Ich habe Kunst studiert und während dem Studium vor allem gemalt. Ich schrieb zwar immer Texte, aber ich wusste nicht genau, was ich mit diesen machen soll. Ich las diese zwar an Semesterpräsentationen vor, doch irgendwie gab es keinen Rahmen. Nach dem Bachelor guckte ich, was ich machen könnte, um mehr zu schreiben. Und nach einem Kunststudium ist man ja an einem Punkt, an dem man sich sagt: jetzt solltest du vielleicht schon mal was Vernünftiges machen. Es ist schon hart: Du arbeitest jahrelang in der Gastro und niemand interessiert sich für das, was du eigentlich machst – was aber auch voll okay ist…
Ich studierte dann Kulturpublizistik – das Literaturinstitut war keine Option, da dies ein Bachelorstudiengang ist. Das Studium machte ich vor allem deshalb, weil ich dachte, dass ich da begleitet schreiben könnte, und das wiederum könnte vielleicht hin zum journalistischen Schreiben führen. Ich merkte dann sehr schnell, dass ich dieses Journalistische gar nicht so gerne mache. Ich münzte jedes Projekt in ein Literarisches Schreiben um. Zu jener Zeit ist viel entstanden, weil es diesen Rahmen gab, wo ich etwas produzieren musste.
Schon zu Beginn des Studiums wusste ich, dass ich gerne ein Romangerüst als Masterarbeit machen würde. Ich wusste, dass dies möglich ist – ein Freund von mir, Maurin Baumann, hat auch so ein Romanprojekt gemacht. Und ich wusste, dass dies nicht wahnsinnig gern gesehen wird, da man einen Roman nur schwer einordnen und bewerten kann.
Der aktive Schreibprozess startete dann im letzten Jahr des Studiums. Sehr schnell kam ich mit Tine Melzer in Kontakt – sie hat damals ihr Debüt veröffentlicht. Tine nahm sich wahnsinnig viel Zeit für meine Texte – sicher mehr, als sie eigentlich hätte reinstecken müssen. Das war huere schön. Ohne sie wäre es viel schwieriger gewesen, auch, weil sie mir immer eine Lockerheit gegeben hat.
Tine hat mich auch an Manuela Waeber weitergeleitet – sie ist beispielsweise Teil der Jury zum Schweizer Buchpreis. Sie war meine erste Lektorin, das war eine sehr coole Zusammenarbeit. Gleichzeitig habe ich den Text, in überarbeiteter Form dem Limmat Verlag geschickt. Sie haben sofort gesagt, dass sie mich gerne treffen würden. Ich arbeitete mit Manuela weiter, und konnte rasch davon ausgehen, dass die Möglichkeit bestand im Limmat Verlag zu veröffentlichen, wenns gut wird– was der Arbeit noch einmal eine ganz andere Motivation gegeben hat. Und so war alles sehr sehr einfach – im Vergleich, wie es wohl normalerweise ist oder wie ich es erwartet hätte. Gleichzeitig weiss ich, dass «Den Berg auf der Zunge» ein guter Text ist – und ich weiss, dass sehr viel Arbeit drin steckt. Ich muss aufpassen, dass ich das nicht allzu stark relativiere…
Es ist aber auch nice zu sehen, dass im Verlag jetzt alles junge Frauen arbeiten; zu merken, dass so viele Frauen vorher schon so viel Arbeit in die Sichtbarkeit junger Autorinnen investiert haben, dass so ein Weg, wie ich ihn gehen kann, möglich ist. Das ist wunderschön, ich fühle mich richtig getragen.
Für das Buch schrieb ich während drei Monaten jeden Tag, ohne dass ich gewusst habe, was es für eine Geschichte geben wird. Diese drei Monate waren sehr streng. Und sie machten eigentlich auch nicht mega Spass. Im Nachhinein würde ich aber sagen, dass es gleichzeitig auch die schönste Zeit gewesen ist, weil du hast etwas konkretes zu tun. Und du schreibst sehr viel Text, den man dann gar nicht braucht. Wenn man das Mindset hat, dass man nicht auf Chnorz alles herausbringen muss, was man sich alles überlegt, ist das auch angenehm. Auf jeden Fall ist es angenehmer, als im Anschluss wirklich mit dem Text zu arbeiten, denn man kann diesen nicht dann mehr so stark verändern – das hat mich sehr viel Energie gekostet. Bei einem zweiten Buch wäre dann wohl mehr Druck dabei, und ich wüsste vielleicht auch konkreter, wann ich bereits über gewisse Dinge nachdenken sollte. Nun weiss ich, wie gross die Arbeit ist, gewisse Dinge im Nachhinein nochmals neu zu schreiben.
