Zu Beginn meines Tages trinke ich einen schwarzen Kaffee und lese. Und zwar auf Papier. Das ist ein Privileg, das ich enorm schätze. Zu beginnen, ohne online zu sein, ohne das Lärmen der Welt: das finde ich wunderbar. Natürlich gibt es Phasen, in denen ich in der Nacht wach werde und an die Arbeit denke, so dass ich dann um sieben gleich Mails schreibe, aber mittlerweile kann ich mir diese ruhige Zeit am Morgen recht gut nehmen. Der Rest des Tages unterscheidet sich stark nach Arbeitsphase: Manchmal bin ich unterwegs, treffe und befrage Menschen, oder ich sitze zuhause am Computer und teile mir den Tag selber ein. Wenn ich am Editieren bin, konzentriere ich mich voll auf diesen Prozess, der Rest muss dann warten. Ich arbeite gerne sehr lange am Selben, solche konzentrierten Tage sind denn auch meine glücklichsten. Aber es gibt auch die zersplitterten Tage, an denen ich viele administrative Aufgaben erledigen muss. Das nimmt einen grossen Teil der Arbeitszeit ein.
Es war ein langer Weg, bis ich zu dem gefunden habe, was ich nun mache. Ich war da schon mitten in meinen Dreissigern. Während des Studiums arbeitete ich als Journalist. Ich merkte aber, dass ich nicht wirklich für die schnellen Texte tauge, ich war viel zu langsam. Ich merkte auch, dass mich nicht unbedingt die Promis oder die sogenannten Aufhänger interessieren. Ich schrieb damals beispielsweise eine Reportage über das Hotel Waldhaus in Sils Maria – das ist ja ein besonderer Ort, der auch von vielen Kulturschaffenden, also jenen, die es vermögen, besucht wird. Die illustren Gäste haben mich aber weniger fasziniert als der Nachtwächter, der seit 25 Jahren dort arbeitete. Er hatte ein Fernrohr auf dem Dach installiert und beobachtete zwischen seinen Kontrollgängen die Sterne. Ihn hab ich am liebsten porträtiert.
Das ist ja das Schöne am Journalismus: Man hat einen Anlass, eine Person anzusprechen, und kann sie einfach fragen, ob sie Auskunft geben möchte. Solche Anlässe schaffe ich mir auch mit meinen Projekten. Sie haben sehr universelle Themen, so dass jede:r etwas zu sagen hat. Auf die Frage «Was weisst du von deinen Grosseltern?» kann auch eine Person etwas antworten, die ihre Vorfahren nicht miterlebt hat. Oder: «Wie wurdest du erwachsen?» Da hat jede:r eine Geschichte zu erzählen.
Für mich und diese Projekte ging es darum, einen Platz zu finden. Das konnte nicht der Journalismus sein, aber auch nicht wirklich das Theater, in dem ich nach dem Studium zu arbeiten begann. Eigentlich hat das Suchen nach geeigneten Orten nie aufgehört, aber es hat glücklicherweise immer wieder geklappt.
«Langsam» ist für mich ein positiv konnotiertes Wort. Die meisten meiner Arbeiten brauchen viel Zeit. Und sie kreisen um das Thema Zeit. Ich habe auch eine Obsession mit Daten – ich datiere alles. Die Chronologie ist für mich ein wichtiges Ordnungskriterium. Mir ist bewusst, dass vieles zyklisch ist und mit einem Zeitstrahl nicht die Essenz eines Lebens erfasst wird. Aber zur Orientierung ist er immer wieder hilfreich.
Am Anfang stand das Zurückblicken im Zentrum – das Projekt «Meine Grosseltern» begann ich mit Mitte Dreissig – und jetzt, wo ich älter bin, geht der Blick öfter auch nach vorne. Die Gegenwart bleibt aber immer im Zentrum.
Ein Langzeitprojekt, das ich gerade ins Rollen bringe, wird vier Jahre dauern und es sind gut fünfzig Menschen in Bern, Frankfurt, Lancaster und Kairo involviert. Dabei treffen sich jeweils ein Mal pro Jahr ein Teenager und eine erwachsene Person, um ein Gespräch auf Augenhöhe zu führen. Es dreht sich jeweils um die Themen, die die beiden beschäftigen, aber immer auch um Entwicklung und die Veränderung ihrer Zukunftsvorstellungen. Die Vernissage wird erst im Jahr 2030 sein, was inhaltlich Sinn macht, aber es ist das erste Mal, dass ich mit so einem langen Vorlauf plane und mit so viel Ungewissheiten.
