Songs alleine zuhause aufzunehmen und jede Spur selber einzuspielen ist etwas mega anstrengendes – und manchmal habe ich dazu die Zeit und Energie nicht. Alles wird dann so gemächlich, und den Sound, den du zuhause hinkriegst, ist doch sehr anders als in einem Studio. Du hast beispielsweise kein echtes Schlagzeug in deinem Zimmer – zumindest meistens nicht… Das begann mich zu nerven, und innerlich habe ich mich entschieden: Ich will in einem Studio gleich mehrere Songs aufnehmen, und zwar mit einer Band.
Die Band hatte ich ja schon, ich schrieb Songs, spürte: ich brauche eine Deadline, damit ich alles fertig machen muss – denn ohne Deadline führt das einfach zu 20 Skizzen, die ich nie fertig mache. Ich sagte Vojko (Huter), dass ich gerne bei ihm die Songs aufnehmen würde, er schlug ein paar Daten vor, ich fragte bei meiner Band nach, ob sie an diesen Daten Zeit hätten. Als wir das gefixt hatten, checkte ich, dass ich jetzt ein Album fertig machen muss, denn jetzt brauchte ich Material, damit das cool wird. Ich fragte mich, welche Songs ich aufnehmen möchte, und welche ich zwar bereits aufgenommen hatte, aber mit denen ich noch nicht zufrieden war.
Nachdem ich die Songs fertig geschrieben hatte, probten wir, und bei Vojko nahmen wir diese dann auf. Ein paar Lyrics habe ich im Nachhinein fertig gemacht. So sind sechs Bandtakes entstanden, die nun auf «Darts» zu hören sind, es gab noch ein paar Overdubs von Gitis und Stimmen und ein paar Instrumenten, aber nicht viele.
Es ist das erste Mal, dass ich etwas so richtig produziert habe. Ich musste mich auch darauf einlassen, was die Band spielt. Denn wenn die Takes schon da sind, habe ich viel weniger Bearbeitungsmacht. Ich musste den Songs jene Form, die sie nun angenommen haben, lassen. Vorher konnte ich einfach sagen: «ah, diese Section gefällt mir gar nicht, ich cutte sie einfach». Aber jetzt war es so: «ah shit, das ist alles schon da», das fühlte sich speziell an. Das mühsamste war, eine Note zu korrigieren, das dauerte etwa gleich lange wie einen ganzen Teil umzuschneiden…
Das war im August 2025, und dann ging der ganze Prozess mit Stiftungsgeldern anfragen erst los. Das hätte ich natürlich schon vorher machen müssen – es ist jetzt zum Glück gut herausgekommen. Sehr viel passierte zunächst sehr langsam, auf den Release hin ist alles grad so zusammengekommen. Zwei Tage vor dem Release im Januar stand dann auch die Finanzierung. Jetzt kann ich die Leute auch bezahlen, das ist schön.
Ich habe schon mit sehr jung, so als 14-Jähriger, gecheckt, dass ein guter, repräsentativer Username im Internet Sinn ergibt. Denn mit deinem eigenen Namen online zu sein – gerade als Kind – ist scary. Mit 15 oder 16 ist Golfjugo als Username in dieser Form da gewesen. Ich behielt ihn einfach, als ich begann, Musik zu veröffentlichen – mir ist auch nichts besseres in den Sinn gekommen. Dieser Username hat auch etwas weniger so Ego-Performance-mässiges als irgendein Bandname wie beispielsweise The Smile, das würde sich so monumental anfühlen.
Ich veröffentlichte zuerst Producersachen und probierte als Teenie Rap-Zeug aus. Es folgten Electronica-/Indie-Bedroom-Tracks, und als ich begonnen habe, Gitarre zu spielen, habe ich einfach gedacht: «Ich muss nicht immer, wenn ich etwas Neues veröffentliche, einen anderen Namen suchen, das ist mühsam.» Ich habe auch beobachtet, dass Zweit-Accounts von Instagram-Personen niemals die gleiche Aufmerksamkeit wie ihre ersten Accounts erhalten. Deshalb behalte ich einfach Golfjugo als Username, und die Band ist ein Vehikel davon. Die Band ist zwar wie immer da, aber es gibt weniger Drama, wenn mal der Bassist für ein Konzert eine andere Person ist. Im Kern ist es ja meine Musik, ich schreibe ja alles.
Als Kind hatte ich den Impulsgedanken gehabt, dass ich Musik machen könnte. Mein Cousin Luka ist Gitarrist bei Softlander, er machte damals schon Musik, mein Vater hatte ein Tenorsaxofon. Und für mich führte das wie zu einer Art Berufsentscheidung: «Okay, Musik? Das kann man machen und lernen und studieren, das ist ein Ding!» So mit acht wird man ja in der Schule zum ersten Mal gefragt, was man denn später mal machen möchte. Ab einem gewissen Punkt habe ich dann einfach gesagt: «Musiker, Musiker.» Ich entschied mich dann fürs Saxofon als Instrument.
