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«Das ist eine ultra uncoole Haltung»

Cruise Ship Misery

«Bis bald»

Milena: Zu «Bis bald» gibts eine wirklich gute Story. Wir spielten in Rapperswil einen Gig, zusammen mit zwei Rockbands. Ein Dude war da, und sagte uns: «Ich bin heute da, um zu schauen, wer einen Aufnahmetag in den Powerplay Studios gewinnt.»

Sarah: Wir haben gar nicht gecheckt, dass es ein Bandcontest ist…

Milena: Wir sagten ihm: «Wir nehmen aber alles selber auf, produzieren auch selber.» Ein paar Tage später meldete er sich dennoch, und teilte uns mit, dass er uns ausgewählt habe. So gingen wir zum Spass in dieses Studio, nahmen Joe mit, damit wir auch noch einen Beat aufnehmen konnten – wir haben ja sonst gar keine Instrumente, nur die Vocals. «Bis bald» ist auch anders gemischt, klingt anders. So hat die ganze Reise in diesen Powerplay Studios im Jahr 2020 begonnen. Der Dude, Jeremy, war übrigens sehr nett und der Tag im Studio wirklich cool.

Die restlichen Songs produzierten Sarah und ich selber. Wir waren nicht sehr oft in derselben Stadt, Sarah hat alle Instrumentals aufgenommen und ich alle Vocals, und wir haben es im Anschluss zusammengefügt. Es war uns wichtig gewesen, das Album selber zu produzieren – unser Debüt «Urteil» wurde von Kusi Darksome produziert, was super war, aber jetzt sind wir genügend weit, das selber zu machen. Und das wird auch unseren Sound definieren.

Sarah: Im Prozess des Selbermachens merkte ich: So, jetzt kommen meine eigenen musikalischen Interessen wieder nach vorne, und zwar jene von ganz früher, als ich noch alleine produzierte noch als «Darkini» – mega grümschelig und mega offen in alle Richtungen. Dieses Album hat meine musikalische Geschichte von hinten aufgerollt.

...

Milena: Es gibt nur ein Rezept, wie unsere Songs entstehen. Sarah bringt die Texte mit, die sie schon ein wenig aussortiert hat. Aber es sind keine fertigen Texte. Sie macht ein paar Melodien und Akkorde bereit – früher auch die Beats –, und bringt sie mit in den Bandraum. Und ich picke mit der Cut-up-Methode einfach ein paar Textteile raus, und wir fügen alles zusammen. Es ist ein relativ kurzer, schneller Prozess, und wir einigen uns jeweils auch sehr schnell auf eine Form.

Sarah: Dank Joe ging es nun noch ein wenig schneller, da ich keine Beats mehr vorbereiten muss.

Milena: Und wir haben gemerkt, es geht immer noch – auch zu dritt in der Formation.

Sarah: Die Texte sind eigentlich meine heimliche Lyrik, die nur dank Milena in die Welt tritt. Es ist jene Form, durch die ich am einfachsten ins Schreiben komme, wenn ich nicht an einem grösseren Text arbeite. Das sind Zeilen, Umbruch, zgzgzgzgzg, lange Dokumente in Gedichtform. Ich habe schon öfters versucht, diese Texte als Lyrik zu veröffentlichen oder anzupreisen, aber es hat nie funktioniert. So dachte ich mir: also gut, dann ist es halt Songmaterial.

Milena: Sarahs Texte sind Hochdeutsch, ich übersetze sie simultan immer ins Berndeutsche…

Sarah: Ich schreibe sperrig, brauche oft Bürowörter oder Wörter aus der Verwaltung. Damit es singbarer wird, gibts Stellen, an denen Milena etwas umstellen muss. Sonst ändert sie nicht allzu viel an der Satzstellung, deshalb finden sich in den Songs Wörter und Konstruktionen, die man auf Berndeutsch nicht sagen würde.

Milena: Ein Beispiel ist: «dr Körper beschuldigt mi miner Oberschenkel». Das würde man ja nie sagen. Auf Hochdeutsch – «beschuldigt mich meiner Oberschenkel» – ist es ja auch gestelzt, oder?

Joe: Das ist schon sehr geschliffen.