Ich ging fürs Schreiben auch nach Wengen. Im Vorfeld dachte ich, dass während den drei Wochen dort viel passieren würde. Und lustigerweise ist gar nichts passiert. Das hatte ich oft: Ich habe mir Orte gesucht oder ich ging wandern, und dachte: da kommt mir sicherlich etwas in den Sinn, aber man ist dann mehr damit beschäftigt, den Weg zu finden und nicht umzgheie. Und dann hat man auch schon wieder Hunger und muss was essen… Das Beste, das ich geschrieben habe, passierte aber wohl zwischen Stuhl und Bank, irgendwo im Zug, oder in einem Moment auf einem Spaziergang – ich versuche das dann zu notieren und später auszuschreiben. So ist fast alles, was ich gemacht habe, nicht dann oder auf jene Art entstanden, wie es ein logischer Plan eigentlich vorsehen würde. Das finde ich alles in allem sehr beruhigend, auch für kommende Schreibprojekte.
Es gab ja keinen klaren Plan, und dieser nicht ganz klare Plan hat sich während dem Machen nochmals verändert. Zuerst war es schon sehr stark: Ich schreibe meine Geschichte auf, denn ich weiss gar nicht, was ich sonst erzählen sollte – ich kann doch nur über das Schreiben, was ich auch erlebt habe. Beim Schreiben hat sich das aber sehr stark verfremdet, und vielleicht auch mit mir selber versöhnt.
Das Ordnen des Textes war dann viel schwieriger als den Inhalt zu generieren. Ich nahm Texte wieder hervor, beispielsweise den splatz-Beitrag mit den zwei verschiedenen Spielorten, dem Stadt und dem Land, der stark von der Stadt aus gedacht ist. Das passte gut an den Romananfang. Ich habe in einem Workshop auch eine Reportage über meinen Vater geschrieben, wie er aus Jugoslawien in die Schweiz gekommen ist, und da ich die Reportage sehr literarisch gedacht habe, hat das sehr gut reingepasst. Da ich all diese Bausteine schon hatte, ging es dann doch recht schnell, die Geschichte zusammenzusetzen, und die einzelnen Teile und Bruchstücke miteinander zu verweben, damit man beim Lesen nicht rausfliegt. Und ich hatte einfach sehr viele Leute, die Lust hatten, meine Texte zu lesen und mir zu sagen, wo was noch fehlt.
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Ich kann mich erinnern, dass ich gerne im Dorf war, aber schon früh merkte ich, dass ich mich nicht so richtig zugehörig fühle. Als ich in Lauterbrunnen die Sek besuchte und noch mehr Kinder aus anderen Dörfern dazu gekommen sind, war es für mich klar: ich wollte Wengen verlassen – im Gegensatz zu den meisten anderen. Aus diesem Gefühl heraus hat man sich wohl noch viel stärker voneinander distanziert – und ich hegte noch viel stärker den Wunsch: «Ich will gehen, wenn ihr alle bleiben wollt». Im Gymer in Interlaken wurde es dann eh klar. Ich hatte eine gute Zeit, es ging mir nie schlecht im Dorf oder wegen dem Dorf. Aber dass ich etwas anderes sehen wollte, das kam sicherlich sehr früh.
Hier in Bern habe ich dieses Gefühl lustigerweise überhaupt nicht mehr. Ich kann mir nicht vorstellen, von hier wegzugehen. Und ich spüre auch, dass Leute, die hier in Bern aufgewachsen sind, dies auch mega fest haben. Hier habe ich jetzt – und um das geht es im Buch auch – ein viel stärkeres Dorfleben als in Wengen. Ich kenne im Quartier so viele Leute, das hat auch sehr viel mit dieser Beiz hier zu tun, aber ich laufe nie durch die Strasse, ohne eine Person zu kennen oder mit jemandem zu reden. Und ich gehe auch nicht so gerne in andere Quartiere. Dieses bünzlige Dorftum lebe ich hier viel stärker als in Wengen aus.