Dabei habe ich gar nicht so oft Saxofon gespielt. Ich hatte allenfalls ein Verständnis von Musik, aber ich habe lange nicht gut gespielt. Im Gymer gab es als Schwerpunktfach Musik, und so wählte ich das. Ich habe mich also fast wie karrieremässig reingezwungen, was lustig ist, denn der akademische Aspekt des Musikmachens ist für mich der Horror, ich finde dies das Schlimmste.
Auf dem Album hat es nun ein Saxofonsolo, aber jetzt muss ich mit diesem Instrument wieder ein wenig Beziehungsarbeit machen. Ich spielte letzthin ein improvisiertes Solo an einem Konzert, viele Leute sprachen mich auf das und nicht auf meine Gitarrenmusik an – das hat mich fast ein wenig genervt. Jetzt muss das Saxofon wieder ein halbes Jahr in den Koffer zurück, vielleicht darf es dann wieder mal mitkommen.
Mit Giti-Musik begann ich 2022, ich spielte mit der Gitarre meines Vaters rum. Das war mein End-Covid-Hobby gewesen – und ich brauchte etwas anderes als das Saxofon. Ich übte Gitarre, damit ich Nicos «These Days» spielen kann – wegen einem Cover der Band Mates of State, das ist so Twee-Pop aus Kanada. Ich krampfte mega, spielte lange mega schlecht. Und es ging so lange, bis ich überhaupt ein ganzes Lied auf der Gitarre spielen konnte. Später schrieb ich Emo-Songs, die habe ich vor kurzem wieder gefunden, das ist sehr rough… Dann entdeckte ich Alex G, und ich wollte noch viel mehr das Gitarrenspiel lernen.
Ich schreibe oft am Morgen oder am Abend vor dem Schlafen. Wenn ich frei habe oder am Wochenende, ist zehn bis eins eine gute Uhrzeit, und am Abend ist es so von elf an bis zum Einschlafen. Ich spiele oft im Bett, mit nichteingesteckter Gitarre.
In der Band passiert auch viel. Manchmal bringe ich Ideenskizzen zur Probe und frage die anderen, ob sie mitspielen können, damit ich Inspirationen habe. Auf «Darts» hat nun jede:r auch einen Writing Credit. Viele Basslines sind von Kolja, da ich keine Lust hatte, Bass zu spielen. Und jetzt habe ich immer mehr Lust, Bass zu spielen. Nun verliert der Bass also seine Autonomie…
Als Band sind wir unglaublich laut. Ich habe eine sehr grosse Lärmtoleranz, deshalb ist die Musik, die ich mache, auch mega laut. Und ich liebe es, wenn sie sehr laut ist – und doch noch eine Clarity hat. Wenn das Zeug laut ist, und man nicht mehr versteht, was im Song passiert, dann bin ich gescheitert.
Mit drei Gitarren in der Band kannst du einfach die Overdub-Idee von Zuhause umsetzen: du machst Chords, du machst eine Melodie, machst eine zweite Melodie. Dann hast du bereits drei Gitarren, die auf der Aufnahme sind. Ich hätte es schade gefunden, wenn ich diese Gitarren für die Konzerte «abestrippe» würde. Es ist viel cooler, wenn da drei Gitis auf der Bühne sind, weil es einfach so bombastisch ist. Und egal wie leise du spielst, es gibt so eine huere Welle.
Ich fand auch Gefallen am Sammeln von Gitarrenverstärkern, so «occasionigs» und cheaps auf Ricardo, das ist auch eine sehr coole Ästhetik. Slackerrock insgesamt ist eine coole Ästhetik, die Bands sind dabei ja sehr überlegt. Pavement sind ja nicht unbedingt authentisch, das sind doch einfach Guys, die sich entschieden haben, einfach sloppy Rockmusik zu spielen.
Popeinflüsse gibts bei mir aber auch, denn ich habe manchmal auch das Bedürfnis, Dinge herauszuputzen. Vor kurzem hat mir eine Person gesagt, dass sie Golfjugo an R.E.M. erinnere – das fand ich zunächst ein bisschen absurd, aber eigentlich passts. Ich mag R.E.M. selber sehr, das ist so ein Popeinfluss, weil es so clean ist. Und auch die Jugo-Eltern-Einflüsse sind da. New Wave, Romantic Goth, 80er Pop: Meine Eltern sind voll aus dieser Szene. Und egal welche Musik das war: Der Gesang ist immer mega gut. Und deshalb ist Golfjugo nicht so slacker von wegen: es ist mir egal, wie ich klinge. Weil denen ist es ja auch nicht egal. Ich versuche jedenfalls so zu tönen, als würde ich gerne singen…
Ich erinnere mich auch an ein Klassenlager: Ich war so nerdig, nahm den Walkman und den CD-Player in die Landschulwoche mit, packte einfach CDs meiner Eltern ein, darunter ein B. B.-King-Album. Die habe ich auf eine Exkursion mitgenommen, was ein absurdes Konzept ist: Ein 11-Jähriger, der im Schullager mit seinem CD-Player B. B. King hört… Es hat mir einfach Spass gemacht, Musik cool finden.
