Julia: Kennst du das, wenn in Musiker:innen- oder Künstler:innen-Dokus so ein Mysterium um eine bestimmte Zeitspanne und Szene konstruiert wird, wo man sich im Nachhinein fragt, ob es das wirklich so gab, oder ob das nicht alles ziemlich stark verzerrt und ausgeschmückt wurde? Also zum Beispiel «das Westberlin der 80er» oder «Andy Warhol und das Studio 54»… Jedenfalls: diese Erzählungen haben stark auf meine Wahrnehmung abgefärbt und ich habe gerade das Gefühl, wenn man später einen Film über die Schweizer Subkultur der 2020er machen würde, wäre es auch ganz klar: Du wärst eine der Protagonistinnen, der Star der Stunde des Undergrounds. Es ist die V3G-Ära! Frauenfeld und Züri waren die Places to be und deine Social Media-Profile das Studio 54 der Zeit…
Salomé: Hör auf, bitte.
Julia: Ok, sorry. Dann anders gesagt: Ich finds sehr gut, dass du grad so oft spielst und immer bekannter wirst.
Salomé: Danke. Ich auch! Aber ich hab auch Angst.
Julia: Warum?
Salomé: Das ich nicht genug gut Gitarre spielen kann und die Musiknerdmänner das irgendwann entlarven werden…Aber gleichzeitig finde ich auch: dann erst recht. Ich will es gar nicht gleich gut können. Ich kann dafür andere Sachen besser.
Julia: Find ich auch. Wie und wann hast du eigentlich angefangen, Musik zu machen?
Salomé: Ich war schon lange in einem Umfeld, wo fast alle Musik gemacht haben. Und ich war schon immer ein riesiger Musiknerd, so auf «ich will die Lieblingsband deiner Lieblingsband kennen»-Pick-me-Girl-Art. Es war also irgendwie absehbar. Als Kind habe ich sehr klassisch Blockflöte und Klavier gespielt, und dann mit etwa 23 begonnen, Gitarre zu lernen.
Julia: Letztes Jahr hast du deine erste EP rausgebracht, sie heisst «Die unsichtbare Hand des Marktes würgt mich (ohne Konsens)». Magst du erzählen, wie sie entstanden ist?
Salomé: Ich habe meine Schwester besucht, die zu der Zeit in Malaysia studiert hat. Dann war ich 10 Tage in einer Hütte auf einer Thailändischen Insel, verbrachte dort viel Zeit alleine am Strand und begann, Songtexte zu schreiben. Der erste Song war «Hildegard von Bingen», ich schrieb ihn in 5 Minuten runter auf die Melodie von «Computerstaat» von Abwärts. Ich hatte den starken Drang, wütende Punkmusik zu machen.
Eine Weile später konnte ich für 6 Wochen die Hütte von Dagobert in den Bergen hüten. Das war super, aber auch teilweise sehr kalt und scary. Dort brachte ich mir Ableton bei und komponierte erste Musik. Ich konnte anfangs wirklich nur rudimentär Gitarre spielen, aber bei Ableton half mir das Wissen aus dem Filmstudium. Im Frühling 2024 durfte ich dann als Opening-Act ein paar Mal mit Dagobert auftreten. Die Songs waren da aber noch ganz anders und viel roher. Nur die Texte waren schon fix.
Dann bin ich ein Jahr lang fast jeden Monat nach Leipzig gefahren und hab die EP zusammen mit Raphael Bella fertigproduziert.
Julia: Seither hast du schon oft solo gespielt in diversen Schweizer Clubs oder an Festivals. Machen dir Liveauftritte Spass?
Salomé: Am Anfang war es ganz schlimm: Vor den ersten Konzerten mit Dagobert hatte ich richtig Angst, war wochenlang wie gelähmt. Es ist jetzt schon viel besser geworden. Aber ich glaube, auf Dauer hab ich nicht mehr so viel Lust, alleine aufzutreten. Das wird sich aber zum Glück auch bald ändern; Ich habe zwei supergute Musikerinnen gefunden, mit denen ich ab März zusammen auftreten werde. Ich verrate jetzt noch keine Namen, aber ich freue mich sehr auf die Zusammenarbeit. Es wird den Sound wahrscheinlich auch nochmal stark verändern. Aber das finde ich gut. Ich sehe die Musik nicht als mein eigenes Baby, das ich bewahren muss. Die Texte vielleicht noch am ehesten. Aber ansonsten freu ich mich auf Experimente!