Die meisten meiner Langzeitprojekte konnten sich an unterschiedlichen Orten über Jahre entwickeln, aber ich habe sie währenddessen immer auch schon präsentiert. Es gab jeweils keinen definierten Endpunkt, aber manchmal war es wichtig, die Pause-Taste zu drücken. Beim Grosseltern-Projekt, das nach vier Jahren noch prächtig am laufen war, merkte ich etwa beim dreihundertsten Gespräch, dass meine Aufmerksamkeit abnimmt und ich zumindest eine Pause brauchte, um mit der nötigen Zuwendung Geschichten über Grossmueti und Opa zu hören. Diese Pause hat nun sechzehn Jahre gedauert, aber seit kurzem denke ich darüber nach, Fragen nach den eigenen Ahnen und einem zukünftigen Erinnertwerden in einem neuen Projekt zusammenzubringen.
Die Fragen, die mich beschäftigen, haben immer stark mit meiner Biografie zu tun. Wenn ich nicht persönlich mitschwinge, kann ich nicht wirklich gute Gespräche führen. Bei der Arbeit am Buch «The Attentive Stranger», bei dem ich mit unterschiedlichen Menschen über die Themen meiner Projekte sprach und Materialien aus zwanzig Jahren versammelte, ist mir erst wieder bewusst geworden, wie stark es bei dem, was ich tue, um Editing geht. Ich wende immer viel Zeit auf, um aus Gesprächsaufnahmen eine kondensierte Geschichte zu gewinnen und arbeite darauf hin, dass man nicht darüber nachdenken muss, warum ich wo geschnitten habe. Mich selbst schneide ich immer raus, aber ich bin trotzdem anwesend, weil alles durch mich hindurch gegangen ist. Auch wenn ich am Ende nicht vorkomme, bin ich für die Menschen, die ich porträtiere, nicht nur der Fragesteller, sondern ich erzähle ihnen auch oft von mir selbst. Das ist ein Spannungsfeld: Ich involviere mich während der Aufnahme und ziehe mich dann beim Zeigen wieder zurück.
Ein Grundprinzip meiner Arbeiten ist, dass ich versuche, ihnen formal entschiedene Grenzen zu setzen und sie zugleich offen, im Wachstum zu denken, damit ich mir nicht Möglichkeiten verbaue, die ich jetzt noch nicht sehen kann. Vielleicht kann das Projekt später auch noch unter veränderten Voraussetzungen auf einem anderen Kontinent durchgeführt werden, vielleicht wechselt die Arbeit das Medium. Es braucht zugleich klare Beschränkungen und eine Offenheit, damit es sich weiterentwickeln kann.
Ich brauche immer ein Erproben – vermutlich kommt das von meiner Theaterprägung her. Ich kann unmöglich etwas in einem Konzept behaupten und schon Geld sammeln, ohne dass ich es vorher ausprobiert habe. Für mich wäre es eine Schreckensvorstellung, Geld zu erhalten und etwas realisieren zu müssen, das nicht funktioniert. Oftmals mache ich dieses Erproben mit Leuten, die ich kenne. Bei einem meiner neuesten Projekte wusste ich aber, dass ich es mit vielen Menschen testen muss und ich habe dann fast ein Jahr gewartet, bis ich im Dezember 2025 dazu die Gelegenheit bekam, während einer Residenz am Künstler*innenhaus Mousonturm in Frankfurt. Da haben über 80 Personen teilgenommen und nun weiss ich, wie ich «In Deinen Augen» durchführen kann – das ist wirklich toll. Jetzt ist der Moment da, an dem ich Veranstalter:innen und Geldgeber:innen davon überzeugen muss. Es ist aber immer noch eine Phase, in der es in mir «chroset» und wichtige Fragen noch keine Antworten haben, aber das muss ich durchstehen, weil ich weiss: wenn ich es realisieren will, muss ich jetzt damit raus. Das Projekt braucht Räume und viele Teilnehmende und einen finanziellen Spielraum, ich kann es nicht einfach bei mir im Keller umsetzen.
Bei den Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, gibt es schöne Kontinuitäten: mit meinem Kameramann Matthias Stickel arbeite ich seit 2010 zusammen, die Szenografin Monika Schori hat schon für drei Langzeitprojekte die Ausstattung entworfen und gerade sind wir dabei, das eingelagerte Mobiliar mittels Upcycling für das Nächste bereit zu machen, was ja ökonomisch und ökologisch sehr viel Sinn ergibt.