Ich weiss nicht genau, ob es die Ablehnung gegenüber dem Dorf wirklich gegeben hat oder ob ich diese erst in der Stadt entwickelt habe. Vielleicht war es in Wengen auch schwierig, weil mein Vater krank war. Sicherlich konnte ich damals nicht wertschätzen, wo ich wirklich aufgewachsen bin. Ich hätte mir aber sicher auch gewünscht, mehr Leute um mich zu haben, die sich für gleiche Sachen wie ich interessieren. Das ist schon etwas, was ich fest merke.
Als ich nach Bern gekommen bin, ging ich überhaupt nicht gerne zurück nach Wengen – mittlerweile gehe ich extrem gern. Aber das brauchte schon so zehn Jahre. Diese Geschichte zu schreiben, hat mich sehr fest mit dem Ort versöhnt und ich sehe das Dorf und die Umgebung nun neu. Das ist ein schönes Erlebnis. Jetzt ist es viel mehr wie: ich gehe zurück, es ist wie Ferien – auch wenn dort die ganze Familiengeschichte noch ist und es vielleicht immer noch komisch ist, diese Leute im Dorf zu sehen. Leute, die man nicht richtig kennt – obwohl man mit ihnen eigentlich seit immer bekannt ist. Das ist etwas, das mich stark beschäftigt.
Malerei ist immer noch mein Medium, ich male sehr gern. Und das Schreiben und das Malen wechseln sich auch oft ab: Wenn ich nicht schreiben kann, geht malen oder zeichnen viel besser – oder umgekehrt. Schreiben ist einfacher, da es klar ist, wie man das macht und in was für einer Form dies geschieht. Beim Malen muss man mehr Entscheidungen treffen. Nehme ich eine Leinwand oder einfach Papier? Und vielleicht würde man es gerne ausstellen, doch im Nachhinein merkt man: Scheisse, es wäre besser gewesen, wenn ich das auf einer Leinwand gemacht hätte…
Ich war beim Malen in diesen Entscheidungen hilfloser, ich fand auch weniger Orte, wo ich meine Bilder zeigen konnte. Einen Text finde ich vor diesem Hintergrund wie handlicher. Und in meinem Fall ist der Text auch viel schneller auf Interesse gestossen, es ging alles schneller vorwärts.
Das hängt wohl auch damit zusammen, dass ich eine Kompromisslösung für meine Zukunft gebraucht habe, und in diesem Rahmen habe ich mich vor allem auf das Schreiben konzentriert und mich auch gefördert. Vielleicht stelle ich das Malen auch wiedermal ins Zentrum – momentan ist es gerade nicht so, da das Schreiben so aufregend ist, aber ich würde nie sagen, dass ich das eine oder andere lieber mache oder besser könne.
Ich hätte gerne eine bessere Arbeitsroutine, als ich sie habe – und ich tue auch so, als ob ich eine hätte. Das geht unterschiedlich gut. Ich habe ein Atelier, und spaziere mit dem Hund am Morgen direkt dorthin. Es ist also vor allem der Morgen, der gut funktioniert.
Ich versuche, jeden Tag zu schreiben, und ich denke, das ist das Beste, was man machen kann. Das man auch machen muss, weil man sich sonst dazu verleiten lässt, mit seiner Zeit etwas anderes anzufangen. Ich habe momentan auch sehr viel Zeit, da ich von der Stadt und dem Kanton Geld erhalten habe, und je mehr Zeit ich habe, desto schwerer fällt es mir, es dann wirklich zu machen. Denn ich weiss: Morgen kann ich ja auch noch. Früher war es eher so: «Ich habe jetzt nur noch den Dienstag zur Verfügung, jetzt mache ich das am Dienstag.»
Es ist dieses konstante Aushandeln mit sich selbst, manchmal geht das super, manchmal ist das anstrengend. Und man muss ja auch etwas erleben, um überhaupt Material zu haben, über das sich zu reden und zu schreiben lohnt. Alte Sachen auszugraben geht schon, aber das ist auch sehr anstrengend. Das kommt nicht einfach zu einem, zumindest nicht auf jene Art, wie man das erwartet.
Es sind zum Teil einzelne Sätze, die ich einfach schön finde. Und dann geht es darum, diesen Satz zu brauchen und einzubetten. Es kann aber auch ein kleiner, absurder Gedanke sein. Ein Beispiel, das mir gerade in den Sinn kommt: Man ist im Tal und es hat so viele Wasserfälle, die ganze Nacht hindurch ist es wahnsinnig laut. Man ist fast ein bisschen gestresst, dass all das Wasser plötzlich davon fliesst. Im hinteren Lauterbrunnental fliesst das Wasser wirklich so, als würde es verschwendet. Ein Gedanke war dann: «Kann nicht jemand das Wasser abstellen? Das ist ja vergeudet.» Und diesen Gedanken baute ich in ein Kapitel ein. Viele Sachen passieren so.
