Laura: Wir sind in einem Musiker:innenhaus aufgewachsen, unsere Eltern probten mindestens einmal pro Woche. In ihrer Gruppe hatte es auch einen Geiger – ich lernte so die Geige kennen und entschied mich für dieses Instrument. Doch ich hatte sehr schlechte Lehrer, die voll alte Schule waren und mich überhaupt nicht inspiriert hatten – ich übte sehr wenig. Ich bin aber drangeblieben, weil meine Mutter mit mir Duett gespielt hat.
Später hörte ich ganz mit dem Instrument auf, wurde aktiv im autonomen Kulturzentrum Lakuz in Langenthal, hing dort rum, und an einem Abend haben sie mich gefragt, ob ich Geige spielen wolle an einer Countrynacht. Es gab keine Noten, ich spielte die Songs von Johnny Cash und Co. einfach ab Band, und das hat mich mega geflasht. Aus diesem Abend entwickelte sich eine Band, in der wir auch eigene Lieder geschrieben haben. Ein Musikstudium war damals aber immer noch keine Möglichkeit, erst als ich nach einem halben Jahr in Bolivien in die Schweiz zurückgekehrt bin, war für mich klar, dass ich Musik studieren will.
Die drei Jahre im Studium in Bern waren für mich sehr schwierig, als Frau, als Geigerin. Ich musste mir sehr viele dumme Sprüche anhören, und ich konnte mich mit dieser Jazzwelt überhaupt nicht identifizieren. Anschliessend ging ich für zwei Jahre nach Skandinavien, was sehr gut gewesen ist. Dort machte ich den Master, ich begann, frei zu improvisieren, und nahm dieses ganze Kopfzeug raus.
Ich habe mich nie an der Geige orientiert, hörte selber auch kaum Geigenmusik. Manchmal fand ich es auch schade, dass ich nicht Saxofon spiele. Und erst übers Singen, über die Stimme, entdeckte ich die Geige noch einmal anders.
Luzius: Ein gleichaltriger Nachbarsbub spielte Klavier, das könnte mich auf die Idee gebracht haben, warum ich dieses Instrument gewählt habe. Aber es ist ein bisschen blurry… Jedenfalls übte ich immer brav, hatte einen coolen Lehrer, der nonkonform unterrichtet hat. Erst nach zwei Jahren spielten wir erstmals nach Noten. Ich kann mich erinnern: er spielte in einer Guggenmusik, hatte seine Pauke und ein bisschen Perkussion auf einem Kinderwagen, und diese Instrumente auf dem Wagen standen während dem Unterricht in einer Ecke. Dieses Teil hat mich immer angezogen. Das Klavier ist ja auch ein perkussives Instrument, und dieser Lehrer hat das gefördert. Keyboard zu spielen oder ein Keyboard-Setup zu haben, ist eigentlich etwas ähnliches: es geht über die Finger, du kannst aber Sounds abrufen und Sounds gestalten.
Irgendwann sagte er dann: «Geh doch mal weiter». Und ich kam zu einem Lehrer, das war so Anfangs Gymer, der in einem Dachstock in Langenthal unterrichtet hat. Das war auch etwas prägendes: Dieses Hochsteigen in seinen Dachstock – ich kann mich noch gut an den Geruch erinnern – und jede Woche öffneten sich neue Räume dieser Jazzharmoniewelt. Es war wie ein Sakrileg, dorthin zu gehen, und zu spüren: «Ah, das ist wie dieser Sound, den ich bereits auf einem Jazzalbum gehört habe, und ich kann diese Sounds jetzt wie selber machen».
Laura: Du hast zuhause stundenlang Standards gespielt…
Luzius: Ich war mega fasziniert von dieser Welt, machte aber eigentlich alles nur für mich – und spielte vielleicht nur einmal bei einem Musikschulprojekt in einem Bandsetting. Irgendwann hat es geheissen: «Wäre ein Musikstudium nicht etwas für dich?» Recht zufällig bin ich in Bern reingerutscht. Doch selbst nach dem Master hatte ich immer noch das Gefühl: «Hey, ich kann immer noch Biologie studieren». Die Identität als Künstlerperson hat sich erst später ergeben. Es kam immer wie von aussen, und nicht so: «Ich will dorthin.»
