Neulich war ich in der Badi und musste lachen. Wie mich der Sprungturm noch immer seltsam erregt. Dreikäsehoch war mir da stets angst und bange vor der obersten Plattform. Später das Imponierenwollen bei gleichzeitigem Erwachen der Komplexe, als gingen sie Hand in Hand. Die ersten Achselhaare eines Gleichaltrigen hatte ich da entdeckt – beim Anstehen auf der Leiter und dem Blick nach oben. Beim Sprungbrett angekommen – unter aller Augen vom Beckenrand – hätte ich kotzen können. So nackt kam ich mir vor in meinem Bubenkörper, der etwa so behaart war wie eine Kartoffel. Ich hoffte damals, nie mehr auftauchen zu müssen und erinnere mich, wie ich unter Wasser die Augen aufgerissen hatte. Das Chlor brannte beim ersten Schwimmzug.
Neulich ist nur ein alter Mann beim Sprungturm. Es ist Morgenfrüh und er lässt sich vom Zehnmeter fallen. Er fällt wie eine Schaufensterpuppe. Beim Eintauchen hör ich es klatschen wie das Zerschlagen eines Strausseneis auf Gartenplatten. «Die Nase halte ich mir extra nicht zu», entgegnet er mir beim Aussteigen und zottelt danach zur Dusche beim Fussbecken, wo er sich – nicht mehr gerade erstaunlich und trotzdem ungewöhnlich – genüsslich die volle Brause ins Gesicht schiessen lässt. Ich lache wieder und wende den Blick der Badiwiese zu. Auf der Suche nach einem knieweichen Flecken im Schatten der Sträucher mit Kleebett für unter mein Badetuch.
Ich liebe die grosse Liegewiese – obwohl ich am liebsten am Rand liege. Abseits. Von dort guck ich wie durch einen Türspalt auf das Treiben und werde eingesogen. Oder werde zur Sattelitenschüssel für Bilder, die mich Spazierenführen, wenn ich die Augen schliesse. Von unter den Büschen meldet sich der Muff von Robidog und Pisse an und von der Wiese her eine Wolke Parisienne-Indoorgras mit Kokosmilch. Daylong und saurer Schweiss. «Jebem ti majku,», «säuber dini Mueteer Autee», oder ein Vater zu seinem Sohn: «Verzeusch mau wider nume Scheiss.» Je nachdem wie der Wind steht, selten geworden, wenn auch nicht ausgestorben – Grüfnisch. «Hinifier binifin inifich danafahenefeim.»
Hier bin ich daheim. So eine Badiwiese meldet Anspruch an, heute das Rütli zu sein:
«Wir wollen sein ein vermischtes Volk von mindestens Brüdern und Schwestern, in keiner Not uns trennen und Gefahr. Wir wollen frei sein. Wie die Nomaden waren, eher den Tod, als in der Knechtschaft leben. Wir wollen trauen auf keinen Staat weder dem höchsten Gott, sondern uns fürchten vor der eigenen Übermacht und Ohnmacht fremder Menschen. Und Inschallah fällt morgen die Predigt aus»
Es ist erst Vormittag – aus dem Schoss der Badi hinaus, in den sie uns für den Sommer bettet. Plagt mich der Verdacht, schnell wieder auf den Hund zu kommen. Wer stimmte denn nicht gerne ein in diese kollektive Fantasie. Alle Farben und Formen, United Colors of Benetton. Und beim Badibeizli hört man bisweilen auch in der Stadt wieder Ländler. Und da stehen wir dann sogar gerne an, obwohl kein Teufel weiss, wie lange es dauern wird – schlimmer als an einer Busstation ohne Uhr, aber alle bei bester Laune. Der Verdacht erhärtet sich. Ein versteckter Gewinn der mir zuwinkt, artverwandt dem faulen Stolz, nicht bloss Freund:innen zu haben mit Alpenhintergrund. Im Windschatten einer Kulisse bewaffnet mit dem guten Gewissen. SUHLEN heisst das Verb: ich suhle, du suhlst, sie suhlt, wir suhlen uns (in der Badi) – also sind wir. Ich nehm’s beim Wort und auch beim Hund. In der Badi ausgeschlossen, aber jetzt wünschte ich ihn mir hier, mit der Schnauze im fremden Dreck. Sich im Exkrement des Anderen freudig selbsterkennend. Oder für den Menschen eine Lektion – als Gefährten-Tier des Hundes – die Erlösung steckt in der Selbstbesudelung. Die Freiheit der Schweine liegt auf der Allmend. Kontrolle abgeben als emanzipatorische Praxis und auch Verantwortung.
Ich bin kein armes Schwein, ich bin ein glückliches. Unrein ist der Mensch im Anfang. Geboren in einer schauderhaften Sauce.
Neulich ist jetzt: pralle Mittagssonne, vor mir essen drei Kinder eine Schüssel Pommes mit Ketchup und Mayo. Sie halten die Frittes in der Mitte und falten sie in ihren kleinen Schlund. Selig wie alles tropft und verschmiert. Das gönn ich mir auch und kipp dann plötzlich um, unter dem Gewicht einer Lastwagenladung Duvetdecken.
Sekundenschlafdruck wie beim Auto- oder Zugfahren – so einfach muss Erfrieren sein. Und traumlos der Schlaf die schönste Zeit, frei von Täuschungsmanöver, oder der grösste Trugschluss. Ruhe. Bis zum Punkt da mich die Sonne wieder am Kopf trifft, scheinheilig an den Pappeln vorbeigefahren die alte Heliumkugel und hat mich jetzt im Visier. Und provoziert ein trotziges Erwachen, das mich sofort ans Wasser treibt.
«Schau mal Mami, wenn ich so im Wasser liege, dann stell ich mir vor, ich trage die ganze Erde wie ein Kleid.» «Schön Philemon, aber wir sind eigentlich da zum Schwimmenlernen, das haben wir so abgemacht.» Ich kenne dieses Wir, denke ich – hüte dich vor diesem Wir, lieber Philemon. Es frisst seine eigenen Kinder. Aber die Erde im Wasser als Kleid tragen, das stehle ich dir schon jetzt.
Nahaufnahme: das Uferlos einer Wasseroberfläche, quecksilbern und blau, schillernd, wie das Fliegen der fliegenden Fische. Die Kamera rückt weiter weg, Vogelperspektive, das Kind kommt ins Bild – eine einsame Angelegenheit. Totale: von oben sehen wir jetzt die ganze Badeanlage; ameisengleich das Wimmeln im Becken und ringsherum. Das Bild dreht sich – das Kind mit winzigen Pupillen im Zentrum. In Berührung. Körper, Wasser, im Fluss der Dinge, Interface – nicht metaphorisch, aber praktisch verbunden mit der Welt. Das Bild dreht sich schneller und alles verschmiert, Schlieren erst und dann plötzlich, schneller, Pixel und der Riss. Stille. Der Titel wird eingeblendet:
FREISCHWIMMER
Besser gefiele mir: vom Verschwimmen.
Was ich mag:
Urs Rihs ist Autor ist Veranstalter ist Radiobetreiber ist DJ ist xy (choose your own adventure). Kurz, fast überall anzutreffen, im Weinberg wie im Weyerli.
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