Milena: Ich habe es aber einfach so übernommen. Oder «zwäcks Eigebedarf», das sagt man ja auch nicht. Schweizerdeutsch ist ja immer noch eine Sprache, die man spricht – und nicht schreibt. Klar gibts Literatur…

Sarah: …aber die Mundartliteratur orientiert sich vor allem an dem, wie es gesprochen wird. Sie bezieht den Schwung aus dem Mündlichen. Wir machen gerade das Gegenteil und nehmen jeglichen Schwung aus dem Berndeutschen raus.

Milena: Das macht ja auch die Absurdität unserer Songs in gewissem Sinne aus.

Sarah: Wenn es im Deutschen einen bestimmten Rhythmus hat, dann wäre die korrekte Übersetzung ins Berndeutsche länger – und es würde umständlicher. Und der Songrhythmus würde wieder kaputt gehen, es gibt keine Vergangenheit und es kommt noch irgendein Perfekt dazu, das nicht singbar ist. «Hätti das gmacht wo ig hätt gmacht gha…» Also ich kann ja gar kein Berndeutsch.

Milena: Das Geschliffene würde uns überhaupt nicht entsprechen. Das Cruise Ship ist aus einem spontanen Ruck entstanden, der immer weiter führte, und irgendwann haben wir gecheckt: Wenn wir Spass haben wollen, muss es eine Band sein, in der nichts muss. Wenn das nicht funktioniert, müssen wir aufhören.

Sarah: Wir hatten so wenig Zeit, um uns vorzubereiten. Dieses schnelle, nicht mega verkopfte Arbeiten tut uns beiden gut.

Ich hatte 2016 eine Performance in Basel, ich wusste im Vorfeld nur den Namen und sagte den Veranstalter:innen: ich komme einfach, mache einfach etwas mit dem Alleinunterhalter:innen-Klavier. Aber alleine hat es überhaupt nicht funktioniert. Ich sang natürlich unkonzentriert und Deutsch und pathetisch und nervös und ich wollte auch noch die Musik spielen. Als Milä einmal zu Besuch war, nahm sie das Ganze in die Hand und hat alles Pathos rausgewaschen – die emotionale Aufgeladenheit ist komplett anders, wenn das eine Person singt ohne Bezug zu den Texten. Ich hatte ab da meine Ruhe – und konnte mich viel besser auf mein Zeug konzentrieren.

«Dini Meinig»

Sarah: Die Prosatexte habe ich explizit fürs Buch geschrieben. Denn ich wusste, irgendein Vor- oder Nachspiel oder eine Erklärung oder eine Auffächerung des Songinhalts muss es geben. Hier wollte ich eine Art Gegenposition finden. Der Song ist eine Anklage. Sie sagt: «Hey, du und deine Meinung, das ist alles grösser als ich und deine Meinung ist ja grösser als du selber». Und ich dachte, vielleicht wäre es cool, wenn die Position, die im Song angeklagt wird, sich auch mal äussert, und sagt: «Ja, aber meine Meinung ist deshalb so wichtig, weil…» Hier sind die beiden Texte polarisiert.

Milena: Wir überlegten uns ja, wie wir ein Buch zur Musik machen können, ohne dass man einfach eine CD dazu pappt. An dem haben wir lange herumstudiert. Die Idee kam definitiv nicht von mir, sondern von Sarah und vom Verleger Matthias – weil mein Business ist die Musik. Ziemlich schnell wurde klar, dass es zusätzliche Prosatexte geben soll.

Sarah: Ich hatte nach dem Roman Lust auf Kurztexte, und auch darauf, wieder wilder, rotziger und nerviger zu sein. Die Leute, die nur die Songs hören, sagen schon: das ist recht rätselhaft, wir würden gerne ein wenig mehr wissen. Was sind das für Positionen, was für Figuren, die hier auftreten und was wollen die eigentlich? Das hatte ich im Hinterkopf. Und ich fand es schön, noch etwas mehr preiszugeben über diese Haltungen. Die sind zum Teil so unangenehm und radikal und unverständlich. Dazu kommen die Illustrationen, die nach einem ähnlichen Prinzip funktionieren. Luca kann diese Zustände recht gut erfassen; dieses Hässige, dieses Nicht-Integrierbare, versteht er mega gut. Ein match made in heaven, finde ich.

