann und wie welche Bands reinpassen.
Und so geht es weiter: Nachdem die Verfügbarkeiten klar sind, folgt die Gagenverhandlung. Danach folgt die Ankündigung und die Vorproduktion, damit das Konzert so stattfinden kann, wie es für alle bestmöglich der Fall ist und alle Bedürfnisse irgendwie gedeckt sind, sei dies finanziell oder auch banal essensmässig: Wenn eine Person auf Reis allergisch ist, dann gibt es halt auch keinen Reis.
Martina: Mir ist es auch wichtig, dass ich die Kontaktperson bin, wenn es um die Vorproduktion geht. Manche sagen mir zwar, ob ich denn «spinne», dass ich das alles auch noch mache, aber ich finde diesen Prozess auch sehr wichtig. Es geht nicht einfach ums Platzieren der Band und nachher kommen die Assistants 1 und 2 und 3, die übernehmen. Ich will auch dort eng mit den Veranstalter:innen im Kontakt sein, auch wenn es «nur» um Fragen gehen sollte, wie viele vegetarisch essen oder was auch immer. Dass du nicht alles an die Band abgibst, gehört für mich persönlich dazu, damit diese sich auf die Musik und die Shows konzentrieren kann.
Fabian: Diese Schicksalsgemeinschaft – das sage ich jetzt nur, weil mir kein besseres Wort in den Sinn kommt – ergibt viel mehr Sinn, wenn man weiss, dass man das gemeinsam trägt. Du kannst es dann den Veranstalter:innen auch sagen, wenn du noch keine Informationen der Band erhalten hast oder umgekehrt. Wenn man nur Menschen abblockt, und den Stress vom einen zum anderen Ort weitergibt: was ist dann genau die Rolle der Bookingperson? Ist es nur eine Art Jobvermittlung, die das Ökosystem nicht stärkt?
Natürlich, das bedarf sehr viel Geduld. Meine Arbeit, so, wie ich sie mache, verteilt sich auf sieben Tage. Wenn sie effizient gestaltet wäre und alle Menschen die genau gleiche Arbeitsbedingungen hätten wie ich, hätte man vermutlich innert eines Arbeitstages alles gemacht. Aber meine Arbeit umfasst viel warten, viel telefonieren, sie umfasst Netzwerkpflege, Pläne schmieden, Austausch und Bedürfnisse abklären. Und zwar zu diesem Zeitpunkt, wenn es die Menschen benötigen.
Fabian: Die Gründung des Kollektivs war ein langfristiger Prozess. Ich war damals bei Breathing Hole dabei, das war eine der drei Agenturen, die sich zu Glad We Met verbunden hat. Wir merkten 2017 – die Geschichte wiederholt sich –, dass unsere Strukturen finanziell nicht mehr aufgehen. Vor zehn Jahren war die Situation im Musikbusiness eine andere. Wir hatten grosse Mühe, internationale Künstler:innen bei uns zu behalten – wahrscheinlich wäre das noch immer so. Wir konnten für die meisten internationalen Bands zwar ein, zwei Konzerte buchen, danach wurden sie zu den grossen Agenturen geschickt, weil man sich dort noch irgendwas anderes erhofft hat. Viele haben danach nie mehr in der Schweiz gespielt oder am genau gleichen Ort, an den wir sie eigentlich schon vermittelt hatten. Mit meiner Booking-Arbeit verdiente ich am Anfang etwa 50 Franken im Monat. Natürlich hatte ich auch weniger Bands und war mega neu. Nik hat dann vor allem die Idee zu Glad We Met gehabt: «Hey, wir gehen mal auf Gleichgesinnte zu und versuchen, eine andere Struktur aufzubauen.» Wir haben Nad mit Braise und Yannick mit Stagency getroffen und uns zusammengeschlossen. Denn in einem Kollektiv, das breiter abgestützt ist, und in dem mehr Ressourcen zusammenkommen, fällt es leichter, die Breite stärker abzudecken und auch eine Sicherheit zu suggerieren. Im kollektiven Sinn hatten wir ein breiteres Netzwerk, wir konnten breiter über Themen reden, konnten die Buchhaltung vereinfachen.