Laura: Bei mir war es voll anders, ich hatte ein klares Ziel.
Luzius: Du warst auch vier Jahre älter, als du das Studium begonnen hast.
Laura: Als Kinder haben wir regelmässig klassische Stücke zusammengespielt. So wie ich mich erinnere, hat das auch einigermassen gut funktioniert. Aber als wir beide in der Jazzschule waren, ging das überhaupt nicht mehr – etwa bei Standards. Du warst mega versiert und hast das jahrelang für dich gemacht. Ich war auf eine Art wie eine Quereinsteigerin gewesen und habe sehr spät mit Jazz angefangen. Ich wollte ja einfach nur Musik machen, aber hatte nicht viel mit Jazz am Hut; ich musste mich wegen dem Studium einfach entscheiden zwischen Klassik und Jazz.
Als ich für das Friedl-Wald-Stipendium vorspielen durfte, fragte ich Luzi und die Kontrabassistin Lisa Hoppe, ob sie mich begleiten möchten. So ist eigentlich unsere damalige Band, Esche hiess sie, entstanden. Die Arbeit mit dieser Band war zwar sehr anstrengend, mit zwischenmenschlichen Auseinandersetzungen und Touren mit der Deutschen Bahn und verstimmten Klavieren – wir haben es uns hardcore gegeben… Aber wir haben es sieben Jahre lang durchgezogen.
Ich habe das Gefühl, dass unser Duo stark auf der Arbeit, die wir mit diesem Trio geleistet haben, aufbaut. Weniger vom stilistischen her, als vielmehr die Art, das Selbstverständnis, wie wir zusammenarbeiten.
Am Anfang, als wir in Poschiavo gemeinsam zu komponieren begonnen haben, dachte ich schon: «Oh shit, jetzt sind wir wieder in dieser Rolle, in diesen Mustern». Das passierte zu Beginn, doch jetzt scheint es einfach, dank dieser Zeit mit dem Trio. Jetzt geht es wie durch Butter.
Ich denke schon, dass es einen Einfluss hat, dass wir Geschwister sind, aber es liegt vor allem daran, dass wir oft zusammen gespielt haben, dass eine gewisse «magic» in diesem Zusammenspiel liegt. Man kann also auch dorthin kommen, selbst wenn man nicht miteinander verschwistert ist.
Luzius: Wir haben uns individuell – unabhängig von unserem Dasein als Geschwister und unserer künstlerischen Zusammenarbeit – entwickelt. Das wiegt für mich stärker. Ich weiss noch, wie ich mich innerhalb des Bandkonstrukts verortet hatte – oder vielleicht noch weiter zurück, als ich Ende der Jazzschule war und du gerade mit der Ausbildung begonnen hast. Für mich ging es da sehr stark um Jazz, um Piano-Jazz. Und bei dir ja auch, mit der ganzen Komplexität vom Jazz und der harmonischen Welt. Doch dieses Contemporary-Jazz-Ding ist etwas, das mich mittlerweile nicht mehr so interessiert.
Vor der Produktion machten wir wie ein Assessment, bei dem wir uns sagten: «Das und das gefällt uns und das und das wollen wir sicher nicht». Das eher freie Impro-Ding liessen wir bewusst aus, weil die Stärke unserer Arbeit nicht unbedingt dort liegt. Der Reiz dieses Instrumentarium liegt auch anderswo. Ich habe das Gefühl, dass die konzeptionell stärkeren Arbeitsweisen, oder Entscheidungen, die wir heute mittlerweile treffen können, auch auf Grund von dem möglich sind, was wir bis jetzt gemacht haben in unserem Leben. Diese Erfahrungen fliessen in unser Zusammenspiel – wir wissen, wie wir das Spiel austarieren können zwischen Raum einnehmen und Raum geben. Das kann aber auch funktionieren, wenn man zum ersten Mal zusammenspielt.