Milena: Das Schwierige an diesem Song ist, dass sich das Publikum oft betroffen fühlt. Ich bin recht bös mit den Menschen in den Tracks, und das liegt nicht unbedingt in meiner Natur. Aber ich geniesse es dann jeweils schon. Es ist ambivalent, Sarahs Texte zu performen. Und bei «Dini Meinung», den ich immer mit dem Running Gag einführe: «ich sage euch jetzt Deine Meinung», ist der Text halt doch böse.

Sarah: Irgendwann wird es ja schon parodistisch, wenn die Menschen merken: ah, das ist eine Verarschung von diesem Haltungszirkus, der momentan so präsent ist.

Milena: Im Endeffekt ist es eine Performance. Cruise Ship wird performativ betrachtet, wir sind nicht einfach eine Band. Die Irritation führt dazu, dass sich das Publikum nicht total gehen lässt. Und das macht doch Performance aus.

«Bestätigung»

Sarah: Die Ästhetik der Songs vermittelt oft etwas anderes als der Text. Hier hatten Milena und ich eine ganz andere Auslegung. Sie dachte an eine Bestätigung der Liebe, die Bestätigung einer Aufmerksamkeit. Im Prosatext zielte ich stärker darauf, dass es auch eine Diagnose sein könnte, auf die man wartet. Eine Befürchtung, die bestätigt wird – und gar nicht unbedingt eine Person. Sie performt den Song wie einen Lovesong…

Milena: Für mich gehts in diesem Song auch darum, die Aufmerksamkeit des Publikums zu erhalten. Erst jetzt, in den Interviews, merkte ich, dass es für Sarah etwas anderes bedeutet. Aber das spannende ist ja: ich frage sie nicht, wie sie das gemeint hat, ich mache es einfach so, wie ich den Text verstehe. Und Sarah lässt mich einfach.

Sarah: So können wir auch die Interpretationen offen halten. Wenn ich die ganze Zeit sagen würde, nein, du musst den Text so singen, als wärst du beim Arzt, dann wäre es wieder vorbei mit dieser Irritation.

Milena: Es wäre nicht mehr Cruise Ship. Das ist genau das Ding: dass es eine Person performt, die weit weg ist, und den Text nur als Material ansieht.

«Porca Miseria»

Milena: Unser smartester Song, live.

Sarah: Den haben wir live ewig nicht mehr gespielt.

Milena: Den gabs schon fast nicht mehr.

Sarah: Aber wir wollten ihn unbedingt auf dem Album.

Milena: Ich habe darauf bestanden, dass es nach einem Krimi klingen muss, relativ reduziert mit viel Raum für den Text.

Joe: Du wolltest es ernsthafter. Ich habe da zuerst einen Schlager gehört, mit einem Umpta-Umpta-Element.

Milena: Und ich habe das herausgemobbt. Jetzt ist er «smart ass».

Sarah: Sonst wäre es gewesen: Krimi, kurz Schlager, danach Ballade.

Joe: Ich versuche bei den Livedrums eine Gratwanderung. Die Beats gibts ja schon von Sarah, man kann nicht alles beiseite wischen, was es schon gibt. Das starre Gefüge zu übernehmen und gleichzeitig die Freiheit, die ich als Live-Musiker habe, mit einzubauen, das war der Weg.

Sarah: Ich mache natürlich für meine Beats keine physikalischen Überlegungen, ich mache einfach das, was meinen Ohren gefällt. Von Joe zu verlangen, er solle genau das spielen, ist unmöglich. Denn für eine Person, die Schlagzeug spielt, gibts ja auch eine physische Dimension. Das hat dazu geführt, dass die Songs eine grössere Gesamtdynamik haben und nicht mehr so wild zerstückelt sind wie früher. Sie werden so musikalischer und als Musik lesbarer.

Joe: Andererseits hast du auch ganz viel mit Sequenzern gearbeitet, das gibt diese Grundstruktur, die durchläuft. Und es werden Schichten rein- und wieder rausgenommen. Vom Konzept her habe ich versucht, das beizubehalten, und mit diesen maschinellen Grundstrukturen zu arbeiten.