Martina: Dass man aus der Deutschschweiz und der Romandie zusammenkommt und eine Allianz bildet, war auch elementar, zumal in der Aussenwahrnehmung. Denn dass es zwei Landesteile sind, spürt man in der Realität: Mentalitäten, Sprache, Mechanismen sind verschieden, und die Menschen musst du auch zuerst kennenlernen.
Ich kam erst später zu Glad We Met, arbeitete davor in verschiedenen Clubs und bei einem grösseren Konzertveranstalter. Ich lebte lange prekär und wollte wohl erfahren, wie sich das anfühlt, Geld auf dem Konto zu haben. Im Nachhinein war das keine blöde Entscheidung, denn ich habe mega viel gelernt und die andere Seite – das «Money-Business» – kennengelernt. Das nützt mir noch heute, um zu verstehen und zu wissen, was das für ein System ist, wie dort die Menschen ticken.
2020 fragte ich dann bei Glad We Met an, ob ich bei ihnen einsteigen kann. Ich hatte damals zwei Artists in meinem Roster, hatte eigentlich noch nichts vorzuweisen. Nach einem Zoom-Call, bei dem wir merkten, dass es menschlich passt, ist es losgegangen. Natürlich war es wegen Covid nicht der beste Zeitpunkt, aber ich wuchs immer mehr in die Rolle rein.
Fabian: Zu Beginn der Agentur diskutierten wir sehr ausführlich und auch unglaublich gerne über die Identität der Agentur, über das Zusammenarbeiten und auch die Unabhängigkeit jeder Einzelperson in diesem Gefüge. Wir haben auch versucht, uns regelmässig zu treffen. Dann kam die Pandemie, und die hat uns ausgebremst, auch in der Auseinandersetzung miteinander. Wir wohnen verstreut, konnten über viele Dinge nicht sprechen, vieles hat nicht stattgefunden…
Martina: Es war allgemein eine schwierige Zeit für uns, da wir alle in verschiedenen Clubs verankert sind und waren.
Fabian: Es wurde zunehmend anspruchsvoller für uns als Agentur. Martina und ich haben, seit sie dabei ist, sehr viel Austausch miteinander, das ist sicher auch sprachlich bedingt. Nad und Laure-Anne sehen sich regelmässig und haben viel Austausch. Nik hat sich durch neue Projekte eher aus der Bookingarbeit zurückgezogen und hatte gar nicht mehr so viele arbeitstechnische Sachen zu besprechen mit uns. Das war anspruchsvoll für ein Team ohne Büro, gleichzeitig hätte es unseren Bedürfnissen auch nicht entsprochen, einfach in einem Büro an irgendeinem Wochentag zusammenzukommen, denn unsere Flexibilität war quasi unser grösstes Kapital. Die konstanteste Kommunikationsform, die wir haben, ist unser Chat. Die wichtigsten Sachen werden dort ausgetauscht.
Martina: Als die finanziellen Probleme entstanden sind, wurde es zunehmend schwieriger. Glad We Met stand nie richtig auf stabilem Fuss, aber als die Liquidität prekär wurde, zeigte sich die Schwierigkeit, dass wir zu wenig zusammen sind und uns auch ein Stück weit verloren haben während der Pandemie. Das hat wahrscheinlich dazu beigetragen, dass wir jetzt an diesem Punkt sind. Vielleicht ist es auch eine natürliche Konsequenz. Als wir das Ende besprochen haben, war es auch ein Loslassen. Viel Druck, dieses Kollektiv zusammenzuhalten, ist entfallen, ein Kollektiv, das in diesem System ökonomisch gesehen gar nicht längerfristig hätte überleben können.
Benedikt: Ihr habt ja schon vor zwei Jahren im Code of Conduct geschrieben: «We’re exhausted», also: wir mögen einfach nicht mehr.
