Was bedeutet euch als Kollektiv die Ausstellung in Bern?
Sie bedeutet uns sehr viel. Wir versuchen, einen Einblick in die Kunstszene in Gaza zu geben, besonders in dieser schweren Zeit. Durch die Kunst versuchen wir auszudrücken, was wir in Gaza erleben. Die meisten Menschen kennen Gaza nur aus den Medien, und das gezeigte Bild ist immer sehr negativ. Wir wollen eine andere Seite zeigen; nämlich, dass Kunst Hoffnung für die Zukunft geben kann. In Gaza fühlen wir uns oft allein. Als ob sich niemand für uns interessiert. Aber jetzt, da wir unsere Arbeit im Ausland zeigen, spüren wir, dass die Menschen da sind. Bei der Eröffnung waren die Gäste neugierig. Sie schauten genau hin, stellten Fragen, interessierten sich für die Fotografien und Kunstwerke aus Gaza. Das war sehr wichtig für uns.
Einige Deiner Kolleg:innen sind noch in Gaza. Wie schaffen sie es, weiterzumachen?
Zu Beginn des Krieges dachte niemand an Kunst. Wir versuchten nur, unsere Familien zu retten und einen sicheren Ort zu finden – aber in Gaza gibt es keinen sicheren Ort. Ich floh. Die, die blieben, haben wieder angefangen, Kunst zu machen. Sie wollen der Welt zeigen, was während dieses Genozids geschieht. Etwa mein Freund Sohail Salem. Er ist noch in Gaza und macht jeden Tag eine Zeichnung. Er lebt ohne Haus, ohne sauberes Wasser, ohne Nahrung. Ich kann ehrlich gesagt nicht nachvollziehen, wie er in diesen Bedingungen Zeit und Energie findet, um etwas zu kreieren. Aber er tut es.
Erzähle mir von Eltiqa, deinem Kollektiv.
Wir haben Eltiqa im Jahr 2000 gegründet. Wir waren damals sehr jung, und es gab keine Kunstszene in Gaza. Keine Museen, keine Galerien, keine Kunststiftungen, nicht einmal eine richtige Bibliothek. Als wir in andere Länder reisten, dachten wir: Warum versuchen wir nicht, selbst etwas aufzubauen? Damals war Malerei die bedeutendste Kunstform in Gaza. Unsere erste Ausstellung war anders als das, was die Menschen in Gaza gewohnt waren. Wir arbeiteten mit Skulptur, Performance, Video und Fotografie; mit unterschiedlichen Materialien, Techniken und Ideen. Schritt für Schritt begannen die Menschen, unser Schaffen anzuerkennen. Nicht nur in Gaza, sondern auch im Ausland. Schliesslich mieteten wir ein Haus in Gaza-Stadt und machten es zu unserem Raum – dem Haus der Kunstschaffenden. Jede:r mit einer Idee für eine Ausstellung war willkommen. Viele junge Frauen und Männer schlossen sich uns an, und es wurde eine echte Gemeinschaft. Darauf waren wir sehr stolz. Aber nach dem 7. Oktober wurde unser Haus bei einem Luftangriff zerstört. Es lag in der Nähe des Al-Shifa-Spitals, das bombardiert wurde. All unsere harte Arbeit, unsere Träume, gingen mit dem Haus verloren.
Dein eigenes Atelier wurde ebenfalls zerstört, richtig?
Ja. Es war jahrelang mein Traum, ein richtiges Atelier zu haben. Meine Frau Dena und ich arbeiteten hart daran. Wir bauten einen Galerieraum auf das Dach unseres Hauses. Im Atelier haben wir viele Diplomat:innen und Journalist:innen empfangen. Ich habe so viele schöne Erinnerungen an diesen Ort. Ihn zu verlieren war schmerzhaft, aber wir konnten nichts tun.
Du hast sogar dein Leben riskiert, um einige deiner Kunstwerke aus dem zerstörten Atelier zu retten. Warum hast du das gemacht?
Weil ich nicht wollte, dass jemand meinen Traum und meine Hoffnung tötet. Ich wollte etwas von meiner Arbeit behalten, um mich an das zu erinnern, was ich in meinem Leben geschaffen habe. Zurück in das zerstörte Atelier zu gehen, war das Gefährlichste, was ich je getan habe. Das Gebiet wurde von Luftangriffen übersät. Ich dachte nicht nach; ich ging einfach, fast wie ein Roboter. Meine Frau kam mit, und wir versuchten auch, Kleidung für unsere Kinder zu sammeln, weil Winter war. Wir fanden unsere Kunstwerke überall in den Trümmern verstreut und retteten, was wir konnten.
Seit dem 7. Oktober erhält Deine Kunst auch international mehr Aufmerksamkeit. Wie ist das für dich?