Milena: Das Entspannende ist für uns: wir haben etwas, das funktioniert, das ist ein Geschenk. Und so versuchten wir, etwas Neues zu machen, uns wie neu zu erleben. Wir wollen auch dem Publikum etwas anderes bieten. Wir haben sehr treue Fans, die immer wieder kommen – das klingt jetzt vielleicht etwas kitschig. Dank Joe – einer zusätzlichen Human Force – gibt es mir und dem Gesang eine neue Dynamik, einen neuen Boost.

Sarah: Es ist auch cool, wenn eine dritte Person mitdenkt und sagt, wie ein Song wirklich klingt. Dann gibt es halt drei Meinungen, aber meistens trifft eine der drei Meinungen etwas, das noch nicht ganz sauber ist. Manchmal übertrumpft man diese Meinung und zieht es durch, aber wenn man schliesslich allein ist und es durchhört, merkt man: oh, das ist ja gar nicht gut.

Joe: Die zeitlichen Prozesse sind ja auch sehr lustig. Die Interpretationen sind eigentlich längst passiert, und jetzt kommt nochmals eine Person dazu. So kommen drei Meinungen aus ganz unterschiedlichen Zeitpunkten im Arbeitsprozess zusammen. Und es wird im Moment neu verhandelt. Wir lösen das gar nicht unbedingt auf, dass es unterschiedliche Ansätze gibt.

Milena: Also ihr hört schon sehr auf mich.

Sarah: Da ich früher den ganzen Lärm machte, hatte ich auch eine Riesenmacht in diesem Songwriting-Gefüge. Und jetzt kommt noch ein Solist dazu – es sind nun drei Solist:innen, die den Platz einnehmen wollen. Und gleichzeitig wollen wir ja, dass der Text transportiert wird.

Milena: Im Endeffekt geht es um den Text.

Sarah: Das ist auch ein Phänomen, dass die Instrumentalisten stundenlang etwas aushecken und dann kommt die Interpretation des Textes – und man weiss: das geht überhaupt nicht. In jenen Momenten habe ich mir gesagt: Hey, das einzige, das sich seit 2016 durchzieht, ist der Text. Ein Stück weit hat sie dadurch schon die Hoheit, und das wäre schwierig, wenn wir diese Hoheit gerade jetzt neu definieren wollten. Deshalb halte ich mich derzeit gern an den Texten und ihrer Wirkung. Milä ist auch die einzige, die nicht die ganze Zeit auf etwas herumtrommelt oder an irgendwelchen Knöpfen dreht.

«Brutto»

Milena: «Brutto Inland Netto Super Clean» ist so fest Sarah. Da sind diese Wörter mit Verwaltungsapparatscharakter – und dann folgt irgendeine Verschrägung, eine Absurdität, und das bringt ihre Art zu schreiben auf den Punkt. Aber auf den Titel wäre ich so nie gekommen.

Sarah: Es zeigt in Kleinform auf, wie meine Lyrik üblicherweise funktioniert. Es gibt eine fast plakativ kritische Haltung, die sich von Sound zu Sound ändern kann – also vom brutto zum netto zu mega sauber, mega clean. So gibt es auch immer phonetische Assoziationen, die prädestiniert sind für Songs. Die Sinnhaftigkeit springt dabei sehr schnell.

Milena: Das kann auch überfordern – es ist auch sehr viel Text. Die einzige Möglichkeit, dass ich mir den Text merken kann, ist, dass ich sie immer gleich performe.

Sarah: Dieser Song hat sehr viele Wandlungen durchgemacht. Zuerst war es eine Mundartkolumne, wir machten während Covid ein Hörspiel dazu, und erst später wurde es zum Song, zunächst live, später auch in produzierter Form – und jetzt ist nochmals ein Text daraus entstanden. Das ist jetzt ein Partytrack geworden.

Milena: House war das Stichwort.

Sarah: Beim Aufnehmen war es so toll, da hat noch eine Person eine Scheibe geputzt, deshalb hats am Schluss noch dieses Scheibenputzgeräusch. Es gibt später immer diesen Moment: Okay, ich habe das gemacht, aber was, wenn es alle scheisse finden, die involviert sind? Ich kann dann jeweils fast nicht schlafen, bis jemand eine Rückmeldung gegeben hat.

