Es muss sehr still gewesen sein, nachdem in Gottes Namen alle Hexen verbrannt und im Bildersturm der Aufklärung die letzten Geister ausgetrieben worden waren. Der Hexenhammer war 1486 vom dominikanischen Inquisitor Heinrich Kramer geschrieben worden. Das Buch wurde zur Anleitung für die europäische Hexenverfolgung, deren brutalste Zeit in das 16. und 17. Jahrhundert fiel. Das erwachende Zeitalter der Vernunft war mit Blut getauft. Die Hetzjagd auf Zauber, Zweifel und Zwischenwesen haben Religion und Rationalität gemeinsam verbrochen, vollzogen wurde der Soziozid vor allem von weltlichen Richtern. Mit der Industrialisierung fielen dann noch die Schutzengel vom Himmel. Helfen sollten jetzt die Maschinen.
Die Vernunft glaubte, das letzte Wort gesprochen zu haben. Elektrifiziert und im Glauben, alles durchschauen zu können. Dem Glauben selbst entkommen und der Welt überlegen, fühlte man sich jetzt auch zum Übersinnlichen berufen. Séancen wurden abgehalten, 1882 wurde in London der Ghost Club gegründet. Und wenn an solchen Orten unter Gläserrücken das Tor zum Totenreich aufgestossen wurde, waren da gerne auch Victor Hugo oder Marie Curie dabei – Kunst und Wissenschaft, aber auch Politik. Für die Dandys und Intellektuellen der Zeit gehörte sich das. Die Mauer zwischen Erkenntnis und Täuschung wurde im Raunen feinstofflicher Beschwörungen eingerissen, bevor sie jemals sauber hochgezogen war. Ein Zirkel schloss sich. Eine Schattenwelt erwachte im Rücken der Messbarkeit. Und mit ihr etwa die Anthroposophie, der Astralkörper oder die Aura.
Als Vor-Reaktion, wer weiss, auf die Schrecken der Moderne, die noch folgen sollten. Das lineare Dogma des Fortschritts hatte das Unkontrollierbare ins Visier genommen. Oder besser: versuchte es zu integrieren, und produzierte es dabei. Der Zeit schien die Wissenschaft erweiterbar, gerade durch Geheimlehren und Versprechen aus fernen Welten. Auch das Jenseits sollte diesseitig werden. Reformgedanken und Esoterik, nicht als Gegenbewegung zum technischen Fortschritt – sondern als dessen Mitgift: eine gegenstrebige Fügung war das, kein Widerspruch. Und wer also heute noch von der Entzauberung der Welt damals allein ausgeht, verkennt eine entscheidende Einsicht: Das immer heller werdende elektrische Licht brauchte gleichzeitig seine Dunkelkammer.
Kann dieser aufkommende Okkultismus – oder Spiritismus – als Versuch gelesen werden, das Übersinnliche objektiv zu erfassen? Es blitzte und donnerte, Mut bis Übermut sprang hin und her zwischen Maschinen und Köpfen. Und plötzlich, an der Wende zum 20. Jahrhundert, klang ein neues Medium aus dieser Wolke: Das Radio. Die ersten Ausstrahlungen mahnten an Magie. Musik, Stimmen, die plötzlich aus Kästen sangen, und nie gehörte Geräusche. Nicht wenige glaubten – euphorisiert – bald auch an die Möglichkeit, Gedanken übertragen zu können. Schliesslich verbreiteten Wellen Stimmen ohne ihre Körper. Die Telepathie wurde zum Fetisch. Ein Gedanke, der bis heute weiterreicht – bis zur Vorstellung von Singularität, der Verschmelzung von menschlichem Bewusstsein und Computer.
Aber zurück zum Radio und der Reihe nach.
Mit Experimenten von Popow, Tesla und Marconi zur drahtlosen Übertragung – und mit dem Nachweis elektromagnetischer Wellen durch den Physiker Hertz – bevölkerte sich der Raum zwischen Himmel und Erde plötzlich wieder. Die Luft geriet in Schwingung und materialisierte sich akustisch: Ein Rauschen zum Greifen nah schwemmte die Stille. Und dabei glaubte sich auch eine uralte Idee schliesslich bestätigt; die Idee eines weltumfassenden Mediums zur Übertragung, eines Stoffs, der die Welt umwebt: Äther. Das Konzept war schon in der Antike bekannt, «Äther» kommt vom griechischen Wort für «der blaue Himmel». In der Frühen Neuzeit erklärten Descartes und Newton damit die Reise des Lichts.
Nur dass sie damit falsch lagen. Die Physik am Anfang des 20. Jahrhunderts brach mit der Idee vom Äther als feinstofflichem Vermittler. Einstein brauchte ihn für das Licht nicht mehr. Licht bewegte sich auch ohne Äther im Vakuum. Und trotzdem tauchte der Begriff bei Einstein später wieder auf. Im Radiokontext hat der Äther bis heute überlebt.
Als liesse er sich nicht von Fakten auflösen. Am 8. Juni 1921 in Königs Wusterhausen bei Berlin wurde erstmals eine Oper in den Äther geschickt; über Antennen so hoch wie kleine Eiffeltürme. Puccinis «Madame Butterfly». Und eigentlich darf damals noch gar niemand zivil Radio hören – Rundfunkempfang ist verboten, weil er der militärischen Nutzung vorbehalten ist. Trotzdem wird die Oper über Hunderte Kilometer empfangen. «Madame Butterfly» war wie eine Vorerinnerung: Der Versuchung Radio sollte nie mehr zu widerstehen sein.
