Julia: Ich bin gespannt, ob Carlo da ist…
(Carlo erscheint auf dem Screen)
Julia: Hey! Bist du draussen?
Carlo: Ja, bei mir Zuhause habe ich so schlechtes Internet. Hier seht ihr den Dorfkern von Marbach im Rheintal…
Carlo: Ich habe mit 16 in Gitarren-Schlagzeug-Bands gespielt, das war zu jener Zeit, als Indie-/Alternative-Rock schwer angesagt war. Das mit den Bands hat sich schnell wieder verloren, doch ich kaufte mir daraufhin eine Drum-Machine und dachte, da würde jetzt ein Synthesizer, der das Muster wiederholt, noch passen, und so habe ich nach und nach die Band-Mitglieder selber wie ersetzt. So machte ich etwa 10 Jahre lang Musik für mich allein, ohne Computer, einfach mit einer Loopstation.
Im Brocki fand ich einmal eine Plattensammlung – ich nehme zumindest an, dass es eine Sammlung war, vielleicht hat irgendein DJ aufgehört. Sie bestand aus lauter Disco-, New Wave- und Post-Punk-Sachen und ich kaufte gleich alle LPs, es waren etwa 50. Zuhause, beim Hören, merkte ich: das ist genau das, was ich auch mache, mit den Drum-Machines und den Synthesizern. Ich geriet fast wie in einen Rausch, ich hatte auch Zeit damals, und stellte meine Tracks ins Netz. Die Tracks fielen genau in die Dark-Wave-Ecke rein, obwohl ich meinte, ich mache einfach Synthpop. Ein Label aus Peru fragte an, ob sie ein Tape mit meiner Musik veröffentlichen können, und so wusste ich: ah, dort gehöre ich hin. Obwohl: Ich habe mich eigentlich nirgends zugehörig gefühlt, ich wusste einfach: meine Musik erfüllt keine Popstandards. Aber diese Veröffentlichung hat mir einen Megaboost gegeben, denn nach 10, 12 Jahren, während denen ich nur für mich Musik machte, gab es plötzlich einen Ort für meine Musik, sie stiess plötzlich auf Resonanz. Ich habe zu jener Zeit auch gemerkt, dass ich wie ein Flow-Erlebnis brauche – dieses fand ich als Kind beim Lesen, heute finde ich es in der Musik, und das Musikmachen gehört so zu meinem Alltag.
Julia: Ich habe sehr viel gelesen als Kind, und ich habe auch immer versucht, Geschichten zu schreiben. Es ging um imaginierte Orten, um einsame Inseln und Höhlen. Diese Orte zeichnete ich vor allem, ich erfand dann Geschichten zu diesen Zeichnungen. Und ich merkte: ich kann überhaupt keine Geschichten erfinden. Immer nach zwei Seiten haben sie aufgehört, und das zieht sich bis heute fort, denn ich kann auch heute keine Geschichten erzählen. In der Kanti habe ich dann entdeckt, dass man mit Sprache noch anderes machen kann als eine Geschichte zu erzählen. So fand ich zur Lyrik, und ich spürte, dass ich das sehr gerne mache und auch sehr gut kann: dieses Experimentieren mit Sprache. So fand ich einen anderen Zugang zum Schreiben – und das ist bis heute geblieben.
Julia: In Trogen habe ich Carlo zum ersten Mal getroffen, damals plante mein Musikredaktionskollege bei Radio Stadtfilter eine Reportage mit dem Arbeitstitel: «Who is Carlo Onda? Wer ist Karl Kave?» Und er fragte mich, ob ich mitkommen möchte. Und ich fand: da fahren wir hin. Es war ein schöner sonniger Tag, und wir interviewten Carlo. So haben wir uns kennengelernt…
Carlo: …im Kinderdorf Pestalozzi…
Julia: …genau, haha.
Carlo: Wir blieben in Kontakt, via Instagram glaube ich. So habe ich mitbekommen, dass von Julia ein Buch erschienen ist.
Julia: Das war mein erster Lyrikband, «Nebelgrenze».
Carlo: Ich habe das Buch bestellt und merkte beim Lesen: ich komme mit den Texten nicht ganz zurecht, aber sie gefallen mir sehr gut. Damals machte ich ein Album mit sehr filmischen, utopischen, fast science-fictionhaften Tracks. Selber Texte schreiben wollte ich nicht, ich wäre mir vorgekommen wie ein Bluffsack oder ein Hochstapler, und ich fragte mich: welche Person, die ich kenne, kann überhaupt Texte schreiben? Andrin (Uetz), mit dem ich sonst zusammenarbeite, kam nicht in Frage, er schreibt humoristische Sachen, das hätte nicht gepasst. Und so kam ich auf dich. Kennen ist ja bei uns auch übertrieben, wir sind uns einfach begegnet… Und so haben wir «Blauer Planet» vorangetrieben, in einem sehr minimalen Workflow, wir mussten uns einfach vertrauen. Das macht unsere Zusammenarbeit schon aus, oder?
Julia: Für «Blauer Planet» hat mir Carlo ein paar Ideen und Bilder geschickt, ich behielt diese Hinweise wie einen Fundus an Stimmungen im Hinterkopf. Vor allem habe ich aber die Instrumentals gehört, und so haben sich diese verschiedenen Ebenen beim Schreiben miteinander «verwurstet». Es war klar, in welchem Kosmos sich die Texte bewegen sollten.