Milena: Wir müssen uns im Cruise Ship nicht an Regeln halten, das ist so entspannend. Ich habe sonst immer einen Coolness-Anspruch an alles. Aber hier fällt er. Ich musste alles loslassen. Denn hier gibt ja niemand Credits – und Sarah interessiert sich null dafür. Das hat mir sehr gut getan.

Sarah: Im Zweifelsfall kann man immer die Autor:innenschaft auf die andere Person abschieben. Und die ist eh immer schon fort.

Milena: Es ist ein lustvoller Vibe.

Sarah: Der Aspekt, nach dem Roman etwas zu machen, das nicht der harten Interpretationsschiene der Literaturkritik standhalten muss – und das auch nicht von mir verlangt, war für mich eine Befreiung. Ich kann in jenen Momenten sagen: Ja, ich bin schon diese Person, die hochgesittet Auskunft geben kann über das Buch – aber ich bin auch diese Person, die wie ein Tubel abgehen kann am Synthesizer und sich einfach freuen kann an den Knöpfen. Und niemand schert sich drum.

Beim Schreiben spürte ich aber, dass ich zurückfinden musste in die Mentalität von 2016, als ich noch andere Probleme mit der Welt gehabt habe. Ich musste mir sagen: Das ist jetzt so, das steckt in den Songs, und jetzt führst du das nochmals auf – dieses fast pubertäre – und steckst es in alle deine Figuren. Das muss sich nicht decken mit deiner neuen konstruierten Identität als Intelligenzija. Es darf auch einfach plärren. Das brauchte Überwindung, doch es hat Spass gemacht.

«Eigeheim»

Sarah: «Eigeheim» ist der erste Track, der sich von der Logik des alten Album gelöst hat, und neue thematische Felder erschliesst. In diesem Text habe ich mich wegbewegt vom urbanen Drogen-/Sucht-/Polizei-/Staatsanwaltschaftskomplex und habe mich gefragt, wo eigentlich der Wahn im Bürgerlichen liegt. Dann landet man schnell bei der Hüslilogik. Es ist jener Text, der aus der Pseudo-Mitte der Gesellschaft den Wahn transportiert.

Milena: Es ist nicht mehr der Verwaltungsapparat Bern City, sondern zieht in die Agglo.

Sarah: «Eigeheim» beschreibt diese Einzwängung, die entsteht, wenn man sich selber Projekte ins Leben pflanzt: wir müssen jetzt ein Haus bauen, einen Kredit aufnehmen und Ehe und Kind und Auto… Und plötzlich beginnt es im Innern zu gären, und das Haus wird zu einem Fass, das irgendwann explodiert.

Milena: Dein Text hat mir Angst gemacht beim Lesen. Woher kommen diese Abgründe? Auch deshalb ist es kein Kinderbuch, trotz denn Illustrationen und der Mundart – das würdest du deiner Tochter ja nicht vorlesen, oder?

Sarah: Auf diesem Bild wird der arme Kinderbraten gerade verschnitten… Aber für diesen Text wollte ich immer ähnlich viele Silben haben, und jeder Satz könnte eine Kalenderweisheit oder ein Werbeslogan sein. Während ein, zwei Tagen habe ich nur noch in solchen Kurzsätzen gedacht, ich sammelte Sprüche von Plakaten, etwa von Versicherungsfirmen. Mit was für Bonmots und Slogans wird eigentlich die Stabilität im Leben beworben? Und wie kann man diese Werbelogik mischen mit dem Brutalen und damit mit etwas, das nicht bewerbbar ist? Ich wurde fast manisch, und am Schluss des Textes wusste ich: hier muss eine Person diese andere Person aus dem Haus herausholen. Herr Rohner muss nun halt für einen Moment in die Psychi, sonst würde der Text nie aufhören.

«Der letscht Ort»

Milena: In der Verwaltungssprache ist der letzte Ort jener Ort, an dem eine Person zum letzten Mal gesehen wurde. In diesem Song ist das Drogenthema, die Suchtproblematik sehr präsent.

Sarah: Hier ist es am klarsten benannt. Es geht um dieses Dreieck zwischen Substanz, Konsument:in und jenen Leuten, die nicht konsumieren, nämlich jene, die die Substanz verkaufen oder nach ihr fahnden.

Milena: Oder die angehörigen Personen sind und sich Sorgen machen. Als wir den Pressetext geschrieben haben, wollte ich es noch ein wenig kryptischer und verschleierter ausdrücken. Aber du, Sarah, sagtest dann, nein, hier müssen wir es nun konkret benennen.

