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Michal Steinemann:
Bärlauch

Utopia

Ada mischt aus Bequemlichkeit zwei Löffel vom Bärlauchpesto unter die Spaghetti, das im Kühlschrank steht. Das Bärlauchpesto war ein Geschenk von irgendjemandem. Im Moment verschenken das alle, weil sie es selbst nicht mehr essen wollen. Bärlauch stösst auf. Bärlauch verleidet. Nur gibt es niemand zu.

Ada dreht mit der Gabel die Spaghetti im Löffel auf. Sie stopft die aufgedrehten Spaghetti in ihren Mund, kaut darauf herum, schaut dabei ins Leere, schluckt und isst so den Topf leer. Mit einem Glas Wasser spült sie die Reste die Speiseröhre herunter. Es schaut ihr niemand zu beim Essen. Am Mittag isst Ada allein. Ada hat Mutterschaftsurlaub. Alle anderen im Haus arbeiten, verbringen die Zeit auswärts. Dann betrachtet sie sich im abgeschleckten Löffel; Ada auf dem Kopf.

Seit sie leergegessen, die Gabel und den Löffel in den Grund des Topfes gelegt hat, spürt Ada ein Feuer am Ende der Speiseröhre. Säure, die aufsteigt. Ada hat Magenbrennen, ihr Kind Koliken. Dadurch fühlt sie sich verbunden, durch infizierte Magenwände. Sie seufzt, was sollen solche Gedanken.

Das Kind isst noch nicht. Es nuckelt nur. Es nuckelt sogar im Schlaf. Ada schaut dem Kind dabei zu, wie es die nach aussen gestülpten Lippen auf- und abbewegt. Sie hat diese Sequenz bereits mehrmals gefilmt und Nora geschickt. Nora hat ihr geschrieben, dass es sie langsam langweile. Ada weiss noch nicht, ob sie das beleidigt hat oder nicht. Sie muss sich das überlegen. Nachher trifft sie sich mit Nora. Nora ist das Beste, was ihr in letzter Zeit passieren konnte. Nora ist Ada in dem Moment begegnet, wo sie allein war, ohne es zu merken. Das Kind war ja da. Aber mit einem Kind, das so klein ist, kann man sich allein fühlen. Das weiss Ada jetzt, jetzt, wo sie Nora kennt. Nora hat kein Kind, Nora hat ein Leben, das vollgefüllt ist mit Menschen. Ada und Nora küssen sich, wenn sie sich sehen. Das Kind kann nicht reden. Es wird es nicht weitererzählen. Es wird es nicht weitererzählen, wie Ada und Nora knutschen, wenn ihnen danach ist. Das Kind nuckelt, schläft, nuckelt im Schlaf, doch es ist dabei.

Ada liebt Nora so, dass ihr das Herz bis in den Hals schlägt, wenn sie an sie denkt, und sobald Ada Nora sieht, dann ist alles wieder in Ordnung. Wenn Ada aber daran denkt, dass Nora genauso verschwinden kann, wie sie aufgetaucht ist, bleibt ihr das Herz stehen. Sie muss jetzt nicht daran denken. Sie muss jetzt abwaschen. Ada hasst es, abzuwaschen. Wenn sie allein isst, isst sie aus dem Topf, in dem sie kocht. Sie bricht sogar die Spaghetti in der Mitte durch, damit sie in den kleinen Topf passen. Mit dem kleinen Topf spart sie beim Abwaschen. Halbierte Spaghetti haben doppelt so viele Enden. Das, wenigstens, gefällt Ada. Doch Ada besetzt das Gefühl immer mehr, dass sie alle ihre Keimlinge geweckt hat, dass sie tanzen, in ihrem Magen, in dieser begrenzten Organtasche, wegen dieses verdammten Bärlauchs, den sie heruntergeschluckt hat, obwohl sie es eigentlich weiss: Sie verträgt ihn nicht. Und was einmal in einem drin ist, braucht Zeit, bis es wieder draussen ist. Im Mund schmeckt er nicht schlecht, der verdammte Bärlauch, in der Nase aber stinkt und im Magen brennt er. Jetzt, wo das Kraut die Gedärme gestreift hat, ist es wie mit einer Flamme, die ins Benzin fällt und entfacht.

Bärlauch, Bärlauch, Bärlauch. Dieses Kraut, das alle pflücken. Im April. Es wächst am Strassenrand. Am Strassenrand der Strasse, an der das Haus steht, in dem Ada und weitere Menschen wohnen. Ada erkennt das Kraut von weitem, sie kann es riechen, je nach Tageszeit. Je nach Tageszeit hängt der Bärlauch in der Luft wie eine Nebelschwade, die herumgeistert und einen eigenen Willen hat. Bärlauch wächst an allen Strassenrändern der Strassen, an deren Häuser stehen. Häuser, in denen Menschen wohnen, Menschen, die Ada kennen. Menschen, die Bärlauch lieben. Menschen, die Bärlauch pflücken, waschen, mixen. Mit Nüssen, Parmesan und Öl mischen. Die grüne Masse salzen und würzen. Mit dem Finger probieren und sich über die Stärke wundern. Ada kennt das Rezept. Etwas kräuselt in ihr drin, etwas gärt.

Dann verschenken diese Menschen ein, zwei Gläser. Gläser, mit der Aufschrift: Bärlauchpesto. Ada dankt jedes Mal, weil man sich für Geschenke bedankt. Ada erinnert sich, sie hat letztes Jahr ein Glas davon eingefroren, sie konnte es nicht mehr sehen. Es steht noch immer da, im Gefrierfach. Zwischen LSD-Spray und Muttermilch. Ada geht davon aus, was ihr passiert, passiert auch anderen. Wer alles hat das noch. Ein Gefrierfach mit Drogen, Muttermilch und Bärlauchpesto. Ada macht jetzt ein Foto davon. Sie will es später ausdrucken und ins Familienalbum kleben. In diesem Familienalbum kleben viele Gegenstände und nur wenige Menschen, vor allem immer die gleichen. Das sei doch der Sinn eines Familienalbums, sagte Nora, als Ada einmal über diesen Gebrauch herzog.