Julia: Thema Multimedia: Ich hab dich ursprünglich vorallem auf Insta wahrgenommen als Person, die sehr lustige, pointierte Kurztexte schreibt. Die Musik habe ich erst später kennengelernt. Und Filme machst du ja auch noch. Beeinflussen sich diese Dinge gegenseitig, oder siehst du es eher als getrennte, für sich stehende Sparten an?
Salomé: Es gibt ein paar Themen, die mich schon lange beschäftigen und Einflüsse haben auf alles, was ich mache. Katholizismus zum Beispiel. Ich bin erzkatholisch aufgewachsen. Wir sind als Kinder in den Ferien ins Kloster gefahren, haben zuhause gebetet, wie man sich das eben vorstellt. Diese Nähe zum Katholizismus ist bis heute da, ich arbeite zum Beispiel auch grad an einem Film, der in einem Kloster spielt. Und ich mag die Symbolik, die damit zusammenhängt, und das Potenzial, sie anders auszulegen, als sie ursprünglich gedacht war.
Julia: Dazu fällt mir wieder einer meiner liebsten Bluesky-Skeets von dir ein: «fyi wenn ich röcke trage mach ich das in a catholic raised queer dude listening to black metal way und nicht in süs feminin girly way checkt ihr».
Salomé: The Hot Priest! Das war ja auch mein erstes Bühnenkostüm. Eine Priesterkutte. Aber nochmal zur Frage mit der gegenseitigen Beeinflussung: Humor ist mir wichtig, auch mein Klosterfilm wird (im besten Fall) lustig werden. Aber nicht unbedingt in der Musik. Die muss nicht lustig sein.
Julia: Ich muss gestehen, bevor wir uns zum ersten Mal analog trafen, hast du mich ein bisschen eingeschüchtert. Dein Duktus ist so cool und abgebrüht, man sieht dich nie lachen auf Fotos, oft zeigst du den Mittelfinger. Dabei bist du so ein lieber, sympathischer Mensch!
Salomé: Haha, ja gut… Also gerade dir sollte ich das eigentlich nicht erklären müssen, oder? Das ist ja das Tolle daran, eine Online-Persona zu haben: dass die nicht 1:1 so sein muss, wie man selbst im echten Leben ist. Wenn ich jetzt drüber nachdenke, sollte ich mich vielleicht noch viel böser und abgefuckter inszenieren.
Julia: Finde das generell ein spannendes Thema: Attitüde. Es ist bei mir grad ein langsamer und unangenehmer Prozess zu erkennen, dass so vieles im Leben einfach damit zusammenhängt, ob man selbstbewusst auftritt oder nicht.
Salomé: Mega! Ich war mein ganzes Leben lang extrem unsicher. Alles was ich gemacht habe, habe ich zu Tode analysiert und war nie zufrieden. Seit etwa einem Jahr ist es besser geworden. Auch durch diese Online-und Bühnen-Attitüde, die ich mir zugelegt habe. Ich hasse es, das zuzugeben, aber: «Fake it till you make it» stimmt wirklich oft. Es ist ja leider auch immer noch so, das vor allem Frauen oft sehr unsicher sind, sich selbst zerfleischen, den Fehler immer zuerst bei sich suchen. Eine Sache, die dem Patriarchat enorm nützt.
Julia: Ja. Dabei würde vielen Männern ein bisschen mehr Unsicherheit gut tun. Unsicherheits-Umverteilung jetzt!
Salomé: Eins meiner Ziele im Leben: Ich will, das mir male validation irgendwann wirklich komplett egal sein wird.
Julia: Amen.
Julia: Hast du musikalische Vorbilder?
Salomé: Ja, viele! Um nur einige zu nennen, wo man den Einluss auf meine eigene Musik vielleicht auch hört: Malaria!, Hans-A-Plast, Die Goldenen Zitronen, Die Nerven… Aber ich höre auch sonst sehr viel unterschiedliche Musik. Und ich will auch gar kein Genre bedienen. Diese EP ist aber sicher geprägt von meiner Liebe für 80er-Punk, Wave und deutsche Texte.