Was ich gelernt habe? Dass es ganz viele sehr liebenswerte Menschen gibt. Und dass sie Freude haben, wenn man sich für sie interessiert – so kommen immer wieder gute Gespräche zustande, das hat sich nie widerlegt. Natürlich ist dies nur ein kleiner Ausschnitt der Menschheit, aber ich hab diese Erfahrung an sehr unterschiedlichen Orten machen dürfen und empfinde sie als universell. Gegenwärtig hat man ja oft das Gefühl, dass uns immer mehr voneinander trennt, aber in meiner Arbeit merke ich immer wieder, nein, es gibt vieles, was uns verbinden kann, über Kontinente, Generationen und Lebensumstände hinweg.
Ein gutes Gespräch braucht eine konzentrierte Zeit, in der man sich gegenseitig volle Aufmerksamkeit schenkt. Es hilft auch sehr, wenn man sich auf ein Thema fokussiert. Etwa bei den Grosseltern: es macht einen wesentlichen Unterschied, ob man bloss eine Anekdote erzählt, die man schon oft erzählt hat, oder ob man sich ernsthaft fragt: «Was weiss ich ich jetzt eigentlich wirklich über diese vier Menschen?» und sich dann die Zeit nimmt, darüber sprechend nachzudenken.
Ich glaube auch, dass sich beide Seiten dem Gegenüber ein gutes Stück weit überlassen müssen. Kann man sich verletzlich zeigen und wird damit sorgfältig umgegangen? Wenn man daran zweifelt, ist es ganz natürlich, dass man sich als Gesprächspartner:in nicht weiter öffnet, das mache ich genau so. Ich bin ja eigentlich ein zurückhaltender Mensch und erzähle nicht einfach so viel wie jetzt. Aber wenn ich merke: «Oh, öpper hört hier wirklich zu» und überrollt mich nicht gleich mit irgendeiner Interpretation, dann erzähle ich noch ein wenig mehr. Ich glaube, die meisten senden eine Art Testsignal, um herauszufinden, wie aufmerksam und unvoreingenommen das Gegenüber auf die eigene Erzählung reagiert, und wenn man diese wahrnimmt und darauf sorgsam eingeht, kann sich das Erzählen vertiefen. Dabei muss man auch bereit sein, sich selber zu öffnen, sonst wird es ungleich. Wenn man sich nur aufs Fragestellen zurückzieht, kann es vielleicht ein interessantes Sachinterview geben, aber das würde ich nicht ein gutes Gespräch nennen.
Wenn man aber im Sprechen und Zuhören gemeinsam an einen Ort gelangt, den man gar nicht so direkt anstreben konnte, und dabei auch auf neue Gedankengänge kommt oder ungewohnte Verknüpfungen macht, dann ist man in einem guten Gespräch. Das würdet ihr auch so sehen, oder?
Ich habe nach wie vor Freude an guten Gesprächen, aber nun freue ich mich darauf, mit «In Deinen Augen» ein Projekt ohne Sprechen zu beginnen, da geht es um Beziehungen aller Art und die Teilnehmenden sind dabei vollkommen still. Das ist für mich etwas Neues. Da wird das Editing kaum aus Schneiden bestehen und sozusagen während der Aufnahme geschehen: ich führe jeweils zwei Menschen, die sich schon länger kennen, auf eine Zeitreise. Dabei ist wichtig, dass ich im passenden Moment den Impuls gebe, um die Zeitebene zu wechseln und dieser wird mitentscheiden, wie lange das Video wird.
«In Deinen Augen» beginnt im Herbst an mehreren Orten in der Schweiz und Deutschland, teilnehmen können Menschen unterschiedlichen Alters, die eine gemeinsame Geschichte haben. Tochter und Mutter, Grossvater und Enkel, Geschwister, Freundinnen, Paare oder Wahlverwandte. Sie füllen im Vorfeld einen Fragebogen aus: Wie lange kennen sie sich? Wie wollen sie ihre Beziehung im Video bezeichnen? Dann sitzen sie sich gegenüber und schauen sich ohne zu Sprechen in die Augen, denken zunächst an ihre ersten gemeinsamen Erlebnisse, erinnern sich an wichtige Ereignisse ihrer Geschichte; dann lassen sie die Vergangenheit ruhen und verweilen in der Gegenwart; und zum Schluss denken sie an ihre nahe und ferne Zukunft. Es dauert nur drei bis sieben Minuten, aber es ist ein intensives, ausser-alltägliches Erlebnis. Das Video bekommen die beiden geschenkt, und es kann Teil einer Installation werden, einem Panorama von besonderen Beziehungen.