Und das Radio sollte explodieren: 1924 «Zauberei auf dem Sender», das erste deutsche Hörspiel. 1930 wartet Bertolt Brecht bereits mit seiner Radiotheorie auf: In der Hoffnung, Empfänger würden gleichzeitig auch zu Sendern – aktiv und nicht bloss berieselt – ist das damals aber noch Zukunftsmusik. Dafür wissen moderne Diktatoren das Radio sofort als Massenmedium zu erschliessen. Durchs leuchtende Katzenauge am Radioapparat sitzen sie in jeder Stube und sprechen zu den Menschen in ihrem Daheim. Vertrauen und Begehren entstehen wesentlich übers Ohr. Vielleicht hockt da nicht zufällig als Aufpasser auch der Gleichgewichtssinn. 1938 «War of the Worlds» von Orson Welles. Der Realismus des Hörspiels soll in den USA der Legende nach Panik ausgelöst haben. Die Manipulation der Wahrnehmung am Radio. Fake News im Zeitalter ihrer Sendbarkeit sind geboren. Und selbst die angebliche Massenpanik wird zur Nachricht – die Nachricht über die Nachricht.
In der Nachkriegszeit wird das Radio widerständiger und unabhängiger: weniger staatliche Stimme, mehr mobile, fahrende, fliegende Sender und sogar Radioschiffe. Unterwanderung, Subversion und Protest – das Radio wird Aktivismus. In urbanen Zentren und den postkolonialen Staaten erheben sich Stimmen und autonome Stationen. «Radio Rebelde» auf Kuba oder «La Voix de l’Algérie combattante» sind nur ihre bekanntesten Vertreter. Radio als Organisationsform, um Gleichheit zu erstreiten. Nur schon der Wunsch, Freiheit hörbar zu machen, reicht als Potential. Und dieses Potential war nicht abstrakt: Am 9. Januar 1979 um 10:15 Uhr wird das freie Radio Città Futura in Rom von Faschisten angegriffen. Am Sender läuft keine politische Propagandasendung. Das feministische «Radio Donna» ist gerade dabei, über Alltags- und Lebensthemen von Frauen zu sprechen – an diesem Morgen über Verhütung. Nur mit viel Glück überleben die fünf anwesenden Frauen schwerverletzt.
Neben der Politisierung des Radios passiert gleichzeitig ein Turn hin zum Medium der Avantgarde. Ab den 50ern vermählen sich Reportage und Klangexperimente mit konkreter Musik zu erster Soundkunst. Danach breitet sich das Radio im Kultur- und Bildungsbereich aus. Und eine Beruhigung hält Einzug. Das Fernsehen übernimmt den grossen Auftritt, das Radio wird alltäglicher und bleibt relevant. Es entstehen unabhängige Sender, auch für die breitere Gesellschaft, in der Schweiz grüsst das Radio 24 vom Monte Ceneri. Die Kommerzialisierung schlägt ein. In den 90ern gleicht das Radio einer Wohlstandsparty.
Die 2000er brechen den Boden wieder auf, etablieren das Gefühl von Anything Goes und zersetzen langsam, aber definitiv die Idee von linearer Progression: Alles kann vor- und zurückschwappen. Neokonservative Talkradio-Hosts profitieren in den USA von der Deregulierung des Radios: Ende der 80er fällt unter Reagan die Fairness Doctrine, die Rundfunkanstalten noch zur Ausgewogenheit verpflichtet hatte. An keinen Massstab gebunden, predigen diese Hetzer wie einst evangelikale Pastoren auf Zeltmission und werden gerade für die postindustrielle Arbeiterklasse zu Leitsternen. Unterdessen erscheinen im Internet die ersten Podcasts. Das Radio wird individuell gemacht: eine Revolution. In den 2010er Jahren passiert ein veritabler Podcastboom, und Brechts frühe Hoffnung vom aktiven Zuhören wird mit der direkten Teilnahme per Chat plötzlich teilweise Wirklichkeit.
Dann London, April 2011 – Femi Adeyemi ruft das Internetradio NTS ins Leben und bestimmt seither wesentlich den Musikgeschmack der westlichen Metropolen mit. Die urbanen, kreativen Eliten hören jetzt kuratiertes Webradio. Schnell entsteht daraus ein Style, eine Mode mit all ihren Codes. Countrysendung neben Hardcore-Techno ist dabei kein Widerspruch. Und auch nicht, dass diese Vielfalt gleichzeitig ihren Kitsch produziert: eine globale Vereinheitlichung der Hörgewohnheiten in den urbanen Zentren unter dem Taktschlag der Kuration.
Das Radio hat sein magisches Echo längst überholt: Ob es die Nische behauptet oder den Geschmack für viele vorbestimmt, es hat sich vom Zauber emanzipiert. Das Radio braucht die Äthertheorie gar nicht mehr.
«What is ether?»
fragte einst ein Grüppchen euphorischer Radiogeister 2016 aus Bern.
«they say it’s nothing, they say it’s a bias.»
We can hear it though.
Radio Bollwerk – a community radio and beyond.
Denn Äther, wenn man so will – das sind wir.
10 Jahre Radio Bollwerk
Das Berner Communityradio feiert den zehnten Geburtstag – am 19. September mit einer Clubnacht in der Dampfzentrale feat. Diamin, Nina Hässig und Alex Like. Und natürlich immer auf dem Sender.
Urs Rihs ist Autor ist Veranstalter ist DJ ist xy (choose your own adventure). Kurz, fast überall anzutreffen.
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