Carlo: Etwas war mir schon sehr wichtig: es sollten keine Fantasy-Texte sein. Einmal kommt zwar doch noch ein Fantasy-Element vor, etwas versteckt, und zwar der «Riese im Berge»…
Julia: Diesen «Riesen im Berge» gibts gar nicht, das meinst nur du. «Aus der krone schaut der Riese uns entgegen» heisst es im Text.
Carlo: Ich weiss schon. Es ist wegen dem «Orakel vom Berge»…
Julia: Jedenfalls ging das Schreiben sehr leicht. Es sind ja oft auch keine gängigen Songformate, der Aufbau ist wilder. Denn ähnlich, wie ich es nicht so mit Erzählungen kann, kann ich es nicht sehr gut mit klassischen Songstrukturen. Und weil die Instrumentals auch freier sind, nahm ich mir dieselbe Freiheit beim Schreiben.
Benedikt: Am Weihnachtstag 2025 erschien «Das Grauen», so etwas wie der dunkle Zwilling zu «Blauer Planet»…
Julia: Wir waren bei Claude Bühler für die Porträtfotos, sassen im Toggenburg am Ufer, und Carlo sagte: «Ich hätte da noch ein paar andere Sachen». Ich sagte: «Rüber damit, gib mir jene Tracks, die am düstersten sind». Er schickte mir das, und wir machten weiter bis anhin: ich schrieb etwas, wir haben uns getroffen und nahmen die Texte auf…
Carlo: Am Flussufer warst du sehr begeistert, doch als ich es dir geschickt habe, warst du zuerst total entgeistert…
Julia: Nein, ich war nicht total entgeistert…
Carlo: Aber du hattest schon einen kleinen Bruch in der Motivation. Es waren aber wirklich genau jene Tracks, die ich dir gezeigt habe.
Julia: Ich hatte die Instrumentals noch düsterer in Erinnerung – für mich hätten sie noch düsterer sein können.
Carlo: Es geht bei uns einfach darum, mit dem zu arbeiten, was man hat. Das ist allein schon eine Zeitfrage.
Julia: Zu den Aufnahmen im Studio nahm ich auch ein paar Texte mit, die noch gar nicht richtig fertig waren. Und wir haben gemeinsam noch ein wenig an diesen gearbeitet. Das fand ich auch etwas Schönes im Prozess: dass ich nicht mit etwas Fertigem oder Perfektem kommen muss, sondern dass wir auch zusammen die Texte noch ein wenig einpassen.
Carlo: An den Tracks selber kann ich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr viel machen, denn ich arbeite sehr analog. Sie sind alle Freihand gespielt, deshalb sind sie auch so kurz. Natürlich könnte ich da und dort noch etwas ändern, aber dafür reicht mir die Zeit nicht. Das trägt aber auch zum Charme bei, sie klingen verwirbelt und verschwurbelt…
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Julia: Mein Schreiballtag? In der Regel brauche ich einen Tag, an dem ich gar keine Termine habe. Ich muss wissen, dass ich Zeit habe, zum Reinkommen in dieses Schreiben.
Um Songtexte zu schreiben, passen mir die Abende am besten, da ist der Kopf bereits voll, und vielleicht habe ich durch den Tag hindurch bereits Musik gehört, was auch gut ist.
Es gibt beim Schreiben schon einen Unterschied zwischen jenen Texten, die einfach gedruckt werden oder jenen, die zu Musik gesungen werden sollen. Die Klanglichkeit und der Rhythmus müssen anders sein. Die experimentellen Dinge sind bei den Songtexten nicht so wichtig, ich will ja nicht, dass man beim Hören den Faden verliert, die Musik ist ja auch eine Akteurin. Und wenn die Stimme alleine tragen soll, als gesprochene Lyrik, braucht es schon eine andere Dichte.
Julia: Live bist du freihändig am Sampler…
Carlo: Ich habe das eigentlich für Karl Kave & Durian so entwickelt. Die Stimme kommt zu mir in mein Gerät, und ich bin dann wie ein DJ. Es ist fast ein Playback aus dem Sampler, aber das ist ja eigentlich egal. Wenn das Gesamtpaket stimmt, spielt es ja keine Rolle, ob ich es live mache oder nicht – bei einem:r DJ hat das Publikum ja auch eine gute Zeit. Und so stehen die Texte auch im Zentrum, bei Karl Kave & Durian beispielsweise wird Andrin fast zum Kabarettisten, da braucht es keine Band dazu. Wie es bei uns genau ist, müssen wir noch herausfinden.
Julia: Wir fühlen es nicht so mit den Proben. Als wir für unseren letzten Auftritt geprobt hatten, hatten wir im Anschluss eine richtige Krise, und wir haben gemerkt, dass wir das nicht mehr machen sollten.
Carlo: Ich finde das puristisch. Ich weiss nicht, ob das die Zuschauer:innen so gut finden, aber ich mag das schon. Es zeigt: Diese Personen haben das gemacht, es ist keine Show, und es hat auch noch ein bisschen Humor und Schalk.
Julia: Und es gibt auch Platz für Unerwartetes, für Momente, die passieren können, es ist nicht alles durchgetaktet. So ähnlich wie wir aufnehmen, machen wir auch die Live-Shows. Das ist das, glaube ich, was wir geil finden.
Was wir mögen
Julia:
Carlo:
Karl Kave & Julia Toggenburger spielen am One of a Million in Baden am 14.2. in der Kegelbahn Linde um 16 Uhr.
«Blauer Planet» ist im Gesunden Menschenversand erschienen, «Das Grauen» ist via Bandcamp erhältlich.
Karl Kave bzw. Carlo Onda auf Bandcamp und auf Instagram
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