Luzius: Unser Projekt hat auch viel mit dem Ort zu tun, wo es entstanden ist – ich kam immer wieder nach Poschiavo…
Laura: Dass diese Musik dort entstanden ist, hat auch praktische Überlegungen. Wir waren auch mit Langenthal in Kontakt, doch der Pfarrer in Poschiavo war schnell sehr offen und fand: «Ja klar, kommt einfach, so oft ihr wollt, ihr müsst einfach ein Abschlusskonzert spielen». Ich bin sowieso oft dort und du kommst auch sehr gerne nach Poschiavo, und so führte das eine zum anderen. Klar gingen wir wandern und das Dörfli ist sehr speziell. Aber die Entscheidung war vor allem eine praktische, weil alles in den Flow gekommen ist und die richtige Resonanz hatte.
Luzius: Das allererste, was ich überhaupt auf der Orgel in der Kirche gespielt habe, waren drei absteigende Quinten oder Akkorde. Diese kleine Zelle bilden das Kernstück des Stückes «Liminale, mit dem das Album beginnt. Das ist bezeichnend, denn alles lag wie schon dort. Die Kunst war, nicht zu viele Ideen raufzuschaufeln. Kompositorisch sind es eher einfache Zellenmotive, die mit einem minimalistischen Approach geformt werden – mit den Klängen, die sich anbieten.
Luzius: Während dem Prozess habe ich einen Antrieb darin gefunden, dass dieses Projekt etwas Ganzheitliches wird. Man fährt wie über diese sieben Berge, reist an diesen Ort und gibt sich so auch automatisch die Zeit – man bleibt dann auch grad ein paar Tage in Poschiavo.
Die Texturen, die Yannick eingefangen hat mit dem Körnigen des Films, aber auch der Lago Bianco mit den Eisschollen, sehe ich sehr stark auch in den «Verschlirggungen» der Musik – mit der Beschaffenheit von Oberflächen oder auch Farbverläufen. Das war für mich fast wie ein synästhetisches Ding. Da habe ich gewusst: «Ah, wenn wir jetzt über eine Geschichte oder über eine visuelle Identität nachdenken müssten, ist bereits alles da.» Da ich üblicherweise keinen Text oder ein Programm habe, passiert dieses Herausfinden, welche Geschichte die Musik hat, erst in einem zweiten Schritt. Und hier war es wie aus einem Guss, das ist ein mega schönes Arbeiten.
Laura: Wenn es in Langenthal entstanden wäre, wäre es wohl viel abstrakter geworden, ohne visuelle Ebene. Zeitweise war es auch noch Winter, im Haus von Thomas, meinem Partner, kann man nur mit Holz heizen. Dieses Archaische kommt dann auch noch dazu.
Laura: Am Anfang haben wir sehr viel Material generiert. Wir haben stundenlang improvisiert, hörten uns alles an, sprachen darüber, was uns gefällt und was wir weiterverfolgen möchten. Zwei, drei Monate später haben wir uns wieder getroffen, gingen wieder nach Poschiavo und haben unser Material weiterentwickelt. In diesem Minimal-Music-Approach geht es ja auch darum, wie man Spannung erzeugen kann, ohne dass man verschiedene Töne braucht. Wir haben sehr viel mit Dynamik, Sound und Artikulation gearbeitet und das war dann auch sehr viel Knochenarbeit. Wir fragten uns immer wieder: Was ist das jetzt? Was braucht es noch? Vielleicht reicht es schon, dass ich ein bisschen leiser spiele, oder dass Luzi die Noten anders artikuliert… Und dann ist es das, oder?
Luzius: Ja, mega. In unserer Geschwisterdynamik drin, mit dem ganzen Rucksack, ist man dann und wann auch nicht mehr objektiv. Das war auch ein Teil der ganzen Arbeit… Es ist schon eine sehr feinstoffliche, sehr technische Arbeitsweise. Wir haben gemerkt, welche Dinge nötig sind, damit man zusammen einen siebenminütigen Bogen spielen kann. Man hat vielleicht so ein paar Pfeiler, die man gemeinsam eingeschlagen hat. Und dann ist auch immer so eine Erwartungshaltung da, die andere Seite sollte jetzt das spielen, damit ich mich so dazu verhalten kann. In einem Geschwister-Ding ist das wie…
Laura: … emotional aufgeladener.
