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«Deswegen ist es so spannend, die eigene Subjektivität aufzudröseln»

Olivia Abächerli

Ich muss noch Unterlagen heraussuchen, damit ich in New York meine Steuererklärung machen kann. Und packen. Meinen Computer, das Tablet und das Skizzenbuch kommen mit sowie Bücher, aber nur die wichtigsten. Ja, eigentlich ist es vor allem viel Bürokram. Aber Kunstmachen ist immer mehr Bürokram als man denkt, das weisst du ja (lacht). Und ich muss mich unbedingt noch darüber informieren, was ich bei der Einreise in die USA genau sagen muss. Ich bin durch mein Weiss-Sein privilegiert und ich habe während meiner Residency in den Staaten einen klaren Auftrag. Als Künstlerin kann man politisch sein, aber es bleibt ein Grad an Abstraktion. Einiges habe ich aus Social Media gelöscht oder bin vielen Accounts kurzfristig entfolgt. Ich habe den aktuellen Präsidenten aber nie öffentlich direkt als bösen oder dummen Menschen bezeichnet, meine Haltung zeigt sich zwischen den Zeilen. Und doch gibt es diese neue Unberechenbarkeit. Die ganze globale Situation besorgt mich sehr. Bei der Grönlandsache hat mich meine Schwester, sie ist Offizierin, ziemlich besorgt angerufen – was mir wiederum Sorgen bereitet. Man weiss nicht so recht, ob man jetzt paranoid ist, weil einfach alles sehr absurd ist. Dieses Bullshit-Verteilen als Machtinstrument, das beschäftigt mich sehr.

...

Vor wenigen Tagen bin ich aus Kairo zurückgekommen. Wenn ich nach meinen Erfahrungen gefragt werde, dann fühlt es sich jetzt plötzlich an wie eine Exotisierung einer Erfahrung, wo doch eigentlich einfach das Leben weitergegangen ist. Und natürlich war es eine Art Kulturschock. Es beginnt mit dem Körper. Der muss ganz andere Luft atmen oder Geräuschkulissen neu bewerten. Angelernte Alarmsignale sind plötzlich keine mehr. Ich glaube, Reisen wird unterschätzt, vor allem in der Kunst. Oder vielleicht bin es nur ich; ich finde das immer krass. Aber schon davor: Als ich die Anfrage zur Duoausstellung bekam, hatte ich bestimmt Fragezeichen in Bezug auf diesen Transfer meiner Arbeit. Erst mit der Zeit habe ich verstanden, warum gerade dies für Refaat spannend war. Einer der kuratorischen Gründe war unter anderem der Aspekt von Labour, was heisst, dass der künstlerische Prozess als Teil des Werks gelesen wird. Dieser steht bei mir zwar nicht im Zentrum, aber es war der verbindende Punkt mit der Arbeit von Hagar Ezzeldin, mit der ich ausgestellt habe. Labour zeigt sich bei mir insbesondere im Prozess des Zeichnens.

Zuerst wollte Refaat «The center and the other» in einem ländlichen Gebiet zeigen und damit auch die Begrifflichkeiten von Zentrum und Peripherie thematisieren und aufrütteln. Damit wollte er auch meine Herkunft – das Aufwachsen in Obwalden – aufgreifen. Dies hat bei mir Fragen nach meiner peripheren Position aufgeworfen. Vielleicht hat Refaat die Innerschweiz auch ein wenig exotisiert – oder ich mache das selbst, wenn ich Kühe zeichne. Aber wo ich herkomme, dreht sich viel um Kühe. Drei von vier meiner Urgrossväter verloren ein Auge durch ein Kuhhorn. Manchmal vergesse ich, woher ich eigentlich komme. Vermutlich, weil ich dort als Lesbe eben nicht dazugehörte. Der Austausch mit Refaat hat mich noch einmal an die Komplexität meiner Position erinnert, die sich in meiner Praxis widerspiegelt. Natürlich haben wir alle komplexe Geschichten und gerade deswegen ist es ja so spannend, die eigene Subjektivität aufzudröseln.

Das Video «Dear grandfather (grandfather’s face)» ist ein Beispiel dafür, wie mein familiäres Umfeld in meine Praxis hineinspielt. Wie der Titel bereits sagt, setzte ich mich darin mit meinem Grossvater auseinander, der sich im Schweizer Fernsehen im Jahr 1975 explizit gegen das Frauenwahlrecht geäussert hat. Wie können wir mit widersprüchlichen Gefühlen gegenüber geliebten Familienmitgliedern umgehen, mit denen wir in grundlegenden Weltanschauungen fundamental nicht übereinstimmen? In Bern lebe ich mit Menschen, mit denen ich oft sehr einig bin. Innerhalb der familiären Herkunft entstehen auf einmal ideologische Kämpfe. Es interessiert mich zu hinterfragen, wie Meinungen sich unterschiedlich entwickeln können.