Ada ist gleich mit Nora verabredet. Sie muss sich jetzt anziehen und raus. Das Kind, das seit über einer Stunde schläft, hebt sie vom Stubenwagen auf und legt es in den Kinderwagen. Das Kind ist seit zwei Tagen krank, darum schläft es viel. Ada macht das manchmal nichts aus, dass es krank ist und viel schläft. Ada schiebt den Wagen der Strasse entlang in die Stadt.

Sie hasst den Geschmack in ihrem Mund. Er lenkt sie ab. Sie kann keinen Gedanken zu Ende denken, bevor sie das Brennen im Magen einholt. Sie rülpst den Bärlauch auch schon hoch. Ada läuft schnell, den Mund halb offen, hechelt, vielleicht gelangt so schneller frische Luft in ihr Inneres. Als sie bei der Tankstelle vorbeikommt, kauft sie eine Packung Kaugummis, obwohl sie Kaugummis hasst. Sie wirft sich einen Kaugummi ein, einen zweiten.

Die Mischung sei zum Kotzen, sagt Ada, als Nora plötzlich vor ihr steht. Sie hat Nora nicht kommen sehen. Ada ist kurzsichtig. Sie bietet Nora einen Kaugummi an. Nora nimmt ihn, und Ada bereut es sofort. Sie hält es kaum aus, wenn jemand in ihrer Nähe einen Kaugummi kaut, auf dem Kaugummi herumspielt.

Ada holt ein Nastuch aus ihrer Hosentasche und drückt ihren lauwarmen Kaugummibollen rein. Dann drückt sie mit Daumen und Zeigefinger darauf herum. Nora geht etwas versetzt vor ihr, um dann auf dem Trottoir Richtung Zentrum wieder nebeneinander herzugehen. Nora hat Locken und Ada liebt ihre Locken. Sie will in sie hineingreifen. Aber Nora wehrt ab. Nora mag ihre Locken nicht und schlägt die Kapuze nach oben. Ada lässt die Hand hängen und legt sie wieder um den Lenker des Kinderwagens. Sie sagt zu Nora, sie solle den Kaugummi wieder ausspucken. Nora verdreht die Augen und sagt, sie sei doch ein komischer Kauz, und spuckt den Kaugummi aus. Er macht ein hörbares Geräusch, als er auf dem Boden auftrifft. Zufrieden, fragt Nora und Ada nickt.

Ada trägt seit Jahren Schuhe aus schwarzem Leder, die bis über den Knöchel reichen. Die Schuhe haben breite Sohlen. Ada macht grosse Schritte, wenn sie geht. Man sieht es Ada nicht an, aber sie hat Angst vor Hunden. Wenn sie einem begegnet, macht sie einen grossen Bogen um ihn, oder ihr Herz rast. Nora weiss das, aber Nora nimmt keine Rücksicht. Sie lässt Ada nicht an den Rand des Trottoirs, sondern stösst sie in die Mitte, als sich ihnen ein alter Mann mit einem grossen Hund an der Leine nähert. Ada umschliesst den Lenker des Kinderwagens fest mit ihren Händen. Sie schwitzt an den Innenflächen. Nora kommentiert diese, als sie nach der einen Hand greift. Da will Ada sie am liebsten an den Haaren reissen und gleichzeitig will sie sich an ihr festklammern. Der alte Mann mit dem grossen Hund geht nur langsam an ihnen vorbei. Er hinkt und hält die Leine in der einen und einen Gehstock in der anderen Hand.

Ada sagt zu Nora, wenn sich der Hund losreisse, fehle dem Mann bestimmt die Kraft, ihn zurückzuhalten. Das werde nicht passieren, sagt Nora und lacht. Woher könne sie sich dessen so sicher sein. Einfach, sagt Nora und wechselt das Thema. Sie sagt, sie ziehe wieder weg, nach Heidelberg, sie habe da eine Stelle im Theater zugesichert bekommen. Ada schluckt. Ada hat nicht nur ein Brennen im Magen, sondern jetzt zieht sich etwas in ihr zusammen, wie ein selbstständig gewordenes Organ, das sich öffnet und wieder zusammenzieht, etwas, wie eine helle, aber venöse Qualle, könnte man meinen, die sich in Adas Brustkorb einen Weg nach aussen schaffen will.

Nora, sagt Ada und kotzt ihr vor die Füsse, bevor sie weiterreden kann. Nora hält ihr die Haare im Nacken zusammen, wie Freundinnen das so machen, sagt sie und Ada kotzt sich noch mehr aus.

Dann setzen sie sich auf die nächste Bank. Nora sagt, warte hier, ich hole dir eine Cola. Nora verschwindet zwischen der automatischen Schiebetür der Tankstelle und kommt nur wenig später mit einer Packung Salzstangen und einer Cola wieder. Sie sagt, es helfe beides gegen Übelkeit. Die Sonne scheint beiden ins Gesicht. Ada sagt, sie habe einfach nicht anders gekonnt und entschuldigt sich, dafür, dass sie ihr vor die Füsse gekotzt habe. Nora sagt, das müsse sie doch nicht. Ada und Nora lutschen schweigsam an den Salzstangen, bis sich das Salz auf der Zunge löst. In Ada löst sich kurz alles auf. Sie sagt zu Nora, sie hasse Bärlauch und sie hasse vor allem diesen Frühling.
 

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