Luzius: Oder vielleicht kommen Sachen von früher wieder hoch, beispielsweise: «Du hörst nicht auf mich», solche Sachen halt. Mit Leuten, die dieses Rucksäckli nicht haben…
Laura: … ist ein Höflichkeitsabstand da.
Luzius: Ohne diesen wird es auch sehr direkt.
Laura: Und vielleicht auch effizienter, weil in anderen Kontexten sagst du eher nichts, und dann wird die Musik weniger gut, weil allenfalls bräuchte es genau diese Diskussionen. Ich denke schon, dass das Geschwister-Ding da drin steckt, aber ich glaube, dass man mit langjährigen Bands an einem gleichen Punkt ist, dass man da auch so eine Direktheit hat. Vielleicht gibt es aber doch eine unerklärbare Ebene, die noch eine andere Verbindung zwischen uns schafft, weil ich kenne dich, seit ich zwei bin – und wir sind im gleichen Haushalt gross geworden.
Luzius: Dass man für immer miteinander verbunden ist, ist für mich fast noch grösser.
Laura: Man sollte es nicht verbocken, da man auf diese Person immer wieder trifft.
Luzius: Ich kann mir aber auch irgendwie alles erlauben, weil wir werden eh – unabhängig von dem, dass wir jetzt ein Kunstprojekt zusammen haben – immer diese Verbindung haben. Es kann alles zusammenfallen, wir werden eh weiterfahren.
Laura: Das stimmt. Das gibt auch eine gewisse Narrenfreiheit, weil wenn du mit anderen ein Projekt aufhörst, dann siehst du sie nie mehr. Und eine Freundschaft, die durch das Projekt entstanden ist, kann so zu Ende sein.
Laura: Jetzt ist die Frage, was als nächstes kommt. Vielleicht ist es etwas, das stärker auf Partizipation setzt, vielleicht gar in der Pauluskirche in Bern, wo wir gestern Sonntag gespielt haben. Es wäre zwar mega cool, wieder ein Album aufzunehmen. Aber dann wäre man weiter in diesem Kreislauf drin – wieder ein Album, wieder ein paar Konzerte spielen, wieder ein Album… Doch wie könnte man es schaffen, das aufzubrechen, und vielleicht das Quartier und die Menschen miteinbeziehen, mit offenen Proben etwa, damit die Leute sehen könnten, wie wir arbeiten? Das könnte diesen Prozess öffnen, sonst dreht es sich immer um sich selbst. Das ist auch etwas, worauf ich grosse Lust habe: die Musik partizipativer zu denken, und nicht immer so in diesem endlosen Produktionszyklus drin zu stecken, der aus Fördergelder einholen und ins Studio gehen besteht… Und ich fände es einfach toll, mehr live zu spielen.
Luzius: Es stellt sich auch die Frage, was der Kern unseres Projekts ist. Ist es die Orgel? Oder ist es einfach unsere Zusammenarbeit? Für mich war es bislang schon so, dass unsere Musik von diesem Album ausgeht, aber vielleicht könnte man dieses minimalistische Konzept auch anders gestalten. Dann stellt sich aber auch die Frage, ob es nicht ein neues Projekt werden würde.
Laura: Oder eine andere Schaffensphase. Vielleicht ist es auch ein guter Leitfaden, dass wir uns dann daran erinnern, wie einfach es in Poschiavo gewesen ist. Dass wir uns sagen: wir machen wieder etwas, aber nur, wenn die Umstände so einfach sind wie damals. Wir klopfen einfach an verschiedene Türen, probieren Sachen aus, und dort, wo etwas in einen Flow kommt, gehen wir weiter. Dass wir nicht versuchen, etwas zu erzwingen.
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