Fabian: Als wir Glad We Met gegründet haben, war es ein wertebasierter Zusammenschluss. Mittlerweile sind wir zu Aktivist:innen verkommen. Doch eigentlich hat sich gar nichts verändert. Wir haben Vorstellungen, wie das Zusammenleben funktionieren sollte. Und das war die Ebene des Code of Conduct. Ich sage Aktivist:innen, weil nicht viele in diesem Business Dinge öffentlich ansprechen. Natürlich wissen wir auch, dass andere Leute erschöpft sind von Begebenheiten, von Mustern – gerade Leute in diesem prekarisierten Sektor. Dass es uns finanziell so schlecht geht, hat keinen direkten Zusammenhang mit den Dingen, die wir im Code of Conduct ansprechen. Wir waren scheinbar kein gesundes Unternehmen.
Wahrscheinlich sind wir auch sensibler als andere. Das ist auch eines unserer Anliegen: sensibel zu sein. Denn letztendlich geht es mir auch darum, dass Sensibilität ein Wert ist, warum Musik stattfinden soll.
Martina: Die mentale Erschöpfung ist ein zentraler Punkt. Unter anderen Voraussetzungen hätte es vielleicht schon einen Ausweg gegeben. Wir haben das Glad-We-Met-Ende Ende Februar in Bern beschlossen, und als wir dieses Anfang Mai kommuniziert haben, hat dies so viel ausgelöst: die Reaktionen haben mich emotional so stark reingezogen. Ich spürte diese Erschöpfung von den anderen, sie sagten: «Gopf, wenn es euch nimmt, dann fehlt mir jetzt wirklich der Optimismus.» Das war ein krasser Moment. Es hat gar nichts mit uns, sondern vielmehr mit dem, wofür wir stehen, zu tun.
Wir reden immer von Ökosystemen. Und es ist eine Realität, dass all die Verknüpfungen viel zu wenig angeschaut werden. Da ist schon auch eine gewisse Ernüchterung da. Und das ist sehr schade.
Kultur machen war immer schwierig, das war auch vor 15 Jahren schon so. Doch die Arbeit unter diesen Voraussetzungen tagtäglich zu machen, ist so schwierig, auf allen Seiten: Artists, Veranstalter:innen, Agenturen, das ganze Indie-Mindset. Es fühlt sich so an, als gäbe es für unsere Arbeit in der Schweiz keinen Platz; sie wird zu wenig wertgeschätzt und respektiert. Teilweise scheint es so, als dass wir – von der Gesellschaft, von der Politik, von wem auch immer – gar nicht als relevant eingeschätzt werden. Das spüre ich regelmässig und das ist etwas, das sehr erschöpft.
Ich habe momentan Mühe, mir vorzustellen, wie es weitergeht. Und so bleibt der Aktivismus. Als wir den Code of Conduct präsentiert haben, war der Rückhalt von Kulturschaffenden und Musiker:innen mega gross, aber man hat teilweise schon das Gefühl, dass man in den luftleeren Raum schreit. Eigentlich müsste der Impact viel grösser sein, damit sich etwas bewegt und sich auch fundamental etwas verändern kann. Das ist das, was mich teilweise desillusioniert. Und es steckt auch eine mega Traurigkeit dahinter, man liest das auch in Posts, etwa von Sara Oswald.
Fabian: Irgendjemand muss doch mal Möglichkeiten bieten, dass es (die Livekonzertkultur) nicht einfach nur ein nice to have ist. Die unglaubliche kulturelle Vielfalt, die Kreativität in der Kreation oder auch die Aufrechterhaltung, das ganze kulturelle Kapital, das in dieser Szene vorhanden ist, sind so gewaltig. Und wenn die Nischen weggedrückt werden, weil man jetzt in einer überkommerzionalisierten Zeit lebt, dann ist es logisch, dass es uns als kommerzielles Konstrukt auch zuerst lüpft. Denn wir können eine Firma nicht noch stärker prekarisieren. Als Personen können wir das machen. Doch was passiert in den nächsten 10 Jahren? Ist das Ziel wirklich, dass es die Hälfte aller Musiker:innen, Clubs, Festivals, Labels und Agenturen nicht mehr geben soll? Das ist einfach eine mega schlechte Voraussetzung.