Es macht mich traurig. Einige Sammler nutzen die Situation, um Geld zu verdienen. Sie denken: Vielleicht wird der Künstler sterben, also ist jetzt der richtige Moment, zu kaufen. Ich erhalte jetzt mehr Anfragen, aber die meisten lehne ich ab. Geld bedeutet nichts, wenn man in Gaza nicht einmal damit essen kann.
Du lebst in den Vereinten Arabischen Emiraten. Machst du weiter Kunst?
Am Anfang, als ich Gaza verliess, konnte ich nicht arbeiten. Teile meiner Familie sind noch in Gaza, ohne Nahrung. Ich fühlte mich nicht danach, Kunst zu machen. Aber sie ermutigten mich: «Mohammed, du bist jetzt draussen. Du musst sprechen, du musst dich ausdrücken.» In den Emiraten hat mir eine Stiftung ein Atelier gegeben, und langsam begann ich wieder. Kunst hält mich wach, sie lässt mich sehen, denken, leben. Für mich ist Kunst nicht nur etwas, das ich tue. Kunst ist eine Lebensweise. Wenn ich kein Künstler wäre, was wäre dann das Leben? Nur essen und schlafen.
Du hast mit einer Zeile des palästinensischen Dichters Mahmoud Darwish gearbeitet: «Auf dieser Erde gibt es etwas, wofür es sich zu leben lohnt.»
Ja. Ich habe die Zeile umgeschrieben. «Auf dieser Erde gibt es nichts, wofür es sich zu leben lohnt.» Es tut mir leid, Darwish. Aber wenn ich mit meinen Schwestern in Gaza spreche, sagen sie mir, sie würden lieber sterben. Das Leben ist unerträglich geworden – kein Essen, kein Wasser, keine Häuser. Sie fühlen, dass der Tod wenigstens Frieden bringen würde. Daraus habe ich ein Gemälde mit engelähnlichen Frauen und Kindern mit Flügeln gemalt. Ich benutzte leuchtende Farben. Die Gemälde wirken wie ein Traum. Zuerst verstanden die Betrachter es nicht. Dann lasen sie den Text und wurden still. Sie sagten: «Es tut mir leid, was mit deiner Familie und deinen Freunden passiert.»
Du hast auch bekannte europäische Gemälde neu interpretiert, wie Picassos «Guernica». Was war deine Absicht?
Wenn ich sage, dass ich aus Palästina komme, verstehen die Menschen im Ausland oft gar nicht, was gemeint ist. Manche sagen sogar: «Das ist Israel.» Meine Sprache reicht nicht aus, um zu diskutieren. Also schweige ich. Aber in meinem Atelier beschloss ich: Lass die Kunst antworten. Ich studierte berühmte europäische Werke und setzte die Realität Palästinas hinein: Checkpoints, Bombenangriffe, zerstörte Häuser. Ich nannte das Projekt «Guernica Gaza». Ich habe es bereits 2010 gemacht.
Es ist bezeichnend ist, dass du europäische Kulturklassiker heranziehen musstest, damit dein Anliegen verstanden wird.
Ja. Aber ich habe das Gefühl, dass manche Menschen in Europa nicht genug über globale Politik wissen. Sie sind mit ihrem eigenen Leben beschäftigt. Also benutzte ich Symbole, die sie erkennen können. Kunst wurde meine Sprache, wenn Worte versagten.
Kannst du etwas über das Meer in Gaza sagen? Es ist in vielen Fotografien der Ausstellung sehr präsent.
Gaza ohne das Meer ist nicht Gaza. Im Sommer, vor dem Krieg, waren die Strände immer voller Menschen. Jeder ging dorthin. Das Meer war ein Ort zum Atmen, zum Sprechen, zum Fühlen. Wenn man traurig ist, geht man ans Meer. Es gibt Kraft. Für mich ist das Meer wie ein Vater. Ich machte ein Projekt mit dem Titel «Das Meer, du bist mein Vater».
Hast du noch etwas auf dem Herzen?
Ja. Es ist mir sehr wichtig, dass die Menschen Palästina, besonders Gaza, weiterhin unterstützen. Die Menschen dort lieben das Leben, sie lieben den Frieden, und sie hören nicht auf, auf Sicherheit und Würde zu hoffen. Der Besuch unserer Ausstellung ist vielleicht eine Möglichkeit, sich dazu zu verbinden.
Ausstellung
Die Ausstellung «Art as a Breath of Life & Gaza Habibti» zeigt Zeichnungen und Fotografien zweier zeitgenössischer Künstlerkollektive aus dem Gazastreifen. Bis zum 6. September 2025 ist sie im Werkhof Egelsee in Bern zu sehen.
Mehr Infos zur Ausstellung finden sich in diesem Bericht.
Weitere Infos zu Eltiqua gibts hier.
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