Ich habe dies im letzten Jahr geschrieben und jetzt, in diesem Sommer, hat alles plötzlich eine ganz andere Dringlichkeit erhalten. Es hat wirklich nicht geregnet. Ich fühle mich fast ein wenig verarscht von mir selber, denke mir: War mein Buch jetzt wie eine Prophezeiung oder was genau? Auf eine andere Art bin ich auch dankbar, denn eine bessere Werbung als dieser Hitzesommer konnte es für «Den Berg auf der Zunge» fast nicht geben. Das ist natürlich sehr makaber… Tatsächlich wirkte die Hitze in diesem Sommer viel bedrohlicher, als ich mir dies beim Schreiben ausgemalt habe. Ich hatte gar nicht so stark das Gefühl von wegen: «Ah scheisse, alles geht kaputt und es ist zu heiss und die Gletscher schmelzen» – obwohl es natürlich ein grosses Thema ist. Aber beim Schreiben hat mich nicht dieses Gefühl vorangetrieben, sondern mehr so: diese Sommerhitze, dieses Benebeltsein, so, dass man gar nicht mehr weiss, was man an einem Tag macht. Es ging mir mehr um dieses Gefühl, als dass ich eigentlich über den Klimawandel hätte schreiben wollen.
Das Buch ist auch sonst nah an der Gegenwart geschrieben, mit dem Bauprojekt einer neuen Bergbahn, die du schilderst, und das an den Bau der V-Bahn am Eigergletscher erinnert…
In diesem Sommer spürte ich zum ersten Mal, dass die Leute im Dorf allmählich genug haben und dass man beginnt, auch die Jungfraubahnen als Übeltäterin anzusehen. Als ich in Wengen aufgewachsen bin, nahm ich das mehr so wahr wie: Alle arbeiten in diesem Betrieb oder kennen eine Person, die dort arbeitet, und alle sind froh, dass es die Bahnen gibt. Es ist erstaunlich, wie wenig Wut da ist – ich kenne das von Bern aus anders. Im Umfeld, in dem ich mich hier bewege, sind die Menschen viel hässiger auf das System. Das kenne ich von Wengen nicht.
Dieses Buch ist auch eine Art, den Leuten im Dorf zu sagen, dass man vielleicht nicht immer alles abnicken und nicht zu allem merci sagen muss. Und klar, es stimmt, das Dorf ist abhängig vom Tourismus, gleichzeitig muss man nicht alles mit sich machen lassen. Jetzt, da das Buch erscheint, ist da auch eine Angst in mir, was die Leute über den Text denken. Denn wenn man bei den Jungfraubahnen arbeitet, liest man «Den Berg auf der Zunge» vielleicht nicht mega gern. Vielleicht hätte ich es auch ein wenig gröber schreiben sollen, aber ich wollte den Menschen auch nicht so an den Charä fahrä. Wengen ist immer noch ein schöner Ort, und ich profitiere von dem, meine Familie auch, und ich bin gerne mit diesen Bahnen unterwegs… Für mich ist es keine leichte Position, denn ich wohne ja gar nicht mehr dort, und ich habe eigentlich auch gar nichts mit all dem zu tun. Und mich würde vielleicht auch nerven, wenn jemand von aussen kommt und sagt, seid ihr eigentlich blöd?
Ich habe diesen Ort wahnsinnig gern. Und ich will auch gar nicht, dass er sich mega fest verändert. Dass es dort viele Leute hat, ist mittlerweile auch Teil der Geschichte von diesem Ort. Es geht nicht darum, Leute gegeneinander auszuspielen. Es geht darum, dass man zusammen weiter schaut und nicht hässig aufeinander ist. Das ist ein essentieller Teil des Buchs. Aber ich kann nicht einschätzen, wie «Den Berg auf der Zunge» gelesen werden wird.
Ich denke, mein Buch könnte als Klimaroman gelesen werden, obwohl ich diesen gar nicht schreiben wollte. Und ich möchte auch gar nicht, dass mein Text nur auf diese Art gelesen wird, vielleicht auch aus der Angst heraus, da ich in Klimafragen eine gewisse Ermüdung feststelle, da alles allzu furchterregend ist – zumindest war das vor diesem Sommer so.