Bei der Erprobung in Frankfurt fragte mich der lokale Mitarbeiter: «Wie hältst du das aus, diese Intensität?» Aber ich war da nicht belastet, sondern beflügelt. Natürlich merkte ich nach ein paar vollen Aufnahme-Tagen: jetzt wird es streng – ich muss aufpassen, dass ich mich nicht übernehme. Dann muss ich besonders darauf achten, meine Morgenpraxis beizubehalten, um mir eine Grundruhe zu erhalten. Es gibt so etwas wie einen Berührungskreislauf: Ich erhalte etwas von diesen Menschen, und ich kann ihnen etwas geben. Wenn dies im Fluss ist, dann halte ich es nicht bloss aus, dann ist es erfüllend.
Bei einem Projekt habe ich mich aber übernommen – da erzählten sich zwei Personen, die sich zuvor nicht kannten, ihre Erfahrungen mit Geburt und Tod. Ich befand mich damals selber in einer Trauerphase und war ganz nah an den Gesprächen, die lange dauerten, wir weinten manchmal auch alle, aber am Ende fühlten wir uns erleichtert. Was ich jedoch unterschätzt hatte: Beim Editing war ich ganz allein, ich hörte immer wieder diese schweren Geschichten, und da funktionierte der Kreislauf nicht mehr. Das wurde zu heavy.
Inzwischen überlege ich mir genauer, was ich «preschtierä» kann, ohne abgehärtet zu werden, denn das wär ja gerade falsch. Man darf auch nicht auf Effizienz aus sein. Simone von Büren, meine langjährige Dramaturgin und Herausgeberin von «The Attentive Stranger» hat mal gesagt, dass das, was ich mache, in einem sehr positiven Sinne nicht effizient sei. Ich «lauere» ja nicht, eigentlich bin ich ziemlich diszipliniert, aber sowohl bei der Entwicklung wie bei der Durchführung eines Projektes nehme ich in Kauf, dass es lange Umwege gibt und dass sich sehr, sehr viel Material anhäuft.
Ich bin kein guter Ferienmacher. Dass ich mehrere Woche nicht arbeite, kommt fast nie vor. Eher bleibe ich an einem Ort, an dem ich gearbeitet habe noch ein wenig länger, hänge einen Ausflug oder einen Wandertag an. Aber ich achte darauf, mir Zeit für meine Freundschaften zu nehmen, das ist auch eine Form von Pause und dem gebe ich heute ein grösseres Gewicht. Als ich begonnen habe, stand die Arbeit über allem. Die ist mir immer noch wichtig, aber eben auch, meiner betagten Mutter beizustehen und meinem Neffen und Göttisohn auf dem Weg durch die Gymnasiums-Jahre. Das ist eine ganz andere Art von Beanspruchung, wenn ich mit ihm für eine Geschichts-Prüfung lerne, oder wenn ich die Hinterlassenschaft meines Vaters ordne. Deswegen bin ich nach fast zwanzig Jahren wieder nach Bern gezogen.
Was ich morgen für ein Buch hervor nehmen werde? Sicherlich nicht das von heute, heute las ich «Ein Jahr in der Natur», dort beschreibt Josephine Johnson in Monatskapiteln, was auf ihrem Hof passiert. Heute ging es um den Februar, und den März lese ich dann im März. Morgen könnte ich «Lebensstufen» von Julian Barnes beginnen, oder ich lese ein weiteres Kapitel in «Factfulness» von Hans Rosling. Er hatte sich zur Aufgabe gemacht, mit Statistiken zu zeigen, dass sich vieles zum Guten entwickelt hat – ohne Probleme zu verharmlosen. Bei den Gesprächen mit den Teenagern fand ich frappant, wie krass negativ die meisten Zukunftsvisionen sind, da ist es sehr hilfreich, bei einigen Themen sagen zu können: lass uns die Relationen sehen, und auch jene Sachen gewichten, die besser laufen, damit wir die Energie nicht verlieren. Diese Energie brauchen wir, um etwas bewirken zu können.
Was ich mag
«In Deinen Augen» findet im Herbst 2026 in Bern im Museum für Kommunikation statt, in Sils Maria, Poschiavo, Chur und Laax in Kooperation mit dem Literaturhaus Graubünden und am OSTEN – Festival für Kunst und gegenseitiges Interesse.
«The Attentive Stranger» ist im Vexer Verlag erschienen.
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