In Bezug auf Peripherie und Zentrum kamen in Ägypten noch weitere Ebenen dazu. Für viele der dort lebenden Menschen ist Europa noch immer das kulturelle Zentrum, an dem sie sich orientieren. Gleichzeitig gibt es einen Kampf darum, das ganze Kulturschaffen zu dezentralisieren und somit das Zentrum als Kontinent vom globalen Süden neu zu konnotieren.

...

«The center and the other» wurde dann im ard Art Institution in Kairo gezeigt und Pro Helvetia hat das Projekt finanziell unterstützt und somit ermöglicht. Im Space habe ich sieben Tage lang gezeichnet. Während des Aufbaus waren immer sehr viele Leute vor Ort, parallel dazu fanden Workshops im Raum statt, alles war sehr lebendig. Dazu wurden Termine immer wieder aufgeschoben oder verschoben. Nach der Eröffnung war geplant, dass ich noch zwei weitere Tage öffentlich weiterzeichnen würde, aber ich hatte dann keine Energie mehr. Die Zeit war sehr aufregend und auch herausfordernd – ein «trusting the process» – ich musste mich einfach hinein entspannen (lacht).

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Was ich sehr bereichernd fand, war der Austausch mit Refaat. Wir haben viel über die Bedingungen des Kunstschaffens gesprochen. Laut Refaat stammen in Kairo die meisten Kunstschaffenden aus der privilegierten Oberschicht. Insbesondere auch dann, wenn du am westlichen Kanon anknüpfen möchtest. Deswegen hatte er als Jugendlicher wohl dieses Bild vor Augen, dass Künstler:innen in Europa alle sehr reich sein müssen – insbesondere natürlich in der Schweiz, diesem sowieso sehr reichen Land. Spätestens dann, als er die Schweiz besuchte, stellte er fest, dass dies gar nicht unbedingt so ist. Prekär lebende Künstler:innen anzutreffen, das hatte er nicht erwartet. Und doch sprechen wir natürlich nicht von der gleichen Armut – heisses Wasser gibt es immer. Die Klassenfrage in Bezug auf das (quasi selbstgewählte?) Kulturprekariat, die Frage nach dem entitlement, Kunst zu machen, finde ich eh auch spannend und immer wieder wichtig.

Aber zu Ägypten: Das Kunstschaffen in Kairo gestaltet sich sowieso anders, wie auch das Leben vor Ort anders ist. Zum Beispiel sind politische Künstler:innen viel mehr mit der Gefahr der Zensur konfrontiert. Das Gefängnis ist näher, Menschen können verschwinden, das ist schon sehr heftig. Viele Künstler:innen entwickeln Strategien, um damit umzugehen und betreiben damit teilweise auch ein wenig Selbstzensur: Sie verpacken ihre Aussagen kryptischer oder machen sie schwerer verständlich. Zensur wird zu einer Dimension des Kunstschaffens selbst. Und aber: in der Diktatur haben Methoden des Abstrahierens, haben Metaphern, hat die Poesie plötzlich eine ganz klare politische Funktion. Das hat ein bisschen gehittet. Gerade jetzt, nachdem in letzter Zeit immer wieder die Zweifel an mir nagten, ob das Poetische wohl nicht zu viel Umweg ist.

Am 25. Januar war das 15-jährige Jubiläum des Beginns der Revolution in Kairo. Refaat selbst hat die Revolution miterlebt, gar mitgestaltet und gehört zu einer ganzen Generation, die für einen Moment so viel Hoffnung gehabt hat, bis dann die riesige Enttäuschung eintraf. An diesem Jubiläumstag fand in der Ausstellung ein Künstler:ingespräch statt. Ich habe dann erfahren, dass Veranstaltungen während dieses Jahrestages bis anhin unterdrückt wurden. Eine Gästin weinte nach dem Gespräch beim Rauchen im Innenhof, weil sie berührt war von der Tatsache, dass Anlässe an diesem wichtigen Tag wieder stattfinden können. Das alles ist emotional sehr aufgeladen. Noch immer gibt es so viel Restriktion. Fascism is everywhere.

...