Sarah: Es ist ja auch die zweite Single. Mit all den neuen Substanzen auf dem Markt, ist es ein Riesenproblem, dass all die Anlaufstellen finanziell weggestrichen werden, deshalb muss man wieder mal klar sagen: das mit der Drogenkriminalisierung ist ein Problem – nicht nur für die Konsument:innen, sondern für ein ganzes Umfeld und das verschlingt so viele Ressourcen. Es geht ja auch um Ressourcen im Text. Die Person sagt, dass sie die Ressource ist, und sich so selber als Substanz sieht, die mit einer anderen Substanz konkurriert.

Das ist ja auch eine unpopuläre Haltung, dass wir zwar über Substanzen und Drogen und kriminelle Sachen schreiben und sprechen und singen, aber wir vermeiden die verherrlichende Schiene und sagen nicht: das ist die Lösung, um die bürgerliche Gesellschaft zu sprengen. Es ist einfach ein Lebensweg, und es muss nicht zwingend gut herauskommen – und ist auch nicht kreativfördernd per se. Das ist auch eine ultra uncoole Haltung.

Milena: Wir konsumieren nichts. In den Venues wird uns immer Alkohol angeboten, und wir sagen einfach: «We don’t care. Habt ihr mir ein Tee?»

...

Sarah: Wir als Personen – unabhängig von der Musik und der Kunst – sind so grundverschieden. Und wenn zwei so verschiedene Personen zusammenarbeiten wollen, muss es eine sehr grosse Toleranz für die Eigenheiten und Vorlieben geben, die auch in die Inhalte der Songs hineinfinden. Und da sind wir uns selten extra auf den Schlips gestanden. Bei früheren Bands habe ich das am Laufmeter erlebt – da wurden Machtspielchen untereinander ausgetragen und in irgendwelchen vordergründig flachen Hierarchien, die von einer Person dominiert wurde, Entscheidungen getroffen. Bei uns ist klar: ich dominiere das, sie dominiert jenes, er das. Es ist ein schlimmes Wort. Aber es ist einfach klar: Jede:r affirmiert sein Ding, und niemand muss der anderen Person etwas wegnehmen oder konkurrieren. Das hilft einfach.

Milena: Cruise Ship ist eine komplett andere Herangehensweise an Musik oder an Kunst allgemein. Wir forcieren nichts, es passiert einfach. Wenn so komplett verschiedene Minds zusammenkommen, ist das fast wie Magie. Wir sind so komplett andere Typen: ich präsentiere mich gerne auf der Bühne, mache mich zwäg, und dir, Sarah ist das alles so egal. Das ergänzt sich einfach wunderbar. Oder bist du jetzt mein Konkurrent, Joe?

Sarah: Du kommst doch schon im Abendkleid, oder?

Milena: Dann erhalte ich noch Konkurrenz, haha.

Was wir mögen

  • Das Album «Believer» von Smerz, es hat uns in unserem Producing-Prozess des neuen Albums inspiriert.
  • Milena mag: Mandelpaste auf getoastetem Pumpernickelbrot mit Salz und Banane, aromatisierten Kaffee (mit Tiramisu-Aroma zum Beispiel), smart gewürztes Essen, über Haare reden, klare Ansagen, überallhin mit dem Fahrrad fahren, meine Vocal Fx Gear, nach dem Saunagang in die Aare, Consent.
  • Sarah mag: lange Detektivmäntel, Vögel beobachten, rätselhafte Kunst, Rachel Cusks Bücher, alles mit Wasser, und wenn der Abend über dem Tscharni die irrsten Farben an den Himmel knallt.

 

«Brutto Inland Netto Super Clean» ist im gesunden Menschenversand erschienen.

Live: 24.2., Stauffacher, Bern; 26.2., sogar Theater, Zürich; 19.4., Bogen F, Zürich (mit Anna & Stoffner); 3.5., Alte Fabrik, Rapperswil

Mehr zu Cruise Ship Misery auf der Webseite oder auf Instagram

Für splatz.space hat Sarah Elena Müller den Text «Antropomorph gut gemeint» geschrieben, erschienen im Sommer 2022.

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