Julia: Wie geht es weiter? Hast du konkrete Zukunftspläne?
Salomé: Konkrete Pläne nicht, ich glaube, ich mach einfach weiter, Projekt nach Projekt nach Projekt, bis ich irgendwann sterbe (lacht). Aber ich freu mich gerade sehr, bald mit einer Band zu spielen, und neue Musik zu machen. Und ich hoffe, ich schaffe es, das Musikmachen weiterhin als Hobby zu begreifen und nie als finanzielle Verpflichtung.
Frick, Aargau, vor 200 Millionen Jahren
Nach dem Essen betreten wir den surrealen Saurierkosmos. Es ist lustig und schön und an vielen Stellen eher Rumpelkammer mit Dino-Fokus als seriöse Wissensvermittlung. Wir versuchen herauszufinden, welche Art Dino wir gewesen wären und warum, und ob es für das aktuelle Menschenbewusstsein spannender wäre, für ein Jahr lang irgendein prähistorisches Tier sein zu können, oder eine Woche im Kopf eines SVP-Politikers zu wohnen. (unklar)
Eine bemalte Wand mit Wüstensujet und Dinokopf-Relief trägt den Titel «Frick, Aargau vor 200 Mio. Jahren». In einem Videoraum läuft eine Computeranimation über die Entstehung des Universums, untermalt mit sphärischer Meditationsmusik. Salomé: «Wenn das in der Sauna laufen würde, ich wäre so zen…»
Am Spiegel in der Kundentoilette hängt ein laminiertes T-Rex Bild, darunter steht «Konnte die Hände nicht waschen….ausgestorben!»
Unser Highlight ist ein Flur, in dem Dinos in einzelnen Schaukästen in verschiedene Alltagssettings intergriert wurden. Es gibt zum Beispiel: «in the living room», «easter», «halloween», «love life» und «fashion».
Wir fragen uns, was die zeitlose Beliebtheit von Dinosauriern ausmacht, kommen aber zu keinem besseren Ergebnis als: grosse Echsen sind einfach cool.
Wir machen viele Fotos und haben ein paar grosse spirituelle Erkenntnisse über Raum, Zeit und Existenz, die aber leider alle spätestens im überbordenden Angebot des Merch-Shops am Ausgang wieder zu Staub zerfallen. Oder anders formuliert: Es entsteht der Eindruck, dass man während der Reise durch die ausgestellte Evolutionsgeschichte selbst einbisschen devolutioniert ist.
Als letzte Station, bevor wir uns wieder auf den Weg zum Bahnhof machen, besuchen wir die Kristallhöhle. Eine externe, aber doch zugehörige Museumsabteilung. Es gibt dort riesige lila Schmetterlingsflügel aus Amethyst, in die man sich setzen kann, um ein magisches Foto von sich machen zu lassen. Alle Steine sehen ein bisschen Fake aus, obwohl sie, im Gegensatz zu den Dinos, den Weg in die Gegenwart geschafft haben.
Es war ein toller Tag. Als nächsten gemeinsamen Ausflug beschliessen wir das Hexenmuseum in Gränichen.
Das One of a Million 2025
Verbrennung 3. Grades spielt am 14. Februar am One of a Million in Baden. Das Festival führt auch dieses Jahr an die verschiedensten Orte der Stadt, hin in die Druckerei, in die Stanzerei, ins Royal, in die Abdankungshalle – oder im Falle des V3G-Konzertes in die Musikschule Burghalde. Es spielen auf, neben ganz vielen anderen mehr: Fulmine (aka Rebecca Solari), Swimming Pool (mit Seina), Jabu aus Bristol, fiesta en el vacío oder Rahel & Zooey. Und natürlich: noch ganz viele mehr.
Das Festival dauert vom 6. Februar bis am 14. Februar, die kurze Reise ist sehr empfohlen. (bs)
Verbrennung 3. Grades auf Bandcamp und auf Instagram.
Alle Konzerte von V3G hier.
Die Zeichnungen in diesem Beitrag stammen von Julia Kubik.
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