Martina: Alles, was ökonomisch nicht funktioniert, erscheint in der Schweiz als irrelevant, hat kein Existenzrecht, das zieht sich durchs Band und ist wirklich tief verankert in unserem Gedankengut. Das ist die grosse Diskrepanz. Denn Kultur kostet und die muss auch kosten. Und man muss sich diese auch etwas kosten lassen. Kultur ist nicht einfach ein Accessoire, ein nice to have. Das muss ein Teil sein, in allem, was wir machen in dieser Gesellschaft. Der Hund liegt viel tiefer begraben, denn die kulturelle Vielfalt geht durch so viele Ebenen, und leidet auch in dieser Kommerzialisierung, mit dieser Monopolisierung. Weisst du, all die Agenturen, die sich jetzt dann den grossen Firmen anschliessen, die gefährden das alles ja auch.
Der Live-Nation-Chef Michael Rapino schreibt ja auch von Konzerten als «Pipeline», um Sponsoringeinnahmen zu generieren. Musik ist dabei nur Mittel zum Zweck, um Geld zu verdienen. Da geht es nicht um Kultur. Das bedroht unsere kulturelle Vielfalt – und zwar massiv. In der Schweiz und darüber hinaus. Da geht es gar nicht um unser Kollektiv.
Fabian: Du kannst es ja schon schaffen in diesem Geschäft. Aber was sind denn die Kompromisse? Das bedeutet, immer ökonomischer zu arbeiten…
Martina: …und im schlimmsten Fall deine Werte aufzugeben.
Fabian: Das betrifft ja auch wieder alle in der Kette. Aus unserer Sicht ist es nicht erstrebenswert, dass wir Künstler:innen vertreten, die einen kurzen Moment lang angesagt sind – und mit denen wir den Raum X ausverkaufen und so Geld verdienen. Wir kennen einfach zu viele Musiker:innen, die unglaublich relevant sind. Und diese sollten gehört werden.
Fabian: Wir wollten als Agentur kein Crowdfunding machen, damit wir weiter bestehen könnten. Wir wollten diesen Geltungsdrang nicht. Das Rampenlicht gehört den Veranstalter:innen, und es gehört den Künstler:innen. Wir sind Vermittler:innen, wir stehen dazwischen und wir sind eigentlich total irrelevant für das breite Publikum. Das soll auch so sein. Es geht um die Räume, das sind soziale Treffpunkte, und es geht um die Musiker:innen, die die Menschen ansprechen. Das, was wir machen, ist quasi die Freundschaft aufrecht erhalten zwischen beiden Perspektiven. Wenn alles überfordernd wird, sollten wir auch nicht noch mehr überfordern mit unseren Bedürfnissen. Aber wir wollen auch nicht gehen, ohne das nicht gesagt zu haben, ha. Und wir haben es eigentlich auch bereits gesagt, vor einem Jahr, dass wir kein Geld mehr haben, vor zwei Jahren, dass wir keine Energie mehr haben…
Fabian: Sehr viele Formen werden in Räumen neu ausprobiert, das passiert ja konstant. Das wird getrieben durch freiwillige Arbeit, durch unbezahlte Arbeit. Ich sage gar nicht, dass eine Popkultur nur in einem Lohnverhältnis funktionieren kann. Aber es kann auch nicht sein, dass alle Innovationen nur gratis passieren, sondern es braucht wieder Freiräume, in denen das gemacht werden kann und die auch wertgeschätzt werden.
Martina: Ich würde mir einfach auch wünschen, dass Verantwortung wahrgenommen wird. Das ist mir alles zu passiv, auch die Politik. Wir führen immer noch die gleichen Diskussionen wie vor 15 Jahren, und das finde ich skandalös.