Das ist eigentlich mein grösstes Hobby: Musik cool zu finden. Meine Schwester hat mir Streaming gezeigt, als ich 14-jährig war. Jetzt bin ich ein Streaming-Feind. Aber damals war es sehr wichtig, ich habe mega viel krasse Musik entdeckt. Wenn ich Spotify runterscrolle, sehe ich, wie schnell sich mein Geschmack entwickelt hat, weil ich mega internetempfänglich bin und früh auch gute Kanäle gefunden habe. Anthony Fantano war für mich mega wichtig, denn ich war ein Youtube-Kind. Ich war da etwa 15, wohnte auf dem Land, und hörte Death Grips wegen dem Internet, entdeckte Bands wie Pile. Hiphop war so wichtig, weil es so einen krassen Medienzyklus gab, mit Kendrick und all der Welt herum, oder auch mit Death Grips. Wenn du mal beginnst, bist du dann so krass drin.
Ich war auch ein snobby Teenager. Ich wusste, wenn ich viel über Musik weiss, dann muss ich Popmusik schlecht finden. Und das ging auch sehr lange, bis das weggegangen ist. Aber es gibt halt auch sehr viel schlechte Popmusik…
Mit dem Streamingding hörte ich absurd viel Musik. Ich hörte den ganzen Tag: in der Schule trug ich die Kopfhörer immer auf einem Ohr, ich hörte beim Gamen, nahm immer ein Böxli mit auf Ausflüge, selbst beim Schlafen hatte ich die ganze Nacht über Musik an. Ich habe alles einfach mega verinnerlicht. Ich wurde dann ein wenig selektiver, hörte aber immer nur ganze Alben an, nie Playlists.
Es gibt so ein Jazzzitat: Eine:n gute:n Jazzmusiker:in erkennst du zuerst am Spiel, und wenn er:sie dann die Inspirationen nennt, leuchtet es dir ein. Ein wenig so versuche ich es auch. Wenn du nur zitierst, wird es mega langweilig. Ich spielte vor kurzem modernen Shoegaze nach, da hast du immer die drei gleichen Chords. Du hast dann zwar schnell so etwas wie einen Song, aber das ist so boring.
Ich habe aber einen sehr langen Bearbeitungsprozess: Wenn ich beispielsweise die Vocals einsinge, lasse ich mir genügend Zeit für Phasen, in denen ich Dinge nachahme, die ich gerade höre – aber mit der Zeit wird es dann zu meiner eigenen Musik. Am Schluss hängt es aber einfach auch sehr davon ab, wie du es aufnimmst, wie du es singst. Wenn ich alles viel leiser und präziser aufgenommen hätte, dann würden alle Elliott Smith als Vergleich nennen. Wenn es viel sloppier und weniger nahe am Mikro wäre, würde es wie Stephen Malkmus klingen. Ich probiere aber im Moment, wenn ich es aufnehme, nicht an das zu denken, sondern ich singe einfach den Text. Ich muss es dann einfach akzeptieren, dass meine Musik nicht so klingt wie jene Musik, die ich gern habe. Manchmal enttäuscht mich das dann auch. Ich würde ja viel lieber ein Alex G-Album als mein eigenes Album hören. Aber ich denke, das ist auch gut so.
Meine eigenen Songs höre ich sehr oft, bis sie keine Lücken mehr haben. «Quicksand» beispielsweise hat mir zuerst gar nicht gefallen, ich machte noch sehr viele Änderungen, hörte den Song dann auf guten Boxen, und ich konnte zum ersten Mal das Lied hören, da ich nicht mehr am Lücken füllen war. Es muss sich gut anfühlen.
Manchmal mache ich komparatives Hören, höre mein Zeug, höre andere Sachen, die ich gerne mag, und frage mich, was diese Songs haben, was meine nicht haben. Wo kann ich noch lernen? Da bin ich schon sehr methodisch und es dauert sehr lange, bis ich einen Song fertig habe. Einen Song fertig zu schreiben fühlt sich manchmal so an, als müsste ich mein Zimmer aufräumen.
Lustigerweise habe ich gerade mit neuen Songs angefangen. Am Wochenende war ich für Aufnahmen in Zürich. Dieses Mal wird es eher wieder DIY und nicht wieder alles auf einmal im Studio. Ich glaube, das wird cool.
Momentan habe ich gern:
«Darts» von Golfjugo ist bei Chrüsimüsi Records erschienen.
Golfjugo live: Do, 25.6., Elite Openair, Langnau (18:30), Fr, 26.6., Café Kairo, Bern (mit Gregory), Fr, 3.7., Mini Mercato, Frauenfeld (dort gibts auch splatz.space-Merch, yes)
Golfjugo im WWW: Bandcamp // Instagram // Soundcloud
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