Was wir aber noch gar nicht angesprochen haben, ist die Migrationsgeschichte der Familie, die ich selber auch fast vergessen habe, weil man so verleitet ist, über diese Bergwelt nachzudenken. Aber es war mir wichtig, diese im Roman zu erzählen, dieses Selberrausreissen aus einer Umgebung, um an einem anderen Ort neu zu beginnen. Diese Veränderung kann Angst machen – oder auch etwas Schönes bewirken. Ich habe mich auch gefragt, ob ich die richtige Person bin, um eine solche Geschichte überhaupt zu erzählen. Denn sie ist auch auf eine Art mit Scham verbunden. Mein Vater ist ja hierhin gekommen, nach Wengen, und ich habe einfach nur profitiert. Ich habe einen Namen, den man nicht genau einordnen kann, was vielleicht auch ein Glück ist – ich habe nicht viel von einer Marginalisierung mitbekommen. Ich habe mich auch distanziert von diesem Leben, habe mich nicht wirklich für seine Kultur interessiert, spreche nicht seine Sprache, und ich begann ja eigentlich erst, diese Geschichte aufzuschreiben, als mein Vater bereits gestorben ist. Sich zurechtzufinden, sich zu fragen, in welcher Position man ist, ob ich das erzählen darf oder dies eher einer anderen Person überlassen sollte. Ich habe Freunde meines Vaters getroffen, die mit ihm diesen Weg zurückgelegt haben, aufgrund ihrer Erinnerungen habe ich seine Migrationsgeschichte aufgeschrieben und fiktionalisiert.
Was mich beim Schreiben sehr beschäftigt hat und auch jetzt beschäftigt, ist die Frage, wie wir zusammen reden. Welche Sprache haben wir? Spricht diese Person wie eine aus der Stadt oder wie eine vom Dorf? Wie sprechen Menschen miteinander, die verschieden alt sind und verschieden ausgebildet? Ich habe das Gefühl, dass wir in so vielen Situationen die Sprache gar nicht haben, um zusammen zu reden. Die Gräben zwischen uns entstehen ja auch deshalb, weil man nicht zusammen spricht, weil man nicht weiss, wie man zusammen reden kann.
Um herauszufinden, wie man diese gemeinsame Sprache erarbeiten kann: dafür braucht es wahrscheinlich einfach sehr viel Wohlwollen, das fast niemand mehr hat, weil alle das Gefühl haben, sie haben am ehesten recht, sie haben es am meisten gecheckt. Und man ist dann frustriert, weil es an allen Ecken nicht weitergeht. Natürlich bin ich überzeugt, dass das Weltbild, das ich habe, das richtige ist, aber diese Überzeugung hat jemand, der vielleicht rechts wählt, auch. Und solange wir kein Gleichgewicht finden, geht es nicht vorwärts. Das ist auch etwas, das mich in den letzten drei Jahren beschäftigt hat. Und natürlich: Man darf und muss hässig sein, und es gibt Dinge, die man gar nicht ausdiskutieren muss. Aber wenn man nur mit Wut in ein Gespräch reingeht, bewirkt man wohl nicht, dass die andere Person ihre Meinung ändert.
Wir haben doch alle das gleiche Bedürfnis, nämlich von anderen verstanden und gesehen zu werden in unserer Lebensrealität. Vielleicht gibts diesen Stadt-Land-Graben ja auch gar nicht. Dieser Roman soll eine Einladung sein, versöhnlich miteinander zu sein, und aus all dem raus mit Zuversicht weiterzugehen. Es bleibt uns eigentlich gar nicht so viel anderes übrig.
Was ich mag
«Den Berg auf der Zunge» ist im Limmat Verlag erschienen.
Lesungen: 17.9., Bacio, Bern; 23.9., Paranoia City, Zürich. Diverse Lesungen und Veranstaltungen im Rahmen von Zürich liest Ende Oktober. Alle Termine über die Webseite vom Limmat Verlag.
Am 20. und 27.11. gestaltet Janica Irina Madjar mit Giuliano Musio die Abende «Aus Bergen und Beizen» im Café Kairo.
Derzeit sind Postkarten, die «Den Berg auf der Zunge» begleiten, in der Vitrine in Bern zu sehen
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