Fabian: Ich finde es enttäuschend, dass man momentan die ganze Zeit über AI und Musikschaffen beziehungsweise Urheberrechte redet, währenddem Meta und Spotify einen viel grösseren Einfluss auf das aktuelle Musikschaffen haben. Es ist gar nicht mal so wichtig, was AI macht. Das Problem ist, dass auf Meta und auf Spotify ein mega grosser Teil einfach weggedrückt wird und dass man den amerikanischen und schwedischen Firmen einfach das Geld überlässt und nichts macht. Eine Lex Spotify wäre für mich eine mega wichtige Lösung für das Kulturschaffen, global gesehen. Weil auf diesen Diensten werden Menschen bewusst prekarisiert. Diese Dienste bewirtschaften später auch wieder die anderen Monopole, sei das labelseitig oder journalistisch oder sei das von Seiten der Veranstalter:innen. Ich habe das Gefühl, für uns, gerade auch wieder als wirtschaftlich denken müssendes Konstrukt, sind diese Monopole, diese Ansammlungen von Geldhaufen, die grösste Krux. Ein Musikgesetz wäre sicher an der Zeit, damit Musikschaffen besser geschützt wäre in der Schweiz.
Martina: Als Agentur bist du auf dem Papier ein kommerzielles Wesen. Du arbeitest auf Provisionsbasis, aber 95% von dem, was wir machen, ist eigentlich fast schon freiwillige Aufbauarbeit von Künstler:innen. Für diese Arbeit gibt es keine Ressourcen oder finanzielle Unterstützung. Das ist ein riesiges Problem und das haben wir auch angesprochen in unserem letzten Statement.
Fabian: Wir sind zum Teil selber schuld, wir hätten einfach ein anderes System wählen können. Doch wir haben genügend oft auf unsere Löhne verzichtet, damit wir liquid genug geblieben sind. Selbstausbeutung ist okay, aber irgendwann muss sie dann aufhören.
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Martina: Auf Club-Ebene findet man meistens irgendeine Lösung, passt sich an, das ist wie der Grund-Mood. Aber die Frage ist und bleibt: Zu welchem Preis? Ich weiss nicht, ob die Selbstausbeutung so weitergehen kann. Ich kenne viele Kolleg:innen, die in den letzten Jahren Burnouts hatten. Ich habe das Gefühl, dass du in dieser Kulturarbeit den Kampf entweder kämpfst – oder aufgibst. Das Dazwischen sehe ich bei diesem Engagement nicht so ganz. Du bist halt Aktivist:in – oder du musst etwas anderes machen. Ich frage mich halt auch, ob das in der Schweiz unter diesen Voraussetzungen in diesem System auf eine gesunde Art geht.
Fabian: Aktivist:in zu sein hat aber auch etwas sehr Verbindendes…
Martina: Ja, absolut. Das haben wir ja auch beim Code of Conduct gesehen. Das ist sehr bestärkend. Auch beim Crowdfunding fürs Fri-Son spürte ich diese verbindende Solidarität. Aber beim Statement zu unserem Ende war das emotional sehr schwierig. Wir haben es auch genutzt, um Klartext zu reden – weil wir hatten ja nichts mehr zu verlieren. Also nicht, dass wir vorher viel zu verlieren gehabt hätten… Aber es ist eine weltweite Entwicklung, wir in der Schweiz sind ja keine Insel – und die Tendenz ist einfach beängstigend. Und die wenigsten sind sich bewusst, was im Hintergrund alles abgeht. Wie konnte es überhaupt so weit kommen? Vielleicht sollte man darüber öfter sprechen, auf einer Metaebene – und nicht einfach nur mit der Lupe beispielsweise die Mascotte-Geschichte oder jene von uns erzählen. The system is doomed, Kapitalismus, Patriarchat, und alles, was damit zusammenhängt. Fucked up auf allen Ebenen, und zwar global.
Fabian: Was den Aktivismus anbelangt: Es ist ja dann nicht nur ein kultureller Aktivismus in der Club- und Festivalszene. Es wird an einer sozialeren Gemeinschaft, einem Miteinander gearbeitet, feministische Ideen umgesetzt oder auch ökologische Modelle werden für die ganze Kultur entwickelt. Die Innovationskraft von dem, das an den Rand gedrückt wird, ist so massiv viel grösser als dieses Green- und Pink-Washing der allergrössten Festivals. Das ist super, dass sie Massnahmen umsetzen, und super, dass sie den Zugang zu viel mehr Leuten als wir haben. Sie haben damit aber auch die grössere Verantwortung. Aber ich kenne kaum einen Ort, an dem unsere Künstler:innen stattfinden, der keine kostenfreien Menstruationsartikel anbietet. Wahrscheinlich 80% aller alternativen Veranstalter:innen haben ein wirkungsvolles Awareness-Konzept. Diesen Orten ist genauso wie uns als Agentur ein Anliegen, dass die Künstler:innen nicht einfach hin- und herfliegen, dass eine faire Gage bezahlt wird, dass ein Miteinander entsteht.