In meiner künstlerischen Praxis fliessen Erfahrungen und Erlebnisse vor Ort immer auch in meine aktuellen Arbeiten mit ein. Während meines Aufenthaltes in Kairo habe ich einen Stapel Bücher gelesen. Über Faschismus und die affektive Kraft fabulierter Narrative hatte ich 2019 meine Master-Arbeit geschrieben, aber vieles ist passiert seither. David Graeber schrieb darüber, wie die «Occupy Wallstreet»-Bewegung und die Bewegung der ägyptischen Revolution vieles voneinander gelernt haben – was für mich im Kontext von Kairo und New York auch sehr interessant ist. Ich möchte mich immer auf alles beziehen, das mich umgibt. So hat mich auch die mediale Repräsentation des Vorfalls in Crans-Montana beschäftigt. Ich habe mich mit der Bedingtheit von Solidarität auseinandergesetzt. Auch wir haben uns darüber ausgetauscht. Da hattest du sowas Schönes geschrieben über Care ohne Bedingung von Relation, solche Sachen schwingen immer mit. Jedes Gespräch, jedes Telefonat von irgendwo, alles fliesst mit rein.

Ein weiterer Aspekt, den ich in Kairo verfolgt habe, war das Nachdenken über Übersetzbarkeit. Wie die Übersetzung von Begriffen in einer anderen Sprache stets mit eigenen subjektiven Assoziationen zusammenhängt – wobei auch die Frage der Unübersetzbarkeit aufkommt. Ich glaube, deswegen ist mir auch meine Schreibpraxis so wichtig. Sie hilft mir, mit dem Chaos besser klarzukommen. Während die Zeichnung das Chaos abdeckt, mit ihm arbeitet und darüber redet, ist Schreiben für mich eine Form, Klarheit zu bekommen. Aktuell bin ich weiter an einem Punkt, wo ich darüber nachdenke, wie diese Iteration von Zeichnung sich weiterentwickeln kann. Ich möchte auf das, was passiert reagieren, aber ich möchte auch strukturell etwas bewirken. Der Künstler Christof Steinmann fragte mich, was meine Rolle im politischen Kampf sei. Mir schoss in den Kopf: ich würde dokumentieren (und Gemüse schneiden). Aber ich glaube immer mehr, dass es nicht reicht, Zeugenschaft abzulegen. Nun muss ich, müssen wir herausfinden, was das heisst.

In meiner Praxis spielt die Repetition eine zentrale Rolle. Das Wiederholen von Formen ist für mich eine Art «Staying with the trouble» – etwas noch einmal und noch einmal probieren. Carolin Emcke schreibt: Das Nachdenken über das, was wahr ist: muss sich wiederholen – ist dialogisch, setzt Demut voraus. Sich in etwas verbeissen – «biting into the world» – wiederkauen, um dann kleine Veränderungen wahrzunehmen. Refaat hat dies auch als etwas strukturell Politisches in meiner Arbeit bezeichnet. «The work shows that truth is something you do, you keep doing», sagte er im Talk. Das wäre dann eben die «Labour».

...

Aktuell bin ich in keiner politischen Organisation mehr direkt engagiert. Ist die Reflexionspraxis ein politischer Akt? Es fühlt sich komplett unzulänglich an, aber trotzdem wichtig: zu fragen, wie ein richtiges Handeln aussehen kann. Dazu gehört natürlich auch die Frage, wie wir uns im System, in der Kunstwelt, bewegen, auch das ist ein politischer Aspekt. Oder um den Bogen zurück zu «The center and the other» zu schlagen – wie kann ich zukünftig in verschiedenen Kontexten mit der Arbeit umgehen? Lässt sie sich konservieren, ohne dass ich sie kommodifizieren muss? Und was bedeutet es, als politisches Subjekt Kunst zu machen?

 

Lieblingsbücher von Olivia Abächerli

  • Eva von Redecker: Bleibefreiheit
  • Moshtari Hilal und Sinthujan Varatharajah: Englisch in Berlin
  • Susan Sontag: Regarding the Pain of Others
  • Mohamed El Kurd: Perfect Victims,
  • Jana Costas: Im Minusbereich
  • Didier Eribon: Rückkehr nach Reims,
  • David Graeber: The Democracy Project
  • Carolin Emcke: Was wahr ist (über Gewalt und Klima)

 

Olivia Abächerli (*1992 in Stans, lebt und arbeitet in Bern) schloss 2016 den Bachelor in Fine Arts an der Hochschule der Künste Bern ab und 2019 den Master of Arts Practice am Dutch Art Institute (DAI). 
www.oliviaabaecherli.ch

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