Ich will nicht in einen Pessimismus fallen, denn im ganzen Ökosystem arbeiten alles getriebene Leute. Es gibt wahnsinnig viele Lebensentwürfe. So wie am Montag in Bern alle Strassen geputzt werden müssen, müssen halt auch gewisse Formen von Musik einfach stattfinden. Dieses Anliegen, dieses Bedürfnis ist einfach genügend gross. Sobald man in der Kultur beginnt zu arbeiten oder auch öffentliche Konzerte spielt, geht das zum Glück auch nicht so schnell wieder weg.
Martina: Das Bedürfnis wird nicht weggehen, aber wenn so viel ausbrennt, hat das auch wieder Konsequenzen und eine neue Dynamik entsteht. Und das ist die Realität. Das System ist teilweise so unattraktiv geworden, dass auch weniger neue Leute nachrücken. Die Arbeit in den Booking-Gruppen bestand früher primär aus Freiwilligenarbeit, das gibt es heute nicht mehr so und soll es auch nicht mehr geben. Aber einfacher macht es das natürlich nicht. Realistisch sein und gleichzeitig auf das Gute hoffen, ist wahrscheinlich schon the way to go. Und den Kampf einfach weiterkämpfen und engagiert bleiben. Was willst du sonst machen?
Ich will auch gar nichts anderes machen. Die Arbeit ist sehr kräftezehrend, aber macht auch uh viel Freude. Bei jedem Konzert, das du machst, weisst du doch, warum du es machst. Diese Momente: an denen müssen wir uns festhalten. Das wird bestehen – aber ja, unter welchen Voraussetzungen? Es wird je länger, je mehr schwieriger. Und wenn ich die Monopolisierung und die Tendenzen ansehe, dann fällt es teilweise schwer, hoffnungsvoll und optimistisch zu sein. Allgemein, wenn ich die Politik anschaue, etwa die Gaza-Politik, da könnte ich jeden Tag fünf Mal losschreien und weinen. Das darf auch desillusionieren, sonst lebst du nicht auf diesem Planeten. Wenn dir das keine Angst macht, dann… Es ist eine schwierige Zeit.
Fabian: Bei uns allen sechs ist es sehr unterschiedlich. Wir bleiben sicher alle irgendwie nahe zu Musik, das ist uns ein grosses Anliegen. Und alle von uns arbeiten weiter in der Kultur und der Kulturvermittlung. Die Frage, was Vermittlung alles beinhalten kann, interessiert uns.
Ich freue mich, dass ich den Bookingjob für den Moment aufgeben kann. Ich freue mich nach zehn Jahren sehr, mal nicht jeden Morgen als erstes den Compi aufzuklappen und in meinem Mailpostfach ein paar Stunden zu verbringen.
Martina: Ich werde solo weitermachen, so klein wie möglich, Motto DIY halt. Ich habe so schöne Verbindungen aufgebaut, und das würde mich sehr reuen, wenn ich diese jetzt kappen würde. Ich bin nicht so altruistisch, dass ich das jetzt nur für die Artists mache, sondern das gibt mir ja auch viel. Ich befinde mich auch noch im System drinnen – vom Bookingjob im Fri-Son her – ich glaube, ich müsste es ganz oder gar nicht machen.
Ich will mich eigentlich nicht so sehen, dass ich mich über meine Arbeit definiere. Aber mein Kulturengagement ist so mit mir als Mensch verwoben, mich gibt es glaube ich gar nicht mehr ohne das. Das ist etwas mega Schönes, aber auch schwer verständlich für manche.
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Fabian Mösch arbeitet weiter für Petzi, das OOAM Festival und veröffentlicht als möf Musik – am 17. Oktober folgt sein Album «A Terrain».
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